Hamburg & Schleswig-HolsteinProzess um Unfall in Flüchtlingsunterkunft - Kind gestorben

Ein Mann fährt mit dem Auto auf das Gelände einer Hamburger Flüchtlingsunterkunft, um ein Paket abzugeben. Ein Kind gerät unter das Auto und stirbt. Fast vier Jahre später steht er vor Gericht.
Hamburg (dpa/lno) - Fast vier Jahre nach einem tödlichen Unfall auf dem Gelände einer Flüchtlingsunterkunft hat am Amtsgericht Hamburg-Bergedorf der Prozess gegen einen Autofahrer begonnen. Dem 35-Jährigen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Er soll am 24. Juni 2022 ein Kleinkind übersehen haben, als er nach Angaben der Staatsanwaltschaft mit seinem Kleintransporter rückwärts ausparkte. Der anderthalbjährige Junge soll sich hinter dem Fahrzeug befunden haben.
Das Kind wurde von dem Auto erfasst und starb am Unfallort an schweren Kopfverletzungen. Der Angeklagte hätte den Unfall verhindern können, wenn er sich vor dem Losfahren vergewissert hätte, dass sich kein Kind im Bereich seines Fahrzeugs aufhält, erklärte die Staatsanwaltschaft.
Die Polizei hatte am Tag des Unfalls mitgeteilt, der Junge sei nach ersten Ermittlungen unbemerkt unter den geparkten Kastenwagen gekrabbelt. Bewohner hätten den Fahrer, der in der Unterkunft ein Paket abgab, sofort lautstark und mit vielen Gesten auf das Kind aufmerksam gemacht. Der 35-Jährige habe seinen Wagen sofort gestoppt.
Der kleine Junge erlitt so schwere Verletzungen, dass er trotz Wiederbelebungsversuchen am Unfallort starb. Sowohl die Zeugen als auch der Fahrer des Wagens mussten seelsorgerisch von einem Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes betreut werden.
Angeklagter schweigt
Der Verteidiger erklärte, sein Mandant werde sich vorerst nicht zur Anklage äußern. Er sei seit dem Unfall in therapeutischer Behandlung und müsse Medikamente einnehmen.
Das Gericht vernahm zunächst die Mutter des Kindes als Zeugin. Beide Eltern sind Nebenkläger in dem Prozess. Die 36-Jährige erklärte, dass sie ihre beiden Söhne und ein Nachbarskind in ihre Containerwohnung gebracht habe, als das Auto vor das Gebäude fuhr. Dann habe sie einen Kinderwagen aus einem Nebengebäude geholt, um mit ihrem jüngsten Kind und dem anderthalbjährigen Sohn zu einem Kindergarten zu gehen. Dabei habe sie bemerkt, dass der Anderthalbjährige hinter dem Auto stand, als der Wagen zurücksetzte. Vergeblich habe sie versucht, den Unfall zu verhindern.
Schwierige Ermittlungen
Die Aussage der Mutter, die von einer Dolmetscherin übersetzt wurde, gab Anlass zu vielen Nachfragen, vor allem vonseiten der Verteidigung. Der Zeugin kamen mehrfach die Tränen. Gedolmetscht wurde die Sprache Igbo, die in Nigeria gesprochen wird.
Zur langen Dauer des Verfahrens sagte eine Gerichtssprecherin, nach Vorlage der Anklage habe das Amtsgericht zweimal Nachermittlungen und weitere Zeugenvernehmungen von der Staatsanwaltschaft verlangt. Für den Prozess sind zwei Folgetermine angesetzt. Es sollen zahlreiche weitere Zeugen und zwei Gutachter gehört werden. Das Urteil könnte am 25. März verkündet werden.