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Nordrhein-WestfalenDer Wüst-Herausforderer: Wie tickt Jochen Ott?

01.03.2026, 06:03 Uhr
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Der SPD-Anwärter auf den Ministerpräsidentensessel in NRW liebt "Mission Impossible". Im dpa-Interview verrät Jochen Ott viel Privates und wer zu Hause auf "Mr. President" hört.

Düsseldorf (dpa/lnw) - Die SPD hat große Ziele für die Landtagswahl 2027 in Nordrhein-Westfalen: Die einst erfolgsverwöhnten Sozialdemokraten wollen in ihrem längst verlorenen "Stammland" die schwarz-grüne Koalition und ihren derzeit ziemlich fest im Sattel sitzenden Regierungschef Hendrik Wüst (CDU) ablösen. Seit gut einem Monat ist klar, wer die politische Kehrtwende als Spitzenmann im Landtagswahlkampf vollbringen soll: Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf spricht Jochen Ott über sein Image, Fitness, Hund und Familie und was ihn von Wüst unterscheidet.

Frage: Sie sind seit gut einem Monat designierter Spitzenkandidat der NRW-SPD für die Landtagswahl. Haben Sie das schon mal bereut?

Antwort: Nein, mir geht's gut und ich bin wirklich sehr dankbar und demütig, wie viel Unterstützung in diesen vier Wochen von allen Seiten gekommen ist.

Frage: Welcher Verzicht an Freizeit wird Ihnen am schwersten fallen?

Antwort: Längere Spaziergänge mit meinem Hund. Wir haben die Woche aufgeteilt, wer wann mit dem Hund geht. Aber zwischendurch einfach mal eine Stunde mit dem Hund durch den Wald zu gehen, das wird so unter der Woche nicht mehr möglich sein. Also muss ich die Zeit dann am Wochenende besonders nutzen, weil das dem Hund guttut - mir aber auch.

Frage: Warum heißt Ihr Goldendoodle Kennedy?

Antwort: Also es gibt in irgendeiner amerikanischen Serie einen Kennedy. Das war die Brücke für meine Kinder, warum sie das gut fanden. Und ich fand den Namen des amerikanischen Präsidenten eigentlich ganz lustig. Und das Schöne bei dem Hund ist, wenn man ihm die Faust so hinhält mit einem Leckerli oder Ähnlichem und Mr. President sagt, dann gibt er Pfötchen.

Frage: Bei der Abwägung, ob Sie die Spitzenkandidatur der NRW-SPD übernehmen: Gab es Leute, die gesagt haben: Spar dir das, du kannst es nicht gewinnen?

Antwort: Ja. Aber das hat mich am Ende nicht überzeugt. Ich bin zwar noch recht jung an Jahren, aber politisch relativ erfahren mit großen Herausforderungen - etwa durch den Parteivorsitz der Kölner SPD, den ich vor 25 Jahren in einer sehr schwierigen Zeit übernommen habe. Besondere Herausforderungen durchziehen eigentlich mein politisches Leben. Für mich ist das jetzt eine Riesenchance. Natürlich geht das nur, wenn die Familie dahintersteht.

Frage: Was war für Sie das stärkste Argument für die Kandidatur?

Antwort: Die Hoffnung, dass es nicht so bleiben kann, wie es im Moment ist, insbesondere in den Bereichen Kita, Schule, Bildung - dass für Familien das Leben immer schwieriger wird. Es kommt gerade eine Zeit, wo wieder Leute gebraucht werden, die bereit sind, Dinge zu verändern. Und ich glaube, ich bin so jemand, der nicht locker lässt, wenn Sachen nicht in Ordnung sind. Den Anspruch nicht aufzugeben, Dinge zu verändern, das hat mich am Ende dazu getragen.

Frage: War das auch Ihr Antrieb, überhaupt in die Politik zu gehen?

Antwort: Das kann man so sagen. Ich komme aus zwei Richtungen: Ich bin in der katholischen Jugend aktiv gewesen und seit der fünften Klasse immer Klassensprecher gewesen, später Schülersprecher, dann Bezirksschülersprecher in Köln. In dieser Phase der Golfkriegsdemos Anfang der 90er Jahre habe ich immer mit anderen gemeinsam politische Themen vorangetrieben und bin dann 1992 in die SPD eingetreten.

