Sachsen-AnhaltAngst, Panik, Tränen – Der schwierige Weg in den Zeugenstand

Sie erklären, beraten, stehen bei - auch im Gerichtssaal. Zeugenbetreuer sind dicht dran an den Emotionen. Über Unterstützer, die auch im Magdeburger Anschlags-Prozess kaum beachtet werden.
Magdeburg (dpa/sa) - Es sind nur wenige Meter, die Zeuge und Täter im Gerichtssaal trennen. Ein mental schwieriges und herausforderndes Aufeinandertreffen. Detailliert muss der Zeuge berichten, was ihm widerfahren ist. Vor ihm sitzen Richter, Staatsanwälte und Verteidiger in schwarzer Robe. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Alle hören zu. Es herrscht Stille. Das sorgt für Nervenflattern, Schweißausbrüche, Tränen, Angst, vielleicht sogar Panik. Als Zeuge in einem Prozess auszusagen, ist einer der schwierigsten Schritte für Opfer von Straftaten.
Doreen Rosenbaum und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Sozialen Dienst der Justiz Sachsen-Anhalt wissen das genau. Sie informieren und bieten emotionale und moralische Unterstützung. Der Job der 53-Jährigen ist es, den Zeugen beizustehen - und das vor, während und nach der Aussage im Gericht. Üblicherweise ist sie im Amtsgericht Magdeburg eingesetzt, begleitet etwa Betroffene von Körperverletzungen und Missbrauch.
Team wurde aufgestockt
Derzeit sind die Zeugenbetreuerinnen und -betreuer auch an der Seite der vielen Opfer des Magdeburger Weihnachtsmarkt-Anschlags. Das Team wurde aus anderen Bereichen des Sozialen Dienstes von 5 auf 33 aufgestockt, weil es sonst nicht zu schaffen gewesen wäre angesichts der vielen Betroffenen.
Alle Unterstützer haben schon gemerkt, wie belastend es werden kann, sagt Rosenbaum. "Das ging uns jetzt allen so. Die Erlebnisse, die schildert werden, berühren einen manchmal so, dass man auch mal eine Träne wegdrücken muss." Bislang seien an den 15 Prozesstagen 69 Zeugen betreut und teilweise begleitet worden.
Die Betreuung ist kostenlos und richtet sich an alle Personen, die bei einem Gerichtsverfahren als Zeugen aussagen müssen, auch an deren Angehörige und Personen aus dem nahen sozialen Umfeld, betont das Justizministerium in Magdeburg. Im Jahr 2024 beispielsweise hätten sie insgesamt 1.443 Personen in diesem Rahmen begleitet.
Auf Wunsch mit in den Zeugenstand
Die Betroffenen berichten im Anschlags-Prozess von schrecklichen Bildern, von ihrer Hilflosigkeit, Panik, den vielen Verletzten und Toten und davon, wie sich ihr Leben bis heute verändert hat. Schlaflosigkeit begleitet bis heute viele von ihnen, Angst vor großen Autos, vor Geräuschen, vor Menschenmengen. Auch mit den körperlichen Folgen haben viele noch immer zu tun. Im Prozess haben sich die Parteien darauf verständigt, dass nur die Betroffenen aussagen sollen, die es von sich aus wollen. So soll die Belastung möglichst gering gehalten werden.
Doreen Rosenbaum kommt wie ihre Kolleginnen und Kollegen auf Wunsch mit in den Zeugenstand. Was sie leisten, ist nach Außen kaum sichtbar und auch nicht zu hören. Wer einen Prozess als Zuschauer verfolgt, kann sie kaum zuordnen. Sie stelle sich nicht vor, werde im Saal auch nicht angesprochen, sagt die Zeugenbetreuerin.
"Ich darf auch nicht mit dem Zeugen, der im Zeugenstand sitzt, kommunizieren, weil das eine Beeinflussung sein könnte. Ich berühre die Menschen auch nicht." Sie rücke aber möglichst dicht an den Zeugen heran, um mitzubekommen, wenn es ihm nicht gut gehe, sagt die 53-Jährige.
Betroffene wollen ihre Geschichte erzählen
Viele Betroffene hätten den Drang verspürt, ihre Geschichte oder die der Verstorbenen zu erzählen, sagt Rosenbaum. Gerade auch, weil der Täter viel Raum zu Beginn des Prozesses gehabt habe, seine Ansichten zu verbreiten. "Für die Betreffenden war manches einfach furchtbar auszuhalten. Die haben da wirklich Mühe gehabt, dem Ganzen ohnehin zu folgen, aber das haben wir alle." Und auch Statements in Richtung des Angeklagten hätten mehrere Zeugen loswerden wollen. Für jeden sei es aber eine Überwindung, in den Zeugenstand zu gehen.
