SachsenArbeit für Gott und die Welt: Äbtissin Petra Articus

Sie sei ein Vorbild an Demut, sagen andere über Mutter Petra Articus. Die 77-Jährige kam aus Bayern nach Sachsen, um das Kloster St. Marienthal in Ostritz wieder zur Ruhe zu bringen.
Ostritz (dpa/sn) - Das Leben der Zisterzienserinnen im Kloster St. Marienthal direkt an der Grenze zu Polen ist klar geregelt. Der Tag beginnt um 5.00 Uhr mit einem frühen Gebet in der Gemeinschaft, 7.30 Uhr folgt die Heilige Messe, danach das gemeinsame Frühstück. Im Anschluss gehen die Schwestern der Arbeit nach, für die sie eingeteilt sind. Das Klosterleben folgt der Regel des Heiligen Benedikt und basiert auf dem Leitsatz "Ora et labora" (Bete und arbeite).
Stille und Schweigen gehört zu den Grundregeln - auch für Petra Articus, die das Kloster im ostsächsischen Ostritz als Äbtissin leitet. "Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass mir im Kloster etwas fehlen könnte", sagt sie. Eine Entscheidung für das Kloster bedeute zwar Verzicht, aber gleichzeitig auch Gewinn. Alles, was ihr Leben wichtig ist, habe sie dort gefunden: Gebet und Arbeit, Dasein für Gott, für die Kinder und andere Menschen.
Sintflut 2010: Kloster vom Hochwasser der Neiße überschwemmt
Doch in den vergangenen Jahren war es etwas unruhig in der Stadt im Landkreis Görlitz. 2010 wurde das Kloster von einem Hochwasser der Neiße überschwemmt. Die Sanierung ist noch immer nicht gänzlich abgeschlossen. Auch wenn Sachsen und der Bund mehrere Millionen Euro überwiesen, musste das Kloster einen großen Eigenanteil leisten. Da es für die erste notwendige Renovierung nach der Wende bereits seinen Wald verkauft hatte, blieb kein Geld mehr, um die jetzigen Schulden zu begleichen. Deswegen sollte auch die wertvolle Bibliothek veräußert werden.
Sachsen kaufte die Bücher für die Landesbibliothek an, von dem Geld lebt das Kloster noch heute - doch irgendwann ist es alle. Zisterzienserinnen müssen sich selbst ernähren und auch für den Unterhalt ihres Klosters sorgen. Das bringt bei großen Gebäudeensembles wie dem in Ostritz riesige Probleme mit sich. Zwar residiert das Internationale Begegnungszentrum (IBZ) in einem Teil des Klosters und zahlt Miete. Doch das reicht bei weitem nicht, um alles zu begleichen. Für laufende Kosten kann Sachsen nicht aufkommen.
"Wir brauchen Geld und wir brauchen Hilfe"
Seit einem Jahr leitet Mutter Petra Articus das Kloster. Früher trug sie 23 Jahre als Äbtissin für das Kloster Seligenthal im bayerischen Landshut Verantwortung. Die Schwierigkeiten in Ostritz waren der Grund, warum sie gemeinsam mit einem Finanzexperten nach Ostsachsen kam. Sie spricht von einer Berufung, sie selbst habe den Wechsel gar nicht angestrebt. "Wir brauchen Geld und wir brauchen Hilfe", sagt die 78-Jährige über ihre neue Wirkungsstätte.
Bei allem Gottvertrauen will sie das aber nicht dem Lauf der Dinge überlassen. "Ich kann beten, dass wir Förderer finden und dass der Staat uns beim Erhalt der Gebäude hilft. Zudem muss ich aber selbst meinen Anteil leisten und etwa entsprechende Kontakte aufnehmen", sagt Schwester Petra.
"Vorbildliches Beispiel für Demut"
Für ihren Einsatz ist man in Ostritz vollen Lobes. Georg Salditt, im IBZ für Bildung zuständig, sieht in der Äbtissin ein "vorbildliches Beispiel für Demut". Sie hätte nach ihrer Zeit in Bayern ein ruhigeres Ordensleben führen können, habe die Not in Marienthal aber wahrgenommen und sich erneut in den Dienst gestellt. Mit ihrer zugewandten und anpackenden Art habe sie schon nach kurzer Zeit viele Menschen für sich gewinnen können, sagt Salditt: "Sie leistet Großes und gibt der Abtei St. Marienthal damit wieder eine Chance für einen langen Fortbestand und der ganzen Region ein geistliches Zentrum."
"Wir nehmen die Äbtissin M. Petra Articus als angenehme und kompetente Verantwortliche des Klosters wahr", sagt auch Bürgermeisterin Stephanie Rikl. Articus sei dazu bestimmt, in wirtschaftlich schwierigen einen Fortbestand des klösterlichen Lebens zu ermöglichen. "Ihr offenes und freundliches Wesen hilft ihr hoffentlich dabei, Frieden und Zuversicht der Schwestern untereinander zu fördern und deren Einheit zu stärken."
Man muss nicht auf Mission gehen, um zu helfen
Wer Petra Articus erlebt, hat daran keinen Zweifel. Sie stammt aus Husum und ging aber im bayerischen Deggendorf aufs Gymnasium. Schon früh sei bei ihr der Wunsch entstanden, sich einem Missionsorden anzuschließen. Doch äußere Umstände bewogen sie, in der Heimat zu bleiben und sich als Kindergärtnerin ausbilden zu lassen: "Ich hatte verstanden, dass man nicht auf Mission gehen muss, um helfen zu können."