Frage: Was stört Sie heute an der SPD und was finden Sie gerade toll?

Antwort: Im Moment erfreut mich, dass viele verstanden haben, dass unsere Sprache wieder einfacher werden muss, dass wir das Leben der normalen Leute in den Blick nehmen und nicht immer so akademisch Sachen beschreiben, die dann kein Mensch mehr versteht. Es geht um die soziale Frage: Kannst du einen bescheidenen Wohlstand im Laufe deines Lebens aufbauen? Hast du die Möglichkeit, mitzuwirken oder nicht? Was mich gestört hat, ist, dass stattdessen an vielen Stellen sehr kultur- oder identitätspolitische Fragen in den Mittelpunkt gerückt sind.

Frage: Das klingt, als sei das schon überwunden. Im Moment hadern Sie mit nichts in der SPD?

Antwort: Nein, im Moment hadere ich tatsächlich mit nichts. Gerade in den letzten Wochen bin ich auch wirklich sehr froh, was den Bund angeht: Erbschaftsteuer, Social-Media-Verbot, die Hinweise zur Sozialreform, die Frage der organisierten Kriminalität - die SPD kommt sehr konsequent mit klaren Vorschlägen aus Berlin. Das empfinde ich als sehr wohltuend und so kann es weitergehen.

Frage: Was schätzen Sie an Ministerpräsident Hendrik Wüst?

Antwort: Vor wichtigen Ereignissen meldet er sich inzwischen. Und dann kann man auch Dinge mit ihm besprechen. Ich schätze auch, dass er sich bemüht, unterschiedliche Milieus zusammenzuhalten.

Frage: Duzen Sie sich eigentlich?

Antwort: Ja, seit einem Empfang im Landtag im Mai 2025.

Frage: Was könnte man von Wüsts Stil lernen?

Antwort: Einige Beobachter würden vielleicht sagen, wie man Konflikte und Probleme seiner Regierung mehr oder weniger an sich vorbeirauschen lässt. Er hat es geschafft, weder mit den großen Verfehlungen der zurückgetretenen Flüchtlingsministerin Josefine Paul noch mit dem unter Druck geratenen Justizminister Benjamin Limbach in Zusammenhang gebracht zu werden. Ich glaube nur, das hält nicht auf Dauer. Denn Politik ist auch dafür da, Verantwortung zu übernehmen - auch, wenn es nicht gut läuft.

Frage: Ist dieser Stil ein Vorbild?

Antwort: Nein.

Frage: Sie sind in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Wie wollen Sie das bis zur Wahl in 14 Monaten ändern?

Antwort: Wir haben in der NRW-SPD schon sehr früh die Personalfrage geklärt, um das hinzubekommen. Ich will viel unterwegs sein, möglichst viele Menschen kennenlernen, ins Gespräch gehen und immer wieder gute und konkrete Vorschläge machen, um über diese Debatten auch bekannter zu werden.

Frage: Wollen Sie sich auch auf Instagram optimieren - so wie Wüst?

Antwort: Wir haben die Social-Media-Arbeit schon anders aufgestellt und sehen auch, dass wir deutlich mehr Menschen erreichen. Social Media gehört zur politischen Kommunikation dazu und wir werden es auch nutzen, um mich und unsere Themen bekannter zu machen. Es muss aber authentisch bleiben. Es darf nicht darum gehen, Politik zu inszenieren, sondern es geht darum, gute Vorschläge zu machen.

Frage: Sie haben sich als politischer Lautsprecher profiliert mit leidenschaftlichen Auftritten, weniger als "Schwiegermutter-Liebling". Werden Sie Ihr Image jetzt weichspülen?

Antwort: Es wäre falsch, wenn ich nicht mehr ich wäre, also wenn ich nicht mit Emotionen für das, was mir wichtig ist, eintreten würde. Ich nehme auch Folgendes wahr: Während über viele Jahre die moderierende Art von Kanzlerin Angela Merkel oder die ruhige Art von Olaf Scholz stilgebend waren, gibt es bei vielen Menschen im Moment die Sehnsucht nach Politikern, die klar sagen, was sie machen wollen.

Frage: Was nervt Sie im politischen Betrieb am meisten?

