Sachsen-AnhaltWeniger Menschen überschuldet: "Nachzahlungsschock" droht

Der Blick in die Zukunft ist eher düster. Können Verbraucher die Last der gestiegen Kosten wie für Energie trotz staatlicher Hilfe stemmen - zumal wenn man finanzielle Verpflichtungen hat?
Halle/Neuss (dpa/sa) - In Sachsen-Anhalt ist die Zahl der überschuldeten Privatleute laut dem "Schuldneratlas 2022" der Wirtschaftsauskunftei Creditreform weiter gesunken. Aber: Vielen Verbrauchern droht nach Ansicht der Finanzexperten spätestens 2023 ein "Nachzahlungsschock" bei den Energie- und Heizkosten. Die Folge dürfte ein Anstieg der Zahlungsausfälle sein, die zum Teil direkt in die Überschuldung führen, erklärte ein Sprecher von Creditreform am Dienstag.
Die Verbraucher würden derzeit angesichts der hohen Energiepreise Konsumausgaben zurückstellen und Vorsicht walten lassen, erklärte Martin Plath, Prokurist bei Creditreform in Halle. So waren laut "Schuldneratlas 2022" zum 1. Oktober rund 208 380 Menschen in Sachsen-Anhalt überschuldet, rund 8200 weniger als im Vorjahr. 2021 betraf diese Situation rund 216 640 Privatleute.
"Während der Coronazeit sind die Verbraucher weniger Zahlungsverpflichtungen eingegangen. Das wirkt bis heute nach", sagte Plath. Überschuldet heißt laut Creditreform, die Einnahmen eines Menschen reichen nicht mehr aus, um den finanziellen Verpflichtungen auf Dauer nachkommen zu können.
Der Anteil der überschuldeten Personen an der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt ist den Angaben zufolge binnen Jahresfrist zwar gesunken, von 11,56 Prozent (2021) auf 11,20 Prozent (2022). Die sogenannte Schuldnerquote liege damit aber weiter deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 8,48 Prozent in diesem Jahr. Regional gesehen, so Plath, sei in allen Landkreisen und kreisfreien Städten die Überschuldung von Verbrauchern binnen Jahresfrist zurückgegangen.
Am stärksten sei dies auf dem Land im Altmarkkreis Salzwedel und im Landkreis Stendal der Fall gewesen. Bei der Analyse der kreisfreien Städte - Halle, Magdeburg und Dessau-Roßlau - fiel auf: Sie haben im Vergleich zu anderen ostdeutschen Städten eine überdurchschnittlich hohe Verbraucherüberschuldung, erklärte Plath. Männer, vor allem im Alter zwischen 40 bis 49 Jahren, hätten in Sachsen-Anhalt eine deutlich höhere Überschuldungsquote als Frauen.
Unterdessen ist die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland laut Creditreform auf ein Rekordtief gefallen. Allerdings rechnet die Wirtschaftsauskunftei angesichts der aktuellen Preisexplosionen bei Energie und Lebensmitteln schon bald mit einer spürbaren Verschlechterung der Situation. Spätestens im Winter 2022/2023 drohe in Deutschland eine Rezession, erklärten die Finanzexperten.
Ob die staatlichen Hilfs- und Unterstützungsprogramme ausreichen werden, um die Negativwirkungen der energiepreisbedingten Einkommenseinbußen zu begrenzen, sei derzeit fraglich. Die Wirtschaftsauskunftei (Neuss/Nordrhein-Westfalen) zählte 2022 in Deutschland knapp 5,9 Millionen überschuldete Personen, rund 274 000 oder 4,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Dies sei der niedrigste Wert seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2004.