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HessenWasserwerfer und Musik - Gießen im Ausnahmezustand

30.11.2025, 15:29 Uhr
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Protest, Polizei, leere Geschäfte und Glühweinstände: Was das Demonstrationswochenende mit Gießens Einzelhandel und Weihnachtsmarkt gemacht hat – und wie die Menschen vor Ort darauf reagieren.

Gießen (dpa/lhe) - Zwei Wasserwerfer versperren den Weg in Richtung Gründungskongress der neuen AfD-Jugendorganisation, während Musik aus Lautsprechern auf einer Bühne dröhnt. Davor stehen Tausende Menschen bei einer Großkundgebung, die der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen-Thüringen (DGB) angemeldet hatte.

Viele tragen bunte Kleidung oder haben Pappschilder dabei, wie der Gießener Felix Gräbert: "Hier ist es total entspannt", sagt der 38-Jährige. Er freue sich über die Proteste.

Der DGB spricht allein bei seiner Kundgebung von mehr als 20.000 Teilnehmern, die Polizei geht für das gesamte Stadtgebiet von etwa 25.000 aus. Etwa 92.000 Einwohner hat die Universitätsstadt in Mittelhessen.

Über Nacht eine Großstadt im Ausnahmezustand?

Auf dem Pappschild von Demonstrant Felix Gräbert steht: "Bunt ist meine Lieblingsfarbe. FCK AfD". Gräbert kritisiert, auch die Medienberichterstattung habe dazu beigetragen, dass es gefährlich wirke, zur Kundgebung zu kommen. Und wegen der Blockaden könnten einige Freunde nicht zur großen Kundgebung gelangen.

Gefährlich sei die AfD-Jugend, die in den Messehallen tagt und nicht die Gegenproteste, sagt Gräbert. Für ihn geht aus Gießen ein klares Zeichen hervor. "Wir sind laut, wir sind hier und wir wollen die da drüben nicht haben."

Straßenblockaden und Gewalt in anderen Teilen der Stadt

Andere Demonstranten blockieren am Morgen die Zufahrtswege zum Gründungskongress der AfD-Jugend. Bei der Räumung der Blockaden sind laut Polizei auch Wasserwerfer eingesetzt worden. Einer der größten Polizeieinsätze in der jüngeren Geschichte Hessens mit bis zu 5.000 Beamten war ebenso Teil des Ausnahmewochenendes von Gießen.

Er endete mit verletzten Polizisten und Demonstranten. "Ohne die Polizei wäre es in Gießen zu schwersten Gewalttaten und bürgerkriegsähnlichen Zuständen gekommen", sagt Innenminister Roman Poseck (CDU).

Nur wenige Besucher auf dem Weihnachtsmarkt

"Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet. Bisher ist es ruhig und ich hoffe, es bleibt so", sagt Sandy Walldorf an ihrem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt. Sie habe geöffnet, weil der Abbau ihrer Essens- und Getränkestände zu aufwendig gewesen wäre.

Angst habe Walldorf nicht, aber eine "innere Unruhe". Wenn ihre Stände kaputtgingen, sei das wichtige Weihnachtsmarktgeschäft für sie gelaufen. Zur Sicherheit hielten ihre Mitarbeiter und sie Feuerlöscher, Bauzäune und Wasserschläuche bereit. Die meisten anderen Standbetreiber hätten abgebaut oder geschlossen - gut drei Viertel, schätzt Walldorf. Viele ältere Stammkunden seien aus Angst nicht gekommen.

An einem der wenigen besetzten Tische am Glühweinstand trinkt Gabriele Stoim gemeinsam mit ihren Freundinnen einen heißen Kakao. "Die Demos finde ich gut. Da muss man ja Flagge zeigen", sagt die Gießenerin, die in der Innenstadt wohnt. "Lauter freundliche Gesichter" habe sie bisher bei den Demos gesehen. Sie hoffe, dass das Wochenende so auch in Erinnerung bleibt.

Leere Fußgängerzone mitten im Adventsgeschäft

Viel Geschäft können an diesem Samstag vor dem ersten Advent eher Bäckereien oder Spätis machen. Die Demonstranten essen, trinken und wärmen sich auf. Viele Einzelhändler haben dagegen geschlossen. Die Straßen sind abgesperrt. Je weiter die Demonstrationen entfernt liegen, desto weniger Menschen sind unterwegs. Aus der Ferne ist das Rattern der Rotoren der Polizeihubschrauber zu hören.

Die Einzelhändler, die ihre Geschäfte geöffnet haben, berichten von wenigen Kunden. "Ich sehe es eher als Service statt als Umsatzchance", sagt Dirk Lonthoff, Geschäftsführer eines traditionsreichen Spielwarengeschäfts. Er wollte vor Weihnachten keinen Kunden enttäuschen. Aber wahrscheinlich schließe er früher.

Einzelhändler wollen Ausgleich für Umsatzeinbußen

"Der Handel selbst verlor dabei eines der wichtigsten Einkaufswochenenden im Jahr", sagt Heinz-Jörg Ebert. Er ist Inhaber eines alteingesessenen Schuhgeschäfts und zugleich Vorsitzender eines Zusammenschlusses von Einzelhändlern. Sein Geschäft hat er an diesem speziellen Samstag geschlossen.

Ebert fordert für das kommende Jahr vier anstelle von den bisher üblichen zwei verkaufsoffenen Sonntagen in Gießen. Die Stadt erklärt, sie wolle mit den Händlern ins Gespräch kommen, wie sich der Verlust ausgleichen ließe.

Auf dem Weihnachtsmarkt spricht Standbetreiberin Sandy Walldorf die wenigen Kunden, die kommen, einzeln an. "Ich glaube, die ganze Stadt atmet auf, wenn das Wochenende vorbei ist", sagt sie. "Letzte Runde" - heißt es an vielen Ständen auf dem Weihnachtsmarkt in der leeren Fußgängerzone bereits am frühen Abend.

Quelle: dpa

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