Hamburg & Schleswig-HolsteinRost im Lübecker Rathaus – Es begann mit einem Knall

Ein lauter Knall, fliegende Fliesen und rostige Träger: Das Lübecker Rathaus steckt in einer Dauerbaustelle. Warum die Sanierung zur echten Wundertüte wird.
Lübeck (dpa/lno) - Am historischen Lübecker Rathaus nagt der Zahn der Zeit. Was vor rund acht Jahren mit einem lauten Knall in der Eingangshalle und umherfliegenden Fliesen startete, hat sich zu einer Daueraufgabe für die Hansestadt entwickelt. "Der Sanierungsbedarf des Hauses beträgt schätzungsweise rund 45 Millionen Euro", sagt Bürgermeister Jan Lindenau (SPD). Zumal ständig neue Dinge dazu kämen.
Wer das Rathaus betritt, sieht direkt die Baustelle. Mehrere 140 Jahre alte Stahlträger sind von Rost befallen und müssen ausgetauscht werden. Sie tragen die Lasten des neugotischen Treppenhauses. Zum Schutz des denkmalgeschützten Gebäudes und seiner Besucher wurden im Ratskeller unter der Eingangshalle mehr als 100 Sicherheitsabstützungen installiert. Die Tische der dortigen Gaststätte sind seit Jahren verwaist.
Rathaus einst aus drei verschiedenen Gebäuden gebaut
Das Rathaus wurde zwischen 1230 und 1308 erbaut. "Das Rathaus besteht aus eigentlich drei zusammenhängenden bürgerlichen Gebäuden, die noch nebeneinander stehen", sagt Dirk Rieger, Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt. "Von denen sind die heutigen Keller noch erhalten."
In den Fassaden zur Marktseite sowie in vielen anderen Bereichen und Zwischenebenen sei noch viel romanisches Mauerwerk erhalten, das von den ursprünglichen Gebäuden stamme, sagt Rieger. "Am Ende des 13. Jahrhunderts hat man eben aus diesen drei Gebäuden einen Gebäudekomplex gemacht und darin das erste Rathaus sozusagen inkorporiert." Im frühen 14. Jahrhundert seien große Teile neu gebaut, abgebrochen, zusammengefasst, ergänzt worden, wo dann auch die Säle eingebaut worden seien. Bis ins 20. Jahrhundert habe es danach ständigen Umbau gegeben.
Dauerbaustelle, doch keine große Sanierung
"Eigentlich ist ja dieses Gebäude eine dauernde Baustelle", sagt Heike Brons-Schnell, Teamleiterin im Fachbereich Planen und Bauen. Von einer großen Rathaussanierung könne aber keine Rede sein. "Was die repräsentativen Räume und so angeht, ist das Rathaus ja in einem ansehnlichen Zustand." In einzelnen Bauabschnitten liefen aber durchweg einzelne Baumaßnahmen.
Auch eine Sanierung des Brandschutzes steht an – im laufenden Betrieb. "Wir werden das ganze Rathaus nicht komplett leer ziehen für eine Sanierung", sagt Brons-Schnell. Die technischen Anlagen, die Lüftungen und andere Dinge sind in die Jahre gekommen. "80 Jahre Frieden – Es gab in Deutschland noch nie so eine lange Zeit, wo einfach nichts zerstört wurde." Deshalb sei diese Bausubstanz oder auch in den 1960er Jahren entstandene Gebäude mittlerweile sanierungs- und modernisierungswürdig.
Finanzierung schwierig
Bürgermeister Lindenau muss um die Finanzierung der notwendigen Renovierungsarbeiten kämpfen. Zwar werde bundespolitisch immer wieder über den Erhalt der Welterbestätten diskutiert, sagt der Verwaltungschef. "Aber faktisch gibt es dafür kein Geld." 1987 wurde mit der Hansestadt erstmals in Nordeuropa ein ganzer Stadtbereich in die Welterbeliste der Unesco eingeschrieben. Die Altstadt mit ihrem Holstentor ist bekannt für ihre Stadtsilhouette mit sieben Türmen.
Werde doch einmal ein Sonderprogramm im Umfang von 40 Millionen Euro aufgelegt, kämen davon in Lübeck vielleicht 1,5 Millionen Euro an, sagt Lindenau. "Das verbaue ich hier unten in der Rathaustreppe. Und da ist ansonsten nichts passiert."
Laute Knallgeräusche, absackende Böden
Lindenau erinnert sich an 2018 zurück, als er zum Bürgermeister gewählt und wurde erst seit wenigen Wochen im Rathaus arbeitete. "Ich saß am Schreibtisch und es gab einen Knall in diesem Rathaus", erzählt sich der Verwaltungschef. "Das war ein Geräusch – das habe ich davor und danach nie wieder gehört – also so stelle ich mir einen Bombenanschlag vor." Korrodierte Eisenträger im Boden sprangen auf. "Die Fliesen sind wie Konfetti hochgeflogen." Experten nahmen das Problem in Augenschein, doch in der Folge wurde die notwendige Sanierung immer größer und dauert bis heute an.
Seit acht Jahren ist Lindenau Bauarbeiten in seinem Rathaus gewohnt. "Das wird sich auch nie ändern", sagt der SPD-Politiker. Auch in seinem Büro. "Der Holzboden sackte plötzlich ab, dann musste der unterfüttert werden." Alle Sanierungen seien anlassbezogen, in Notsituationen dürfe er aus Sicherheitsgründen ohne Bürgerschaftsbeschluss tätig werden.
Wie in vielen anderen Kommunen ist auch Lübecks Haushaltssituation äußerst angespannt. "Wir verteilen im Jahr Investitionen von rund 120 Millionen Euro für die gesamte Stadt – für Schulen, Straßen, Brücken und so weiter", sagt Lindenau. Der Erhalt der vielen Denkmäler in der Hansestadt sei eine Daueraufgabe. "Sie haben ständig irgendwas. Dann sackt das Holstentor ab, dann kommt das Wasser durch das Katharineum." Letzteres ist eine alte Lübecker Schule.
Sanierung im laufenden Betrieb
Zurück zu den Arbeiten im neugotischen Foyer des Rathauses. Projektleiterin Petra Haberjoh geht bei diesen von einer Fertigstellung Ende des Jahres oder Anfang 2027 aus. Auf einer Seite seien die durchgerosteten Träger schon ausgetauscht. "Aber es bleibt eine Wundertüte. Wir wissen nicht, was wir da finden." Die erwarteten Kosten liegen zwischen zwei bis drei Millionen Euro.
Weitere Arbeiten am historischen Rathaus werden folgen, beispielsweise zum Brandschutz, der Elektronik oder den Gas- und Wasseranlagen. Die Vorbereitungen dazu liegen bereits, sagt Haberjoh. "Aber wir fangen nicht an einer anderen Stelle an, wenn wir jetzt im Rathaus so eine große Maßnahme haben." Auch die folgenden Sanierungen sollen im laufenden Betrieb erfolgen – eine logistische Herausforderung. "Das wird sich sicher über mehrere Jahre strecken", sagt Brons-Schnell.