Sachsen-AnhaltZwangsheirat und Gewalt: Schutzwohnungen für mehr Sicherheit

Wo sie sind, muss geheim bleiben. Zwei spezielle Wohnungen in Sachsen-Anhalt sollen Betroffenen auf der Flucht vor Zwangsverheiratung Schutz und Sicherheit bieten. Das Land beteiligt sich damit erstmals an einem bundesweiten Netz derartiger Unterkünfte.
Magdeburg (dpa/sa) - Zwei Schutzwohnungen sollen in Sachsen-Anhalt künftig hochgefährdeten Betroffenen von Zwangsverheiratung und ehrbezogener Gewalt als vorübergehender Rückzugsraum dienen. Die Wohnungen seien für Frauen und gegebenenfalls ihre Kinder oder für Paare gedacht, erklärte die Leiterin der Awo-Beratungsstellen und Referentin für Frauenschutz, Yvonne Joachim. Die Betroffenen hätten in der Familie psychische, physische und sexuelle Gewalt erlebt bis hin zu Morddrohungen. Zentral ist dabei aus Sicht der Expertin weder die Nationalität noch die Religion, sondern das "patriarchale Gesellschaftssystem". Auch deutsche Frauen aus Familien mit ausländischen Wurzeln seien betroffen.
Mit den Schutzwohnungen könne sich Sachsen-Anhalt künftig aktiv an einem bundesweiten Netz zur Unterbringung von hochgefährdeten Betroffenen beteiligen, die nicht der gewünschten Lebensweise ihrer Familie folgen und deshalb an Leib und Leben bedroht sind. Unterbringungsmöglichkeiten für bedrohte Paare seien bundesweit sehr selten. Bislang habe das Land immer vom Angebot anderer Bundesländer profitiert.
Noch bevor die Wohnungen in Betrieb genommen werden konnten, hat es laut Yvonne Joachim schon etwa 15 Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet gegeben. "Der Bedarf ist wirklich hoch." Aktuell stünden noch Nachrüstungen zugunsten der Sicherheit an. "Dann sind wir bereit." Es gebe eine enge Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt. Die Lage der Wohnungen muss geheim bleiben, um die Betroffenen zu schützen. Die Schutzwohnungen bieten einen noch höheren Grad an Anonymität und Schutz als Frauenschutzhäuser. Die Familien, die die Betroffenen ausfindig machen wollen, verfügen laut Yvonne Joachim über ein großes Netzwerk und Strategien, ihr Ziel zu erreichen. Und sie versuchen es oft jahrelang.
Die Schutzwohnungen ergänzen die Arbeit der Awo-Fachstelle Vera, die seit dem Jahr 2000 in Sachsen-Anhalt ein spezialisiertes Beratungsangebot für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsverheiratung anbietet. Die Fallzahlen der Fachstelle haben sich zuletzt annähernd verdoppelt, wie die Statistik zeigt. 2021 hatte es noch rund 80 Fälle gegeben, im vergangenen Jahr dann etwa 160. Rund 90 Prozent bezogen sich hauptsächlich auf das Thema Zwangsverheiratung und ehrbezogene Gewalt. Die beratenen und betreuten Frauen kamen laut Awo aus 26 verschiedenen Herkunftsländern. Von den 76 Klientinnen in längerfristiger Begleitung waren nach Einschätzung der Fachberaterinnen mindestens sechs Hochgefährdete.
Die Schutzwohnungen werden die Frauen und Paare jeweils etwa drei bis sechs Monate nutzen. "Es ist ein Ort, an dem man überlegt und keine Spuren hinterlässt", sagte Yvonne Joachim. Es gehe um Fragen wie: Was ist mir passiert? Wo möchte ich hin? Es sei eine Zeit, in der eine Namensänderung vollzogen werden könne. Bei vielen Betroffenen seien aufenthaltsrechtliche Fragen zu klären. Die oft sehr jungen Klientinnen bräuchten eine enge Betreuung. "Das Ziel ist, wenn die Frau die Wohnung verlässt, dass sie sicher in ein neues, selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben starten kann", so Yvonne Joachim.