Sachsen-AnhaltHilfe für Museen: Notfallboxen sollen Schäden begrenzen

Wasserrohrbruch, Feuer, Einbruch: Museen in Sachsen-Anhalt rüsten sich mit Notfallboxen. Warum deren Inhalt manchmal über das Überleben ganzer Sammlungen entscheiden kann.
Halberstadt/Halle (dpa/sa) - Museen, Bibliotheken und Archive in Sachsen-Anhalt setzen zunehmend auf Notfallboxen als "Erste-Hilfe-Sets" für Kulturgüter. "Der Grundgedanke ist mit einem Erste-Hilfe-Kasten vergleichbar: Die Sets enthalten grundlegende Materialien, mit denen Schäden unmittelbar eingedämmt werden können, bevor spezialisierte Hilfe eintrifft", sagt der Leiter der Beratungsstelle Bestandserhaltung Sachsen-Anhalt, Marc Holly. Die Einrichtung ist am Gleimhaus in Halberstadt angesiedelt, dem Museum der deutschen Aufklärung. "Derzeit sind 23 Prozent der Museen mit Notfall- oder Erstversorgungsmaterialien ausgerüstet."
"Zum Inhalt der Notfallboxen zählen Abdeckfolien, die bereits für wenige Euro erhältlich sind und im Ernstfall kurzfristig über Regale oder Vitrinen gelegt werden können, um Bücher, Archivalien oder Exponate vor eindringendem Wasser zu schützen", sagt der Leiter.
Sets können Tausende Euro kosten
Je nach Umfang und Ausstattung liegen die Kosten für ein vollständiges Notfallset zwischen wenigen Hundert und rund 4.000 Euro. "Die Unterschiede ergeben sich aus der Größe der jeweiligen Sammlung sowie dem Grad der Spezialisierung der enthaltenen Materialien", sagt Holly.
In Sachsen-Anhalt bestehen derzeit Notfallverbünde in Magdeburg, Halle sowie im Landkreis Harz, Merseburg und Stendal. Weitere Zusammenschlüsse befinden sich nach Angaben von Fachstellen in Vorbereitung. Die Verbünde ermöglichen es, größere Mengen an Spezialmaterialien gemeinsam vorzuhalten. Dadurch sollen Kosten gesenkt und die Einsatzfähigkeit verbessert werden. In Halle und Magdeburg sind entsprechende Materialien zudem in Containern bei der Feuerwehr eingelagert, um sie im Ernstfall schnell an Schadensorte bringen zu können.
Notfallsets kamen bereits zum Einsatz
Die Bedeutung der Boxen wird durch Schadensstatistiken unterstrichen: Laut einer Umfrage des Museumsverbands Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2024 haben rund 35 Prozent der Museen in den vergangenen zehn Jahren Schäden an ihren Beständen erlitten, etwa durch Feuer, Wasserrohrbrüche oder Einbrüche.
Zwischen 2022 und 2024 hat die Beratungsstelle Bestandserhaltung Sachsen-Anhalt insgesamt 13 Notfallsets an Einrichtungen im Land verteilt. Die Anschaffung wurde durch Landesmittel finanziert und durch Schulungen begleitet, um Personal gezielt auf den Ernstfall vorzubereiten. Zusätzlich lagert die Beratungsstelle eigenes Material, das im Schadensfall von Museen, Bibliotheken oder Archiven kurzfristig angefordert werden kann, ein. "Bekannt sind mindestens zwei Schadensereignisse, bei denen das Material bereits verwendet wurde", sagt Holly.
Stiftung Händel-Haus baut Vorsorge aus
Ein konkretes Projekt ist die geplante Erstausstattung der Stiftung Händel-Haus. "Mit Unterstützung einer Förderung sollen erstmals standardisierte Notfallboxen für alle fünf Gebäude der Stiftung angeschafft werden", sagt der Bibliothekar des Händel-Hauses, Jens Wehmann. "Die Gesamtkosten betragen 5.680 Euro, davon werden 5.112 Euro gefördert, 568 Euro trägt die Stiftung selbst."
Geplant ist die Ausstattung des Händel-Hauses, der "Schützei", des Wilhelm-Friedemann-Bach-Hauses, der Bibliothek sowie des Depots mit jeweils einem Set aus vier Boxen. Diese enthalten unter anderem Bergungswerkzeuge, persönliche Schutzausrüstung sowie Materialien zum Auffangen von Flüssigkeiten, zur Schutzverpackung, Reinigung und Dokumentation beschädigter Kulturgüter.
Nicht jedes Museum bekommt eine Notfallbox
Eine flächendeckende Verteilung von Notfallboxen in Sachsen-Anhalt ist derzeit nicht vorgesehen. Stattdessen setzt die Beratungsstelle auf eine landesweite Risikoanalyse, um Schwachstellen in Museen und Sammlungen zu identifizieren.
Zur weiteren Verankerung des Kulturgüterschutzes in der Museumslandschaft will der Museumsverband Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Beratungsstelle Bestandserhaltung ab Sommer 2026 ein anderthalbjähriges Projekt zur Notfallvorsorge starten. Fördermittel stammen sowohl vom Bund – etwa über die Koordinierungsstelle für den Erhalt des schriftlichen Kulturguts (KEK) – als auch aus Landesprogrammen Sachsen-Anhalts.