Niedersachsen & BremenWie soll es mit Göttinger Wohnkomplex weitergehen?

Nah am Bahnhof und der Innenstadt: Das Gebäude liegt in bester Lage, doch verwahrloste zuletzt zusehends. Jetzt gibt es neue Besitzer. Das weckt Hoffnungen. Aber Bedenken bleiben.
Göttingen (dpa/lni) - Schlechte Lebensumstände, Klagen, Polizei und Feuerwehreinsätze - ein Wohnkomplex in Göttingen sorgt regelmäßig für Aufruhr. Viele Bewohner an der Groner Landstraße 9 würden eigentlich lieber woanders wohnen, die Stadt möchte den Menschen zumindest bessere Wohnbedingungen ermöglichen. Jahrelang ging es nicht wirklich voran - bis kurz vor Weihnachten ein neuer Investor den Großteil der Wohnungen übernahm. Wie soll es mit dem verwahrlosten Gebäude jetzt weitergehen?
"Wir möchten die Immobilie sanieren und wieder zu einem attraktiven Wohnangebot entwickeln" - so stellt es sich Taha Jacobi, Geschäftsführer der neuen Mehrheitseigentümerin, vor. Mit der Göttinger Quartiergesellschaft hat er die Wohnungen übernommen, die zuvor unter anderem der insolventen Gänseliesel GmbH gehörten. Die Insolvenzverwalterin der ehemaligen Mehrheitseigentümerin hatte sich nach eigenen Angaben wie auch die Stadtverwaltung für einen Verkauf der Wohnungen ausgesprochen.
Zahlreiche Eigentümer
Das sind nach Angaben der Stadt Göttingen von Ende November etwa zwei Drittel der mehr als 400 Wohnungen in dem Gebäudekomplex nahe dem Bahnhof. Demnach gibt es 68 weitere Eigentümer, mit denen sich die neuen Eigentümer etwa für Sanierungen einigen müssen.
Zunächst hatten die neuen Eigentümer laut eigenen Angaben mit Aufräumarbeiten begonnen. Große Teile des Wohnkomplexes waren zuletzt zugemüllt. "Die Lebensbedingungen der Bewohner sind unterirdisch", sagte etwa auch Sebastian Fesser im September. Er ist einer der zahlreichen Eigentümer; ihm gehören vier Wohnungen an der Groner Landstraße 9. Er könne sich an dem Standort gut ein Studentenheim vorstellen. Das gehe aber nur, sofern alle Eigentümer zusammenarbeiteten.
Stadt wünscht sich Angebot für Alleinstehende oder Studierende
Erstes Ziel der Stadt Göttingen sind bessere Lebensbedingungen in dem Gebäude. Aus Sicht der Verwaltung müsse die Immobilie kernsaniert und "zu einem attraktiven, innenstadtnahen Wohnangebot für Alleinstehende, Studierende und Familien entwickelt werden", hieß es in einer Mitteilung zu den neuen Mehrheitseigentümern.
Oberbürgermeisterin Petra Broistedt (SPD) sagte, allen Beteiligten sei dabei klar, "dass dieses Projekt einen langen Atem erfordert und sicherlich auch Rückschläge und Hindernisse aushalten muss". Die Verwaltung teilte mit, dass Aufräumarbeiten und die Wiederherstellung der Wärmeversorgung erste richtige Ansätze der neuen Mehrheitseigentümerin seien.
Der Stadt selbst hat dabei wenig Handhabe. Im Sommer hatte sich die Verwaltung daher bereits mit einem Appell an die Bundesregierung gewandt. Sie forderte mehr rechtliche Möglichkeiten, um gegen sogenannte Problemimmobilien wie an der Groner Landstraße vorzugehen. Die Stadt sieht in verwahrlosten Immobilien ein rücksichtsloses Geschäftsmodell: Objekte wie die Groner Landstraße würden den Eigentümern seit Jahrzehnten zur Gewinnmaximierung dienen: "Höchstmiete kassieren, nicht investieren und sich am Ende aus der Verantwortung ziehen – das geht nicht."
Mieterbund wünscht sich bessere Lebensumstände
Ähnlich sieht es der Mieterbund in Göttingen. Die frühere Eigentümervereinigung habe "sich als unwillig und unfähig erwiesen, ein bewohnfähiges Gebäude zu verwalten und zu erhalten". Es sei lediglich um maximale Mieteinnahmen gegangen. Aus Sicht des Vereins braucht es einen kompletten Eigentümerwechsel. Der solle "ohne die jetzigen Mieter zu vertreiben, die einzelnen Gebäudeteile Schritt für Schritt" sanieren und auch einen Teil der Wohnungen neu zuschneiden.
Letztlich wünscht sich der Mieterbund bessere Lebensumstände. Konkret etwa: eine funktionierende Heizung, schimmelfreie Wohnungen, laufende Fahrstühle. Der Verein ist noch skeptisch, ob das den neuen Mehrheitseigentümern gelingt. "Wir sind gespannt, ob der neue Investor willens und in der Lage ist, den jahrelangen üblen Machenschaften der bisherigen Hausverwaltung ein Ende zu setzen und eine sozial verträgliche Sanierung vorbereiten und realisieren kann", hieß es in einer Mitteilung. Zunächst hoffe der Mieterbund auf ein sicheres und technisch funktionierendes Gebäude.
Regelmäßig negative Schlagzeilen
Das Hochhaus mit seinen mehr als 400 Wohnungen sorgt wegen der Lebensumstände immer wieder für Schlagzeilen: Heizung defekt oder abgestellt, stillstehende Fahrstühle oder sich türmender Unrat in Innenhöfen und leerstehenden Wohnungen. Regelmäßig kommt es auch zu Bränden. Wegen der Zustände kontrollierte die Stadt zuletzt regelmäßig vor Ort. Immer wieder kommt es zu Klagen. Ein Anwalt hatte etwa versucht, die Wohnung einer Mandantin für unbewohnbar erklären zu lassen, war damit aber an hohen rechtlichen Hürden gescheitert.
Die Lage war wegen der Insolvenz der Mehrheitseigentümerin knifflig. Die Hausverwaltung verwies zudem immer wieder auf nicht gezahlte Mieten, weswegen Geld für Reparaturen fehle. Das weisen die Stadt und Anwälte der Mieter teilweise zurück.