Hamburg & Schleswig-HolsteinZum Saisonstart - Wissenswertes rund um die Muschelzucht

Mit dem Start der Muschelsaison rückt die Branche wieder in den Fokus. Warum die Ernte im Sommer beginnt, weshalb aus Fischern Züchter geworden sind und vor welchen Problemen die Branche steht.
Hörnum (dpa/lno) - Die Erzeugerorganisation schleswig-holsteinischer Muschelzüchtereröffnet in Hörnum auf Sylt die diesjährige Muschelsaison. Anlass genug, ein paar Fragen rund um die Weichtiere und die Fischerei zu beantworten:
Warum beginnt die Saison immer im Sommer?
Aus einem einfachen Grund: Für die Miesmuscheln im Nationalpark Wattenmeer gilt vom 1. April bis zum 15. Juni eine Schonzeit. Daher beginnt üblicherweise Anfang Juli die Ernte der konsumreifen Miesmuscheln.
Warum nennen sich die Muschelfischer mittlerweile Züchter?
Die Muschelfischerei hat in Schleswig-Holstein eine lange Tradition. Bis etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden nach Angaben der Erzeugergemeinschaft ausschließlich natürliche Muschelbänke, sogenannte Wildbänke abgesammelt beziehungsweise befischt. In den Jahren danach wurde die Fischerei sukzessive auf Aquakultur umgestellt.
Heute überwiegt nach Angaben des Fischereiministeriums in Kiel die Zucht. Die Miesmuscheln im schleswig-holsteinischen Wattenmeer werden in sogenannten Saatmuschelgewinnungsanlagen (SMA) vor Büsum und Sylt gezogen und später in Kulturbezirke umgesetzt und nach zwei bis vier Jahren geerntet.
Wie viele Muschelzüchter gibt es in Schleswig-Holstein?
Der Erzeugerorganisation gehören sieben aktive Mitgliedsbetriebe an. An Bord der sechs Muschelkutter und zwei Spezialschiffe arbeiten rund 45 Menschen. Neben den Miesmuschelzüchtern gehört auch Dittmeyer's Austern-Compagnie GmbH aus List auf Sylt zu den Mitgliedern. Die Produzenten der Sylter Royal sind Deutschlands einzige Austernzucht in der Nordsee.
Wo dürfen die Miesmuschelzüchter aktiv sein?
Laut einer im vergangenen Jahr getroffenen Vereinbarung zwischen Muschelzüchtern, Ministerien und Umweltverbänden haben sich die für die Muschelwirtschaft nutzbaren Gebiete im Nationalpark verkleinert. Sie umfassen künftig nur noch drei statt vier Wattstromeinzugsgebiete. Die zulässige Fläche für Muschelkulturbezirke erhöht sich von 1.700 auf 1.820 Hektar. Darüber hinaus besteht künftig eine deutlich höhere Flexibilität bei deren Verlagerung.
Zudem wurde die Laufzeit der Genehmigungen bis zum 31. Dezember 2043 verlängert, was den Betrieben eine sehr langfristige Planungssicherheit bietet. Die Neuregelung war zehn Jahre nach dem sogenannten "Muschelfrieden" nötig geworden, weil bei umfangreichen Kartierungen des Nationalparks vor Hörnum schützenswerte Riffe entdeckt wurden.
Vor welchen Herausforderungen stehen die Muschelzüchter?
Ein Problem der vergangenen Jahre war der zunehmende Verlust an geeigneten Standorten für die Aufzucht von Muschelsaat. Ein weiteres Problem ist die marode Infrastruktur des Hörnumer Hafens - der zentrale Standort für die Sylter Miesmuschelfischerei. Diese ist seit Jahren in einem kritischen Zustand. Auch die gestiegenen Energiepreise dürften der Muschelzucht wie anderen Branchen zu schaffen machen.
Die Austernzüchter in List müssen sich aufgrund von neuen Vorgaben mit einigen Problemen auseinandersetzen. Früher durften Setzlinge von etwa 30 bis 50 Gramm Gewicht aus Irland gekauft werden und innerhalb von ein bis zwei Jahren auf Konsumreife groß gezogen werden.
Jetzt dürfen die Sylter nur noch Mini-Austern kaufen, die aus einer geschlossenen Brüterei kommen. Diese sind nur etwa so groß wie ein Stecknadelkopf und wiegen 0,02 Gramm. Das Einschleppen invasiver Arten soll so verhindert werden. Allerdings brauchen Austern nun etwa fünf Jahre im Watt vor Sylt, bis sie groß genug sind, um auf den Teller zu kommen. Die Produktionskosten erhöhen sich, zudem fehlt es an Überwinterungskapazitäten. Bei Eiswintern wie dem vergangenen kann es daher zu Verlusten kommen.
Gibt es eigentlich auch in der Ostsee Miesmuscheln?
Miesmuscheln stammen nach Angaben der Naturschutzorganisation Nabu eigentlich aus der Nordsee. Inzwischen sind sie den Angaben zufolge jedoch auch in der Ostsee weit verbreitet. Aufgrund des geringeren Salzgehaltes werden die Muscheln laut Nabu in der Ostsee nur bis zu fünf Zentimeter groß, und damit nur etwa halb so groß wie ihre Nordsee-Verwandten.
Nach Angaben der Landesregierung ist die Miesmuschel eine Schlüsselart an der deutschen Ostseeküste, "da sie vielfältige Funktionen im Ökosystem erfüllt und ein zentrales Element im Nahrungsnetz darstellt".
Wird die Ostseemiesmuschel kommerziell genutzt?
In Deutschland nicht wirklich. Seit 2014 werden in der Kieler Förde wieder Miesmuscheln unter modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen mit wachsendem Erfolg kultiviert, teilte das Portal "Wir.fischen.SH" mit. Die Erträge der nachhaltigen und biozertifizierten Hängeleinenkultur sind im Vergleich mit den der Nordsee-Muschelzüchter allerdings gering. Sie liegen nach Angaben eines Geschäftsführers der Kieler Meeresfarm GmbH & Co. KG bei etwa fünf bis sechs Tonnen. Zum Vergleich: vor Sylt werden im Schnitt jährlich um die 12.000 Tonnen geerntet.
In der Flensburger Förde wird zum Schutz dieses Lebensraums seit einigen Jahren auf deutscher Seite der Innenförde - in der Außenförde ist das Wildmuschelfischen sowieso verboten - nicht mehr nach wilden Muscheln gefischt. Bis Ende 2017 wurden hier pro Jahr rund 1.550 Tonnen Wildmuscheln für den direkten menschlichen Konsum aus dem Wasser geholt, wie aus einem Bericht der Landesregierung von Dezember 2021 zum Zustand der Flensburger Förde hervorgeht.
Gibt es auch an der niedersächsischen Küste Muschelfischer?
Ja, im niedersächsischen Wattenmeer gibt es ebenfalls Muschelfischer. Allerdings spielt dieser Fischereizweig dort eine untergeordnete Rolle. Es gibt nur noch drei verbliebene Betriebe in Greetsiel, Norddeich und Hooksiel. Sie bewirtschaften nach Angaben der Niedersächsischen Muschelfischer GbR zwischen Ems und Jade eine Kulturfläche von 1.300 Hektar mit vier Kuttern und 16 Beschäftigten. Im Vergleich zu den Anlandungsmengen in Schleswig-Holstein sind die der niedersächsischen Muschelfischer deutlich geringer: Von 2010 bis 2020 lag die Menge bei im Schnitt 2.841 Tonnen.