Antwort: Wenn vermeintlich immer die anderen verantwortlich sind und man nicht auch mal sagt: Was sind denn eigentlich meine Möglichkeiten? Und wenn nicht in Lösungen gedacht wird, sondern permanent in Problembeschreibungen, was alles nicht geht. Das habe ich zu oft gehört.

Frage: Haben Sie ein privates Vorbild?

Antwort: Für mich ist Franz Meurer eine sehr prägende Persönlichkeit. Er war viele Jahre der Pastor meiner Kirchengemeinde und ist immer noch dort. Er hat mich geprägt durch die Art und Weise, unkonventionell Dinge zum Ergebnis zu bringen. Und vor allen Dingen: der Respekt vor "den kleinen Leuten", also vor denen, die arbeiten gehen, sich an die Regeln halten, aber vielleicht nicht jedes wissenschaftliche Buch und nicht jede deutsche Tageszeitung rezipieren, sondern die sich einfach vom Kaninchenzüchterverein bis zum Sportverein um Andere kümmern, die vor Ort den Laden am Laufen halten. Den Respekt vor diesen Leuten, den habe ich in den Kölner Kirchengemeinden Höhenberg und Vingst über all die Jahre erlebt, und das prägt mich bis heute.

Frage: Was gibt Ihnen Kraft in schweren Zeiten?

Antwort: Als Studenten haben wir uns das Zitat "Nimm dich nicht so wichtig, Giovanni" von Papst Johannes XXIII. in der Wohngemeinschaft an die Tür geklebt. Man darf sich selbst grundsätzlich nicht ganz so wichtig nehmen, weil man dann zu schnell den Halt verliert. Zum anderen ist da das Höhner-Lied "Echte Fründe ston zesamme" (Echte Freunde stehen zusammen). Und besonders ansprechend ist für mich der Film "Mission Impossible". Am Ende gewinnt Ethan Hunt immer.

Frage: Können Sie eine Serie empfehlen?

Antwort: Wir haben gerade "Unfamiliar" geschaut. Da geht es um BND-Agenten, die Jahre später wieder auf den russischen Geheimdienst treffen. Ich bin ein klassischer Fan der guten Helden, sei es James Bond oder Indiana Jones. Ich bedauere aber sehr, dass Indiana Jones jetzt langsam unglaubwürdig zu alt wird.

Frage: Und welche Bands finden Sie gut?

Antwort: Alles, was mit den kölschen Bands zu tun hat wie die Brings. Das ist natürlich sozusagen mein Heimat-Slang. Durch meine Tochter habe ich jetzt Punkmusik neu kennengelernt und bin auf einmal in einer Musikrichtung unterwegs, die ich vorher nicht so auf dem Schirm hatte. Ich bin eigentlich nicht besonders festgelegt, sondern relativ offen. Ich höre sowohl Roland Kaiser als auch Queen.

Frage: Wie halten Sie sich fit?

Antwort: Ich gehe jeden Morgen auf mein Rudergerät. Und vor zwei Jahren habe ich Heinrich kennengelernt. Der kommt aus der Nähe von Dortmund, ist 101 und konnte alles alleine machen und wirkte auf mich fit wie ein Turnschuh. Heinrich erzählte, dass er jeden Tag einen Witz macht, weil Griesgrame nicht alt würden, und dass er seit über 80 Jahren jeden Morgen zehn Liegestütze und Kniebeugen mache. Seitdem ich Heinrich getroffen habe, mache ich nach dem Rudern auch noch Kniebeugen, um beweglich zu bleiben.

Ich mache auch noch Sit-ups für die Bauchmuskeln. Und außerdem gehe ich ja, wie gesagt, mit dem Hund. Ich bin auch schon drei Marathons in meinem Leben gelaufen. Aber ich glaube, dass das in den nächsten 14 Monaten keine gute Idee wäre.

Zur Person:

Der 51-jährige Kölner ist seit dem 23. Januar designierter Spitzenkandidat der NRW-SPD für die Landtagswahl im April 2027. Seit Mai 2023 ist der verheiratete Vater dreier Töchter als Fraktionschef angriffslustiger Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag. Vor seinem Einzug ins Landesparlament im Jahr 2010 hatte Ott an Gymnasien und an einer Gesamtschule in Brühl Geschichte, Sozialwissenschaften und katholische Religion unterrichtet.

Quelle: dpa

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