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Nordrhein-WestfalenErster Auschwitz-Besuch von Wüst – Kampf gegen das Vergessen

20.05.2026, 05:32 Uhr
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(Foto: Beata Zawrzel/AP/dpa)

Es ist ein Besuch von besonderer Bedeutung: Erstmals betritt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Er möchte ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.

Auschwitz (dpa/lnw) - Die Todeswand, die Selektionsrampe, die Ruinen der Gaskammer und des Krematoriums - Auschwitz ist das Symbol des menschenverachtenden Massenmords der Nationalsozialisten. Erstmals besucht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) am Mittwoch das ehemalige deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau - und wird einen Blick tief in die Unmenschlichkeit werfen.

"Für alle Deutschen muss klar sein: Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", hatte Wüst 2023 im Landtag in einer Gedenkstunde zur Befreiung der Überlebenden von Auschwitz 1945 durch die Rote Armee gesagt. "Jeder, der in Deutschland lebt, ist aufgerufen, sich mit den Schrecken der Vergangenheit immer wieder auseinanderzusetzen."

Mindestens 1,1 Millionen meist jüdische Häftlinge wurden in Auschwitz in Gaskammern ermordet, erschossen oder starben an den Folgen von Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten, Misshandlungen oder den unmenschlichen Lebensbedingungen des Lagers. Am 27. Januar 1945 erreichten sowjetische Soldaten das Lager im von der Wehrmacht besetzten Polen und befreiten etwa 7.000 Überlebende.

Der Abgrund deutscher Geschichte

Vor seiner Reise bekräftigte der 50-jährige Regierungschef: "Auschwitz ist ein Abgrund deutscher Geschichte." Die Erinnerung an den Holocaust aber sei kein Selbstläufer. Dafür brauche es Zugang, Begegnungen und den politischen Willen, die Erinnerung auch für kommende Generationen lebendig zu halten. Dies werde umso wichtiger, weil immer weniger Zeitzeugen von den Verbrechen berichten könnten.

Die Aufgabe sei deshalb, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass junge Menschen verstehen könnten, was geschehen ist und welche Verantwortung daraus erwachse. "Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir entscheiden, wie wir mit ihr umgehen", sagte Wüst.

Der Kampf gegen Antisemitismus ist für den NRW-Regierungschef ein wichtiges Anliegen. So hat sich die Landesregierung als Ziel gesetzt, dass alle Schülerinnen und Schüler in NRW einmal in ihrer Schulzeit ein ehemaliges Konzentrationslager, eine Gedenkstätte oder einen Erinnerungsort besuchen. Künftig sollen auch angehende Lehrkräfte und Polizeianwärter sowie auch Rechtsreferendare in Gedenkstättenfahrten einbezogen werden.

Als Konsequenz aus dem Terror-Angriff der islamistischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte NRW zudem einen Zehn-Punkte-Plan gegen Antisemitismus vorgelegt.

Wüst holt geplante Reise nach

Für Wüst hat der Besuch in Auschwitz eine besondere Bedeutung, denn er wird die Gedenkstätte erstmals überhaupt betreten. Dass der CDU-Politiker, der seit Herbst 2021 Regierungschef in NRW ist, erst jetzt Auschwitz besucht, hat einen Grund. Ursprünglich wollte Wüst im November 2024 nach Polen reisen. Damals sagte er den Besuch jedoch wegen des Bruchs der Ampel-Bundesregierung aus SPD, FDP und Grünen kurzfristig ab. Ein knappes Jahr vor der NRW-Landtagswahl holt Wüst die Reise nun nach.

Vor rund zwei Jahren, zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, hatte Wüst schon einmal einen virtuellen Rundgang durch die Gedenkstätte gemacht. Dazu hatte er eine Schulklasse aus Düsseldorf in die Staatskanzlei eingeladen. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer wird künftig auch zunehmend digital wachgehalten, denn die Zeitzeugen und Überlebenden der Shoah werden immer weniger. "Wir müssen aber auch ein Gedenken erhalten, das emotional berührt, das uns mitfühlen lässt", hatte Wüst einmal gesagt.

Wüst möchte auch bei seinem ersten realen Besuch in Auschwitz hören, wie junge Menschen mit der Erinnerung an den Holocaust und der daraus erwachsenen Verantwortung umgehen. So trifft er direkt im Anschluss junge Freiwillige in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz, die seit Jahrzehnten einen Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung und zur historisch-politischen Bildung leistet. Junge Menschen sollen dort an ein engagiertes Eintreten gegen Rassismus und Antisemitismus herangeführt werden.

Denn mehr als 80 Jahre nach dem Holocaust sind Jüdinnen und Juden in Deutschland und auch in NRW wieder Zielscheibe von Hass. Die Zahl antisemitischer Straftaten hat in NRW 2025 einen neuen Höchststand erreicht. Landesweit wurden vergangenes Jahr fast 790 antisemitische Straftaten erfasst - rund 100 mehr als 2024. Erschreckend ist auch: Fast jeder oder jede Vierte in NRW hat antisemitische Einstellungen, wie eine Dunkelfeld-Studie ergeben hatte. Und: Fast die Hälfte der Befragten fordert, einen "Schlussstrich unter die Vergangenheit" des Holocausts zu ziehen.

Quelle: dpa

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