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Nordrhein-WestfalenWenn niemand hilft – Angst vor Antisemitismus an Hochschulen

22.05.2026, 15:53 Uhr
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Hochschulen gelten als Horte aufgeklärter Intellektueller. Wie passt das zusammen mit antisemitischen Angriffen und Beleidigungen? Eine junge jüdische Studentin schildert, wie sich das anfühlt.

Düsseldorf (dpa/lnw) - "Ich überlege, aus NRW wegzuziehen, weil das Leben an übersichtlichen, kleineren Universitäten für mich gefährlicher ist." Diesen Satz der Münsteraner Studentin Evelyn Deller müssen ihre Zuhörer erst mal sacken lassen. "In Städten wie Berlin gehen wir unter, was uns sicherer macht."

Wir – das sind jüdische Studierende in Deutschland. Deller ist Co-Vorsitzende des jüdischen Studierendenverbands NRW. Die junge Frau erklärt, was sich konkret hinter den Zahlen verbirgt, die die Zentrale Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in NRW (ZeBA) in Düsseldorf präsentiert: Die Zahl antisemitischer Vorfälle an nordrhein-westfälischen Hochschulen steigt weiter an.

Lieber weg aus NRW an die großen anonymen Universitäten

Fast ein bisschen verloren sitzt die zierliche junge Frau zwischen zahlreichen Spitzenfunktionären aus Hochschulen und Landesregierung im Düsseldorfer Haus der Universität. Was sie zu sagen hat, berührt allerdings am meisten: "Viele von uns können nicht mehr studieren wie vor dem 7. Oktober 2023, ziehen weg oder gehen gar nicht mehr zur Uni", beschreibt sie eine Welle von Anfeindungen nach dem Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas auf Israel und den danach erfolgten Gegenschlägen.

"Ich studiere zum Beispiel auch in der Kunstakademie in Münster und die ist so übersichtlich und so klein, dass ich einfach weiß, ich werde gesehen, man weiß, wer ich bin und ich bin sehr exponiert. Selbiges gilt für die Universität Münster, in der ich auch studiere."

Schon vor dem 7. Oktober habe sie allerdings "genug Antisemitismus erlebt, um zu wissen, wie gefährlich es ist, zu meiner Identität zu stehen", erinnert sich Deller an ihre Kindheit. "Dazu gehören auch die Grundschule und das Gymnasium." So gehe es vielen Juden: "Antisemitismus war noch nie nicht normal. Das habe ich von meinen Eltern gelernt."

Antisemitismus in NRW "bedrohlicher und gewalttätiger" als zuvor

Der Befund der Wissenschaft klingt nicht weniger alarmierend: "Antisemitismus, auch bei uns in Nordrhein-Westfalen, artikuliert sich bedrohlicher und gewalttätiger als je zuvor", stellt der Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS), Jörg Rensmann, fest. 2025 sei die Zahl antisemitischer Angriffe hier um 78 Prozent und die Bedrohungen um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Die konkreten Zahlen stellt die RIAS Anfang Juni vor.

Die Zentrale Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in NRW hat für ihren Bereich 85 entsprechende Ereignisse für 2025 dokumentiert – weit überwiegend israelbezogener Antisemitismus. Das seien 7,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und sogar fast dreieinhalbmal so viele Fälle wie im Jahr 2023 (25), berichtet ZeBA-Leiter Andreas Stahl. Von einer hohen Dunkelziffer sei auszugehen.

Terrorverherrlichung an Uni-Toilettenwänden

Das Spektrum reiche von Beleidigungen über martialische Wandschmierereien bis hin zu Bedrohungen und erheblichen Störungen universitärer Veranstaltungen. Besonders erschreckend für ihn sei, wie viel Mühe sich manche gegeben hätten, etwa geköpfte Juden an Toilettenwände zu zeichnen, Terroristen zu verherrlichen oder ganz offen zum Mord aufzurufen mit Kritzeleien wie "Kill all Jews" (Tötet alle Juden), beschreibt Stahl.

Den höchsten Anstieg von 4 auf 19 Fälle von 2024 auf 2025 verzeichnete die ZeBA im Regierungsbezirk Detmold, insbesondere an der Universität Bielefeld. Solche Ausreißer könnten allerdings auch vorkommen, "wenn man besonders genau hinschaut", erklärt Stahl.

Ein Trauma für die Opfer

NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) und Spitzenvertreter der Landesrektorenkonferenzen (LRK) wollen alles tun, um gemeinsam gegen Antisemitismus vorzugehen und Opfer zu unterstützen. "Wir dulden keine Ausgrenzung, wir dulden keine Hetze, keine Gewalt - weder in unseren Hörsälen und Seminarräumen noch auf dem Campus oder in digitalen Räumen, wo es auch zunehmend zu Problemen kommt", unterstreicht der LRK-Vorsitzende der Universitäten, Johannes Wessels. Solche Vorfälle seien traumatisierend für die Betroffenen.

Studien zufolge trauten sich weltweit drei von vier jüdischen Studierenden nicht, ihre Identität zu zeigen, berichtet Stahl. "Wir werden es in Deutschland auch in Zukunft mit Antisemitismus zu tun haben und es wird unsere gemeinsame Aufgabe bleiben, dagegen zu kämpfen", betont Brandes. Es sei "eine Schande", dass jüdische Organisationen und Einrichtungen die am besten bewachten in Deutschland sein müssten.

Eine einzige Person steht auf: "Ich habe fast geweint"

Evelyn Deller verlangt Ernsthaftigkeit und konkreten Schutz für die jüdische Gemeinde. "Flaggen und Lippenbekenntnisse helfen uns nicht", mahnt sie. "Verantwortung zu übernehmen heißt, bei sich selbst anzufangen, bei seinem Umfeld einzuschreiten." Und nicht zuletzt: "jüdische Menschen nicht zu exotisieren, nicht auf- oder abzuwerten".

Nur an einen einzigen Fall kann sie sich erinnern, wo sie mal Solidarität von einer nichtjüdischen Person gegen Antisemitismus erfahren habe. "Und ich habe fast geweint, weil ich gemerkt habe, wie unerwartet das war", erzählt sie mit stockender Stimme. "Also ich weiß nicht, niemand kommt auf mich zu."

Sie wisse: "Ich werde zu meiner Lebzeit nicht erleben, dass Antisemitismus verschwindet." Dennoch müsse versucht werden, "es in Zukunft besser zu machen - für all die Juden und Jüdinnen, die nach mir kommen, die nicht mehr flüchten wollen, die sich nicht mehr verstecken wollen".

Quelle: dpa

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