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Niedersachsen & Bremen 87-Jähriger gesteht Tötung seiner pflegebedürftigen Ehefrau

Der 87 Jahre alte Angeklagte spricht mit seinem Anwalt. Foto: Sina Schuldt/dpa

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Selbst gesundheitlich schwer angeschlagen, fürchtet ein 87-Jähriger seine pflegebedürftige Ehefrau nicht mehr ausreichend pflegen zu können. Vor Gericht schildert der Senior, wie er offenbar nur noch einen Ausweg sah - und einen tragischen Entschluss fasste.

Lüneburg (dpa/lni) - Mehr als ein Jahr nach der Tötung seiner pflegebedürftigen Ehefrau hat ein 87 Jahre alter Mann in einem Prozess vor dem Landgericht in Lüneburg seine Beweggründe geschildert. Der gesundheitlich schwer gezeichnete und mittlerweile vollständig blinde Mann erklärte über seinen Verteidiger, seine damals 87 Jahre alte Frau ums Leben gebracht zu haben, um sie zu "erlösen", sagte eine Gerichtssprecherin zum Prozessauftakt am Dienstag. Demnach sah er sich wegen seiner eigenen Behinderung und seines sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustands nicht mehr in der Lage, seine Frau ausreichend zu pflegen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann Totschlag vor. Demnach soll der Angeklagte seine Frau am 10. Mai vergangenen Jahres in der Wohnung eines Seniorenheimes im Kreis Lüneburg, in der die beiden seit rund drei Jahren gemeinsam lebten, mit mehreren Messerstichen getötet haben. Anschließend soll er versucht haben, sich selbst mit dem Messer das Leben zu nehmen. Pflegekräfte wurden darauf aufmerksam und hielten ihn davon ab. Der Mann wurde leicht verletzt.

Der Angeklagte, der während des Prozesses auch Fragen des Gerichts beantwortete, gab an, sich jahrelang um seine Frau gekümmert zu haben. Die Frau war nach einem Fahrradunfall pflegebedürftig geworden und lag zeitweise im Koma. Zudem erkrankte sie an Demenz. Selbst im Heim pflegte der Mann seine Ehefrau noch. "Ich habe bis zuletzt mitgeholfen", sagte der Angeklagte. 50 Jahre lebten die beiden seiner Aussage zufolge zusammen.

Dabei zeigte sich zum Prozessauftakt, dass der 87-Jährige selbst gesundheitlich schwer gezeichnet ist: Eine Pflegerin brachte ihn zu Beginn mit einem Rollstuhl in den Gerichtssaal. Beide Hände hielt sich der Senior mit den kurzen, weißen Haaren zeitweise schützend vor sein Gesicht. Um die Fragen des Richters zu verstehen, mussten die trennenden Glasscheiben für den erblindeten und schwerhörigen Mann abgebaut werden. Worte zu finden, fielen ihm schwer. Zurzeit lebt der Mann in einem anderen Seniorenheim und benötigt permanente Betreuung.

Als mögliches Motiv deutete der Angeklagte an, dass ihm nahegelegt worden sein soll, sich von der Pflege seiner Frau zurückzuziehen. Über seinen Anwalt ließ er erklären, dass er seine Frau in dem Heim nicht bedarfsgerecht gepflegt sah. Dieser berichtete in der Erklärung seines Mandanten von einem ständigen Streit mit einer Pflegerin - bei dem es auch einmal zu einem "Handkantenschlag" gekommen sein soll. Zudem berichtete er von Drohungen, wonach er und seine Frau in getrennten Zimmern untergebracht werden sollten. Wie es dazu kam, blieb auch auf mehrfache Nachfrage des Gerichts unklar.

Die Tat selbst sei eine "kurze Entscheidung" gewesen, sagte der 87-Jährige mehrfach und bekräftigte: "Ich habe sie erlöst." Laut Anklage stach er mit einem 21 Zentimeter langen Küchenmesser mindestens elf Mal auf das Gesicht und den Hals seiner Ehefrau. Da er zu dem Zeitpunkt bereits fast vollständig erblindet war, habe er versucht, den Hals zu ertasten, gab der Mann an.

Das Gericht setzte insgesamt sechs Verhandlungstage an. Ob diese aber auch benötigt werden oder die Beweisaufnahme früher geschlossen werden kann, blieb nach der Aussage des Angeklagten offen. Am zweiten Verhandlungstag sollen ein Polizist, Pflegekräfte und ein Arzt als Sachverständiger gehört werden.

Auch welches Strafmaß dem Angeklagten bevorsteht, ist unklar. Das Gesetz sehe bei einer Verurteilung wegen Totschlags eine Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren vor, sagte die Gerichtssprecherin. Ob es aber auch zu einer Vollstreckung kommt, ist nicht absehbar.

© dpa-infocom, dpa:211026-99-742207/3

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