Hamburg & Schleswig-HolsteinEin Jahr Überseequartier - wie fällt die Bilanz aus?

Am 8. April 2025 öffnet die Westfield-Mall im neuen Überseequartier. Innenstadthändler fürchteten um ihren Umsatz, Hamburger um ihre Innenstadt. Eine Bilanz zum umstrittenen Milliardenprojekt.
Hamburg (dpa/lno) - Vor nahezu einem Jahr hat der französische Immobilienkonzern Unibail-Rodamco-Westfield (URW) ein Einkaufszentrum im neuen Hamburger Überseequartier an der Elbe eröffnet. Händler der nahegelegenen Innenstadt fürchteten, das Quartier könne Kunden weglocken - und das Zentrum mit seinen stolzen Einkaufsmeilen wie der Mönckebergstraße veröden. Wie fällt die Bilanz aus?
Was genau ist das Überseequartier?
Das Überseequartier liegt im Stadtteil Hafencity. Das Quartier besteht aus einem nördlichen Teil, der seit 2019 fertig ist, und einem südlichen Teil. Den südlichen Teil hat URW erbauen lassen. Einkaufsbummler können vom Jungfernstieg mit der U4 in das Überseequartier fahren. Alternativ kann das Quartier vom Rathaus aus in rund 20 Minuten zu Fuß erreicht werden.
In dem Quartier hat URW außer dem Shoppingcenter vier Bürogebäude, drei Hotels, ein Kreuzfahrtterminal sowie Wohnungen errichtet. URW hat nach eigenen Angaben 2,45 Milliarden Euro investiert. Während des Baus des Quartiers starben nach einem Unfall im Oktober 2023 fünf Arbeiter. Die Fertigstellung verzögerte sich mehrfach.
Was ist im ersten Jahr im Westfield-Zentrum passiert?
Es gab einige Ereignisse: Feuermelder lösten mehrfach fehlerhaft aus. Eine lebensgroße Lego-Giraffe wurde aufgestellt. Vor der Mall wurde die ZDF-Silvestershow gefeiert. Polizisten durchsuchten ein Cannabis-Geschäft. Zuletzt wurde bekannt, dass das Shoppingcenter Ziel eines Hackerangriffs wurde.
Wie viele Besucher kamen ins neue südliche Quartier?
URW rechnete vor der Eröffnung mittelfristig mit 16,2 Millionen Besuchen im Jahr, wie eine Sprecherin für das Unternehmen mitteilte. Im ersten Jahr gab es demnach rund zwölf Millionen Besuche, was das Unternehmen als Erfolg wertete. Die Besucherströme misst der Betreiber über sogenannte Kundenzählkameras.
Wie ist die Besuchszahl einzuordnen?
Das neue Einkaufsquartier an der Elbe zählt rund ein Jahr nach der Eröffnung schon zu den wichtigsten Handelsstandorten der Stadt.
Ein grober Vergleich zeigt: Besonders viele Einkäufer lockt unverändert die Europapassage am Jungfernstieg an. Vergangenes Jahr zählte der Betreiber ECE Marketplaces 18,5 Millionen Besuche in der Passage, wie dieser mitteilte. Auf das Billstedt-Center im Osten der Stadt entfielen 10 Millionen Besuche und auf das Alstertal-Einkaufszentrum in Poppenbüttel 9,2 Millionen.
Direkt lassen sich die Zahlen der verschiedenen Betreiber aber nicht vergleichen, da Erhebungszeiträume und -methoden nicht übereinstimmen. Zudem wird im Westfield-Quartier auch gelebt und gearbeitet, nicht allein eingekauft, was die Zahlen weiter verzerrt.
Wie viele Besucher das traditionsreiche Alsterhaus am Jungfernstieg verzeichnet, ist übrigens nicht bekannt. Der Betreiber wollte auf Anfrage keine Zahlen nennen.
Mit welchen Folgen wurde vor der Eröffnung gerechnet?
Mit der Frage hatte sich vor einem Jahr die BBE Handelsberatung beschäftigt. Das Unternehmen entwickelte verschiedene Szenarien: Im besten Fall für die Innenstadt-Händler könne die Umsatzverlagerung aus der Innenstadt zur Westfield-Mall bei bis zu 4,5 Prozent liegen, im schlechtesten bei 10 Prozent.
Wie viele Menschen sind in der Innenstadt unterwegs?
Diese Frage kann annäherungsweise das Kölner Analyseunternehmen Hystreet beantworten, das mit Laserscannern Passantenfrequenzen in deutschen Städten misst. "Tatsächlich gingen die Frequenzen in den ersten Wochen in den innerstädtischen Haupteinkaufslagen nach Eröffnung des Überseequartiers zunächst leicht zurück", sagte der Co-Geschäftsführer von Hystreet, Julian Aengenvoort. Bis Ende des Sommers 2025 hätten sich die Zahlen aber wieder auf dem Vorjahresniveau eingependelt.
Zuletzt, von Januar bis März dieses Jahres, seien die Besuchszahlen in der Innenstadt aber gefallen, sagte Aengenvoort. Ihm zufolge hing das mit dem kalten Wetter zusammen.
Wie reagieren die Innenstadt-Händler?
Händler der Innenstadt und der Hafencity, zu der auch das Überseequartier gehört, sind in der Gesellschaft City Management Hamburg organisiert. Die Geschäftsführerin von City Management Hamburg, Mimi Sewalski, teilte auf Anfrage mit, das Westfield-Einkaufszentrum sei eine Bereicherung für die Innenstadt. Es biete einen weiteren Anlass, in die Stadt zu kommen.
Gleichzeitig beobachte Sewalski, dass Besucherströme sich stärker verteilten als zuvor. Entscheidend sei, dass kein Nebeneinander der Standorte entstehe. Bislang gelinge das, sagte sie.
Hat die neue Mall die Innenstadt geschädigt?
Wie sich die neue Westfield-Mall auf den Innenstadt-Umsatz ausgewirkt hat, lässt sich nur bruchstückhaft beantworten. Welches Szenario der BBE Handelsberatung tatsächlich eingetreten ist, hat diese bislang nicht errechnet.
Eine erste Bilanz zu der Frage zog im Juli vergangenen Jahres die damalige Innenstadtkoordinatorin Hamburgs, Elke Pahl-Weber. Sie sagte, die Eröffnung des Westfield-Einkaufszentrums habe nicht zu einem Besuchsrückgang in der Innenstadt geführt. "Wenn Menschen ins Überseequartier gehen, gehen sie auch in die Europapassage." Sie stützte sich auf Mobilfunkdaten.
Für Pahl-Webers Einordnung spricht auch, dass die zentral gelegene Europapassage 2025 ein Plus bei den Besuchen zum Vorjahr verzeichnete. Das sagte ein Sprecher von ECE Marketplaces auf Anfrage.
Pahl-Webers Nachfolger, Julian Petrin, weist darauf hin, dass sich anhand bislang vorliegender Daten schwer sagen lässt, welche Auswirkungen das neue Einkaufszentrum hat. Dem Innenstadtkoordinator ist der Aspekt wichtig, dass hohe Besuchszahlen nicht zwingend hohe Umsätze bedeuten. Der Umsatz sei aber entscheidend für die Händler.
"Ich kann die Sorgen in Bezug auf die Konkurrenz zur Innenstadt gut verstehen." Das Überseequartier sei dennoch eine Chance, sagte Petrin weiter. Seine Vision sei ein nahtloses "Innenstadt-Erlebnis", zu dem auch das Überseequartier beitrage.