HessenUhu-Küken aus Kirchturm gerettet - Männchen kam nicht mehr

Drei Uhu-Küken, die seit Wochen von zahlreichen Menschen via Live-Stream beobachtet wurden, drohten zu verhungern. Naturschützer haben deshalb eingegriffen. Wie es für die kleinen Vögel weitergeht.
Marburg (dpa/lhe) - Naturschützer haben drei geschwächte Uhu-Küken aus einem Kirchturm der Marburger Elisabethkirche gerettet. Über eine Live-Kamera im Nistkasten hatten zahlreiche Interessierte dem Uhu-Paar "Hugo" und "Lisbeth" in den vergangenen Wochen beim Brüten zugeschaut. Nun machte die Kamera die Notlage der Jungvögel sichtbar, nachdem das Uhu-Männchen "Hugo" mehrere Tage lang nicht mehr mit Beute aufgetaucht war, wie der Naturschutzbund (Nabu) Marburg mitteilte.
Die Uhu-Babys waren demnach erst vor wenigen Tagen geschlüpft und standen durch die Kamera unter ständiger Beobachtung. Den Live-Stream, der direkte Einblicke in das Geschehen im Nistkasten ermöglichte, sollen tausende Menschen verfolgt haben. In der Anfangsphase der Aufzucht sei das Männchen für die Versorgung der Küken zuständig, während das Weibchen die Kleinen vor allem warm hält, erklärte Hartmut Möller vom Nabu Marburg.
Rettungsaktion durch Fachleute
Grundsätzlich gelte im Naturschutz, nicht in natürliche Prozesse einzugreifen, sagte Möller. Angesichts der akuten Gefahr für die Jungtiere hätten sich die Fachleute jedoch in Abstimmung mit der zuständigen Naturschutzbehörde für eine "Rettungsaktion" entschieden.
Den Angaben zufolge wurden die Küken von Nabu-Ehrenamtlichen und Biologen am Montagnachmittag aus dem Nistkasten geborgen und sofort versorgt. Weil "Hugo", der eigentlich für die Nahrungsbeschaffung für die Jungtiere zuständig war, nicht mehr kam, geht der Nabu davon aus, dass der Uhu möglicherweise verunglückt ist.
Das Weibchen war derweil bei den Jungtieren geblieben und hatte sie warmgehalten, doch wegen der fehlenden Nahrung wären diese nach Einschätzung des Nabu in kurzer Zeit verhungert. Eines der Tiere habe bereits Anzeichen von Unterkühlung und Apathie gezeigt. Die Jungvögel seien nach der Entnahme aus dem Nistkasten in eine spezialisierte Wildvogel-Aufzuchtstation gebracht worden. Dort sollen sie aufgepäppelt und später in eine bestehende Uhu-Gruppe integriert werden. Ein "Ammen-Weibchen" namens "Momo" spende den drei Küken nun körperliche Wärme.
Weibchen muss nun selbst jagen
Warum das Männchen "Hugo" nicht mehr zur Versorgung kam, lasse sich nicht sicher feststellen, hieß es weiter. Bekannt sei jedoch, dass Stromleitungen und Verkehr zu den häufigsten Gefahren für Uhus zählen. Das Uhu-Weibchen "Lisbeth" müsse nun wieder selbst auf die Jagd gehen, um ihre eigene Versorgung zu sichern. Sollte "Hugo" nicht zurückkehren, werde sich den Angaben nach das Weibchen zu Beginn der neuen Balzsaison im Herbst einen neuen Partner suchen.
Küster beantwortete zahlreiche Fragen von Interessierten
Die Kamera in dem Kirchturm war nach Angaben von Küster Wilhelm Lichtenfels bereits vor der Brutzeit an dem Nistplatz in rund 70 Metern Höhe in einem der Kirchtürme über den Glocken installiert worden und laufe nun seit gut sechs Wochen. Schon von Beginn an stieß das Thema auf ein riesiges Interesse, wie Lichtenfels deutlich macht. "Seit das offiziell ist und seit wir die Kamera oben haben, wird das gehypet ohne Ende." Bundes- und sogar weltweit sei die Aktion bekanntgeworden - und habe auch vor Ort in Marburg zahlreiche Interessierte angesprochen. "Nach dem lieben Gott fragt hier eigentlich keiner, aber 20 am Tag nach den Uhus", sagt Lichtenfels.
Viele Menschen hätten sich in den vergangenen Wochen an ihn gewandt: Wo sind die Uhus, was machen die Uhus, kann man die streicheln? - das alles sei er gefragt worden, sagt Lichtenfels. "Natürlich habe ich für Tiere ein besonderes Augenmerk. Ich bin ausgebildeter Landwirtschaftsmeister und hatte bis vor acht Jahren einen Stall mit Kühen, den ich aus Nachfolgegründen aufgegeben habe." Den Trubel um die Uhus fand er einerseits nachvollziehbar, andererseits hält er es aber für nicht außergewöhnlich, dass sie sich in dem Kirchturm niedergelassen haben.
Trotzdem sei es schade, dass die Küken nun nicht mehr im Turm sind, zumal man nicht wisse, wie es ausgeht und ob die kleinen Uhus eine Überlebenschance haben, sagte der Küster. Der Sprecher des Nabu Hessen, Berthold Langenhorst, geht schon davon aus, dass die Tiere es schaffen können. In der spezialisierten Aufzuchtstation werde sich bestens um die Küken gekümmert.