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Niedersachsen & BremenGewerkschaft beklagt sexuelle Belästigung unter Ärzten

06.05.2026, 12:47 Uhr
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(Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp)

Respektlosigkeit, Bloßstellung, Belästigung: Die Zahlen einer neuen Umfrage werfen einen Schatten auf den Arbeitsalltag vieler Ärztinnen und Ärzte.

Hannover (dpa/lni) - Viele Ärztinnen und Ärzte in Niedersachsen sind dem Marburger Bund zufolge von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen. In einer Befragung von knapp 1.100 Ärztinnen und Ärzten gab rund jeder Zehnte an, im vergangenen Jahr persönlich sexuelle Belästigung erlebt zu haben. "Das ist eine erschreckend hohe Zahl", sagte der Erste Vorsitzende des Marburger Bunds in Niedersachsen, Hans Martin Wollenberg.

Verbale und körperliche Grenzüberschreitungen

Am häufigsten äußert sich die Belästigung demnach verbal in Form von abwertenden Sprüchen oder unerwünschten Gesprächen mit sexuellem Inhalt. Aber auch von aufdringlicher Nähe und körperlichen Übergriffen berichteten die Teilnehmer. "Sexuelle Anspielungen sind im kleinen Kreis vom Chefarzt und einem Oberarzt nahezu an der Tagesordnung", zitierte die Gewerkschaft aus einer Antwort.

Etwa zwei von drei Taten gehen der Befragung zufolge ausschließlich von Männern aus. An mehr als neun von zehn Taten sind Männer zumindest beteiligt. In zwei von drei Fällen geht die Belästigung zudem von ärztlichen Vorgesetzten aus.

Fast jede zweite Ärztin erlebt Machtmissbrauch

Neben sexueller Belästigung ist laut Marburger Bund auch Machtmissbrauch unter Ärztinnen und Ärzten weit verbreitet. Fast jede zweite Ärztin (47 Prozent) habe das in den vergangenen zwölf Monaten selbst erlebt, bei den Ärzten waren es etwas weniger (39 Prozent).

"Wir wussten, dass es Probleme gibt, aber (...) die Intensität hat uns fast schon überrollt", sagte der Zweite Vorsitzende Andreas Hammerschmidt. Es gebe ein Machtgefälle unter den Ärzten, das ausgenutzt werde, und eine "Kultur des Schweigens", die man durchbrechen müsse.

Folgen bei Betroffenen: Erschöpfung, Anspannung, Kündigung

Konkret äußere sich der Machtmissbrauch meist in einem respektlosen Umgangston oder indem die Kompetenz von Kolleginnen und Kollegen infrage gestellt werde. Die Folgen bei den Betroffenen reichten von emotionaler Erschöpfung und Anspannung über eine verminderte Motivation bis hin zum Wunsch, die Abteilung oder gar den Beruf insgesamt zu verlassen.

Nach Ansicht der Ärztegewerkschaft begünstigt das Arbeitsumfeld in der Branche den Machtmissbrauch und die Belästigungen. So zitierte Hammerschmidt aus einer Antwort, das Gesundheitssystem müsse grundlegend reformiert werden. "Die starken Hierarchien und das Abhängigkeitsverhältnis mit immer zeitlichem Druck und Budgetierung verleiten die Chefetagen immer mehr dazu, auf Kosten der Mitarbeitenden Zeit und Geld zu sparen und die Probleme an den Untergebenen auszulassen", heißt es darin.

Der Marburger Bund fordert als Konsequenz aus der Studie längere Meldefristen, Schulungen und Sensibilisierung für die Führungskräfte sowie eine generelle Enttabuisierung. "Fehlverhalten darf nicht mehr folgenlos bleiben", sagte Hammerschmidt.

Quelle: dpa

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