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Hamburg & Schleswig-HolsteinNach Amoklauf bei Zeugen Jehovas: "Stille Wiedereröffnung"

19.06.2026, 11:15 Uhr
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Im März 2023 erschießt ein Amokläufer in Hamburg sieben Zeugen Jehovas und sich selbst. Lange Zeit ist unklar, wie die Gemeinschaft mit dem Ort des Verbrechens umgeht. Jetzt gibt es einen Neuanfang.

Hamburg (dpa/lno) - Gut drei Jahre nach dem Amoklauf in einem Hamburger Versammlungshaus der Zeugen Jehovas feiern die Gläubigen wieder Gottesdienste in dem Gebäude. "Wir haben dieses Gemeindezentrum, diesen Königreichssaal, wie wir ihn nennen, Anfang Mai wiedereröffnet", sagt der Sprecher der Zeugen Jehovas in Norddeutschland, Michael Tsifidaris.

Seitdem fänden in dem komplett renovierten Gebäude pro Woche sechs Gottesdienste von drei verschiedenen Gemeinden statt. Den Verzicht auf eine Einweihungsfeier begründet Tsifidaris so: "Wir haben uns ganz bewusst für eine stille Wiedereröffnung entschieden, weil uns bewusst ist, dass Normalität nicht einfach an diesen Ort zurückkehrt." Aus Respekt vor den Betroffenen und Hinterbliebenen der Opfer habe man Raum für ein behutsames Nach-vorne-gehen geben wollen.

Am 9. März 2023 war ein 35-Jähriger, ein ehemaliges Mitglied der Zeugen Jehovas, kurz nach einem abendlichen Gottesdienst in das Gebäude im Stadtteil Alsterdorf eingedrungen und hatte sieben Menschen – darunter ein ungeborenes Kind – und sich selbst erschossen. Elf weitere Menschen wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft verletzt. Der Amoklauf hatte in Deutschland und international große Betroffenheit ausgelöst.

"Die Liebe ist zurückgekehrt"

Ein Jahr nach der Tat hatte es geheißen, die Gemeinde werde diesen Königreichssaal nicht mehr nutzen. Das Gebäude an der vielbefahrenen Straße Deelböge stand lange Zeit leer. Ende vergangenen Jahres begann die Hamburger Gemeinschaft der Zeugen Jehovas mit der Renovierung. Nun sind die Räumlichkeiten neu gestaltet, aber – wie bei den Zeugen Jehovas üblich – völlig schmucklos. Sie sehen aus wie Konferenzräume in einem Unternehmen.

Das Zentrum sei jetzt wieder ein Ort des Miteinanders und auch der Freude, sagt Tsifidaris. "Wir freuen uns auch sehr, dass das, was wir uns am meisten gewünscht haben, wieder zurückgekehrt ist: die Liebe, die diesen Ort auszeichnet", fügt der Sprecher hinzu. Die Gemeinde, die am Tag des Amoklaufs anwesend war, feiert ihre Gottesdienste allerdings weiter in einem anderen Stadtteil.

Man schaut nach vorn

"Es fühlt sich wie zu Hause an", sagt Christian Pock, der als sogenannter Ältester in der Gemeinde aktiv ist. "Wir haben so viele Sachen hier erlebt, schöne Sachen." Seine Familie komme seit 2012 in diesen Königreichssaal.

Über seinen ersten Gottesdienstbesuch nach dem Amoklauf sagt der 38-Jährige: "Man hat schon so ein Kribbeln im Bauch." Aber: "Es ist wie beim Autofahren, man guckt nach vorn – und nur ab und zu in den Rückspiegel, um sich zu erinnern, was passiert ist."

Anfangs gemischte Gefühle

Phoebe-Manuela (52) gesteht, dass sie den Saal anfangs mit gemischten Gefühlen betreten habe. "Aber dadurch, dass hier so positive Vibes entstehen – wir kennen uns alle – ist man eher positiv abgelenkt."

Lilian Benjamin hat sich ebenso wie ihr Mann Calvin an der Renovierung beteiligt. Das habe ihr geholfen. Als sie das erste Mal den Raum wieder betreten habe, sei etwas Unerwartetes passiert, sagt die 29-Jährige: "Ich habe Bilder und Erinnerungen gesehen." So, wie sie in dem Zentrum ihren Mann kennenlernte, mit Freunden gelacht habe und ihnen ihr erstes Baby präsentierte.

Nach Angaben von Tsifidaris sind die Zeugen Jehovas seit 120 Jahren in Hamburg vertreten. Die mehr als 6.000 Mitglieder in Stadt und Umland verteilen sich auf über 50 Gemeinden. Die Religionsgemeinschaft ist sehr international. An der Deelböge werden die Gottesdienste auf Englisch und Rumänisch abgehalten sowie in der auf den Philippinen gesprochenen Sprache Tagalog und im westafrikanischen Twi.

Quelle: dpa

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