Fortan arbeitete sie im Internat der Zisterzienserinnen Abtei Seligenthal. Die Arbeit mit jungen Leuten habe ihr am Herzen gelegen, sagt sie. Mit 20 wollte sie ins Kloster. Weil ihre Mutter dagegen war, musste sie damit bis zur damals geltenden Volljährigkeit warten. Am 8. Mai 1969 war es so weit: Während anderswo die "Achtundsechziger" die bisherigen Regeln der Gesellschaft infrage stellten, wählte die junge Frau in Landshut einen anderen Weg.
"Das Maßgebende war Gott"
Ihr sei klar gewesen, dass ein Leben hinter Klostermauern Einschränkungen mit sich bringt. "Ich muss aber ehrlich sagen: Der Gedanke, dass ich nicht mehr so wie meine Geschwister etwa reisen kann, hat mich nie bedrückt. Ich wusste, ich kann auch im Kloster als Erzieherin arbeiten, das hat mir genügt." Sicher hätte sie das auch im weltlichen Kontext machen können - aber: "Das Maßgebende war Gott."
Wenn die Äbtissin ihre Beziehung zu Gott beschreibt, fällt zuerst der Begriff Dankbarkeit. "Es ist etwas, was man schwer ausdrücken kann. Gott ist für mich der Mittelpunkt, ihm verdanke ich viel. Das ist seit jeher ein großer Faktor für mich, genauso wie die Liebe zu Jesus." Sie habe mit ihrem Eintritt ins Kloster zeigen wollen, dass sie sich beschenkt fühle und etwas zurückgeben möchte.
Unlängst sah sie die Premiere der Oper "Dialogues des carmélites" ("Gespräche der Karmelitinnen") von Francis Poulenc. Das Stück basiert auf einer authentischen Geschichte und handelt von Nonnen, die während der Französischen Revolution zum Tode verurteilt wurden und im Gottvertrauen singend auf das Schafott gingen. Schwester Petra kannte die literarische Vorlage und eine filmische Version des Stoffes.
Menschlich bleiben ist eine ständige Aufgabe
"Mit der Hauptheldin Blanche und ihren Lebensängsten konnte ich mich nie identifizieren. Ich bin eher der Typ, der das Positive sieht", erzählt Articus. "Das war schon in meiner Schulzeit so und das ist auch in Beziehung zu anderen so geblieben - etwa mit Kindern und Jugendlichen. Wenn ich etwas gegeben habe, bekam ich mindestens genauso viel zurück." Jeden Tag menschlich zu bleiben, sei eine ständige Aufgabe.
Früher sei sie einmal gefragt worden, was sie im Kloster eigentlich für den Weltfrieden leiste. "Zuerst habe ich gestutzt. Dann habe ich geantwortet, dass es auch in meiner Arbeit im Kleinen darum geht, Frieden zu stiften." Jede und jeder könne etwas dazu beitragen. Dem anderen gegenüber wohlwollend und respektvoll zu sein, den anderen "anders sein lassen" sei die Aufgabe: "Jeder Mensch ist einmalig."
Nur kleine Gemeinschaft im Kloster St. Marienthal
Im Unterschied zu Seligenthal ist die Gemeinschaft im fast 800 Jahre alten Kloster in Ostritz überschaubar. Im bayerischen Kloster waren es 135 Frauen, hier in Sachsen sind es nur zehn, wovon sechs die Gelübde der Ewigen Profess abgelegt haben. Die jüngste Frau im Kloster St. Marienthal ist Kandidatin Sindy - sie wird in diesem Jahr 22 Jahre alt. Die älteste ist 83, die meisten sind zwischen 60 und 70 Jahre alt.
Immer wieder gebe es Anfragen von Frauen, die für eine Zeit lang kostenlos in St. Marienthal leben wollen oder sich erst einmal erkundigen, wie es um die finanzielle Absicherung im Kloster steht. Sie selbst habe Sindy geraten, sich ihre Entscheidung genau zu überlegen, sagt die Äbtissin. Denn noch sei nicht gewiss, wie es mit St. Marienthal einmal weitergeht.
Veränderungen im Klosterleben
Petra Articus hat über die Jahrzehnte hinweg Veränderungen im Klosterleben ausgemacht. Zu ihrer Zeit als junge Schwester seien viele Dinge einfach hingenommen worden. "Bis zum Jahr 2000 hatten wir in Seligenthal nicht einmal fließendes Wasser in unseren Zellen, auch kein Telefon, Fernsehen oder Radio. Das Essen war sehr einfach, wir hatten viel Arbeit. Ich weiß nicht, ob die jungen Leute heute den damaligen Anforderungen gerecht werden könnten, da die Belastungsfähigkeit teilweise abgenommen hat."
Die Äbtissin ist überzeugt, dass nicht alle Klöster die nachwuchsarme Zeit überdauern würden. Andererseits gebe es Gemeinschaften, die einen Aufbruch erleben. Wichtig wäre, wieder mehr junge Schwestern in den eigenen Reihen zu haben - als eine Art Multiplikator für andere, sagt Articus. Sie wisse, dass Klöster ihrer Spiritualität treu bleiben und gleichzeitig mit der Zeit gehen müssen. Das bedeute, mehr Angebote etwa für Gottsuchende und Bildungskurse zu unterbreiten und diese auch mit modernen Medien zu bewerben.
Kurs über starke Frauen in der Bibel
Sie selbst bot im vergangenen Jahr einen Kurs über starke Frauen in der Bibel an und verknüpfte das mit einem Angebot zur Gestaltung von Weihnachtsschmuck. Damals habe sich die Nachfrage noch in Grenzen gehalten, sagt Petra Articus. Doch in diesem Jahr will sie es noch einmal versuchen.