Die Zeugenbetreuung versucht die Belastung auf unterschiedlichen Wegen zu verringern. Es gibt Vorgespräche, in denen die Unterstützer erklären, was die Rechte und Pflichten von Zeugen sind, was passieren kann, worauf es ankommt. Sich vorab den Saal anzuschauen ist auch möglich. Im Amtsgericht kann sie bei besonderen Bedrohungs- oder Gefahrenlagen auch Nebeneingänge nutzen.
Trotz aller Vorbereitungen: "Je näher der Tag rückt, umso schlechter schlafen sie und umso schlechter versorgen sie sich auch, sodass man auch sagen muss: "Frühstücken Sie bitte."", sagt die Zeugenbetreuerin. Im Betreuungsraum seien aber auch immer Riegel da, Süßigkeiten, Getränke. Und direkt vor der Aussage gehe es um ganz andere Themen, manchmal sogar auf der humorvollen Ebene. Manche bräuchten Bewegung. Ballspiele, Atemübungen, Konzentration auf die Körperhaltung.
Akupressur-Ringe lenken ab
Und dann sind da kleine Hilfsmittel: Doreen Rosenbaum nimmt einen spiralartigen Ring in die Hand, schiebt ihn sich über einen Finger. "Die dienen der Beruhigung. Das ist wie so ein Knautschball." Diese Akupressur-Ringe bieten Ablenkung, das Gehirn konzentriere sich auf diese Reize. "Die Zeugen haben sich intensiv damit beschäftigt. Am Ende kriege ich ramponierte Ringe zurück, wo ich dann denke, es hat gewirkt. Es hat alles funktioniert."
Und trotz aller Vorbereitung: "Die Anspannung im Zeugenstand, muss ich sagen, ist auch für uns nicht ohne", sagt Rosenbaum über sich und ihre Kolleginnen. "Ich habe das phasenweise jetzt im Prozess gemerkt, dass es wie eine Stromleitung Energie zieht." Intensiver als in anderen Verfahren verbringen die Zeugenbetreuerinnen Zeit mit den Betroffenen. Man kenne die Geschichten, spreche in den Pausen. Es fließen Tränen. "Man ist sehr nah dran." Und die Diplom-Sozialpädagogin, die seit 2014 Zeugenbetreuerin ist, ergänzt: "Das ist auch für uns emotional belastend. Wir sind ja da keine Roboter und keine Maschinen."
Wasser und Taschentücher auf dem Zeugentisch
Dass der Prozess etwas Besonderes ist, zeigt sich auch an Details wie Wasser und Taschentüchern auf dem Zeugentisch. Das gibt es in Gerichtssälen sonst nicht. "Das haben wir mit dem Richter besprechen können", sagt Doreen Rosenbaum. "Da sind wir Vermittler oder Botschafter: Man hat ja einen trockenen Mund, wenn man anfängt mit der Aussage, ist die Anspannung erst mal hoch, dann legt sie sich nach ein paar Sätzen."
Eingebunden in die Gestaltung des Interims-Gerichts
Dass das Verfahren eine ganz andere Größenordnung werden würde, das sei ihr schon gleich am 20. Dezember klar gewesen, sagt Rosenbaum. Der Täter war gerade festgenommen worden. Wenige Tage später saß sie schon mit an einem Runden Tisch im Justizministerium, bei dem verschiedene Akteure überlegten, wie die vielen Hundert Betroffenen des Anschlags möglichst gut unterstützt werden könnten. Als Opferberaterin hatte sie gleich zu Beginn des vergangenen Jahres erste Kontakte zu Betroffenen, lotste zu Hilfsangeboten, half bei Antragstellungen.
"Dankbar bin ich einfach dafür, dass wir von Anfang an mit dabei waren, sodass wir auch eingebunden wurden in die Gestaltung des Gerichtsgebäudes, dass ich gefragt wurde, wie viele Räumlichkeiten wir benötigen für die Zeugenbetreuung", blickt die Koordinatorin Rosenbaum zurück. "Und da muss man jetzt einfach auch sagen, dass das wirklich in Sachsen-Anhalt eine Ausnahme ist, also deutschlandweit, dass wir eine staatliche Opferhilfe haben."