HessenDrei, die zuhören: Unterwegs in Kassels Demokratiezug

Kopfhörer auf, Welt aus? Im Demokratiezug in Kassel sprechen Fremde plötzlich über Politik, Preise und persönliche Sorgen. Was Fahrgäste bewegt – und wie das Projekt bundesweit Schule machen könnte.
Kassel (dpa/lhe) - Die Straßenbahn ruckelt, es ist voll und laut. Manche Menschen unterhalten sich, andere starren auf ihr Smartphone oder aus dem Fenster. Leute steigen zu, andere wieder aus. Mitten in diesem Treiben versuchen Lisa Wegener, Martin Plate und Harold Becker mit den Fahrgästen ins Gespräch zu kommen. Über Demokratie, Werte und Zusammenleben.
Wegener, Plate und Becker sind sogenannte Diskursbegleiter im Demokratiezug, der regelmäßig durch Kassel rollt. An jedem Dienstag verwandelt das Projekt der Initiative "Platz nehmen für Demokratie" des Kulturzentrums Schlachthof Kassel einen Beiwagen der Straßenbahnlinie 1 für etwa eineinhalb Stunden in einen mobilen Dialograum. "Platz nehmen für Demokratie" prangt in großen Buchstaben darauf.
Austausch und Diskurs fördern
Rund 20 Ehrenamtliche sind als ausgebildete Diskursbegleiter dabei. Ziel des von der Stadt Kassel und der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) unterstützten Projektes: Gelegenheit für Austausch und Diskussionen schaffen. "Die Gespräche drehen sich um politische Themen, aber auch um Alltägliches und Sorgen", erklärt Projektkoordinatorin Stefanie Jeschke.
An diesem Dienstag dauert es keine Minute nach der Abfahrt der Tram am Startpunkt bis alle drei Diskursbegleiter in Gesprächen sind. Lisa Wegener unterhält sich mit einer Oberstufenschülerin darüber, wie sie Demokratie in ihrem persönlichen Alltag erlebt. Sie nehme eine Veränderung in den letzten Jahren wahr. Die Demokratie gerate stärker unter Druck, sagt die 17-Jährige.
Harold Becker spricht währenddessen mit zwei Siebtklässlerinnen über Demokratie und den Stellenwert des Themas im Unterricht. "Das spielt schon eine Rolle in der Schule", sagt eine von beiden. Demokratie werde etwa bei Wahlen für die Schülervertretung geprobt. Zum Demokratiezug sagt sie: "Ich kannte das Projekt noch nicht, finds aber interessant. Ich mag Politik und ich mag es, etwas Neues dazuzulernen."
Gespräche unterschiedlich lang und tief
"Es ist sehr unterschiedlich, wie sich Menschen auf uns einlassen", berichtet Wegener, die wie Plate und Becker eine hellblaue Weste trägt, die sie als Diskursbegleiterin kenntlich macht. Manchmal komme nur ein kurzer Austausch zustande, manchmal aber auch ein längeres Gespräch, berichtet die 58-Jährige. "Da kann man dann auch ein bisschen tiefer einsteigen."
So wie Plate in einer Unterhaltung mit einem jungen Mann, der einen Ausbildungsplatz sucht. "Er bemüht sich händeringend, aber findet einfach keinen", berichtet er anschließend. Er habe ihm geraten, sich ans Jobcenter zu wenden. "Er braucht auf jeden Fall Hilfe bei der Suche."
"So kann ich mich wenigstens unterhalten"
Später spricht Plate einen Fahrgast aus Köln an. "Gibt es Themen, die Ihnen unter den Nägeln brennen?", fragt er den 35-Jährigen, der auf der Durchreise ist. Dass die Gewaltbereitschaft sowohl von Links- als auch von Rechtsextremisten zunehme, antwortet dieser. "Zwei wichtige Themen sind auch die Wirtschaft und die steigenden Preise." Ansonsten sei er zufrieden.
Dass er in der Tram von dem Diskursbegleiter angesprochen wurde, findet er "schon ganz cool". "So kann ich mich wenigstens unterhalten, wenn ich hier rumfahre."
"Menschen wollen gefragt und beteiligt werden"
Für Wegener sind die Erfahrungen, die sie im Demokratiezug sammelt, wertvoll: "Es ist spannend, dass man einen Perspektivwechsel einnehmen muss. Man lernt selbst sehr viel dabei", sagt die 58-Jährige.
Der Zugang sei nicht immer leicht, viele Menschen trügen Kopfhörer, seien in ihr Handy vertieft, sagt Becker. Auch Sprachbarrieren spielten eine Rolle. "Ich gehe aber einfach frisch, fröhlich und frei auf die Leute zu und spreche das Thema Demokratie direkt an." Es reiche nicht, alle paar Jahre bei Wahlen ein Kreuzchen zu setzen, meint der 75-Jährige. "Wir müssen mehr machen." Das wollten auch viele der Menschen, mit denen er ins Gespräch komme. "Sie wollen gefragt und beteiligt werden."
"Man kriegt schon seine Abfuhren. Das gehört dazu", sagt Plate. Als Diskursbegleiter habe er eine Möglichkeit gefunden, sich einzusetzen und sich mit Menschen zu verbinden. "Ich finde das sehr bereichernd." Der 69-Jährige betont, er wolle niemanden von irgendetwas überzeugen. "Es geht um den Austausch." Er frage die Menschen oft auch einfach nur, wie es ihnen gehe. "Viele Leute sagen, sie seien zufrieden. Das hatte ich nicht erwartet."
Demokratiezug soll auch in anderen Städten rollen
Zu Problemen sei es bislang noch nicht gekommen, sagt Jeschke. Die Ehrenamtlichen würden zu Streitschlichtung und in Kommunikation geschult, sie seien in der Regel zu dritt oder zu viert unterwegs. "Wir fühlen uns sicher", sagt Wegener. Sie suche die Menschen sorgsam aus, die sie anspreche. "Wenn mein Gefühl mir nein sagt, dann lasse ich es."
Seit Oktober 2024 rollt der Demokratiezug in Kassel. Seither wurden den Initiatoren zufolge rund 1.800 Gespräche geführt. Bald soll er auch in anderen deutschen Städten fahren und Menschen zu politischen Themen ins Gespräch bringen. Das Kulturzentrum Schlachthof hat kürzlich den Förderzuschlag der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt für die bundesweite Übertragung des Projektes erhalten und sucht nun drei bis fünf interessierte Städte für die Zusammenarbeit.