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SachsenBeim "Betreuten Singen" gibt das Publikum den Ton an

28.03.2026, 06:01 Uhr
Demian-Kappenstein-und-Reentko-Dirks-laden-seit-2017-zum-Betreuten-Singen

Von "Wonderwall" bis "Stille Nacht": In der Dresdner Schauburg bestimmen die Gäste, was gesungen wird. Warum das offene Format so gut ankommt, erzählen Besucher und Musiker.

Dresden (dpa/sn) - "Oops!... I Did It Again", "Wonderwall" und "California Dreamin'" ruft es in einem Kinosaal in der Dresdner Schauburg wild durcheinander. Auf der Bühne sitzen die beiden Musiker Reentko Dirks mit einer Gitarre und Demian Kappenstein an der Cajón. Sie sammeln von den etwa 350 gut gelaunten Gästen Vorschläge für den ersten Song des Abends beim "Betreuten Singen".

Seit bald zehn Jahren laden die beiden monatlich zu dem Mitsingabend, hin und wieder sind sie auch in Berlin zu Gast. Von ähnlichen Formaten wie dem "Rudelsingen" und "Sing de la Sing", die ebenfalls regelmäßig in Sachsen stattfinden, unterscheidet ihr Konzept sich durch die spontanen Vorschläge aus dem Publikum. Eine fertige Songliste gibt es nicht.

Das Publikum entscheidet

"Am Anfang ist es ein bisschen chaotisch, anarchisch organisiert", sagt Kappenstein. Die Menge ruft ihre Songwünsche einfach rein, die beiden Musiker sammeln und lassen dann per Applaus abstimmen.

Als Erstes fällt die Wahl auf einen Hit aus den 60ern: "California Dreamin'" von der Folk-Rock-Band The Mamas and the Papas - mit deutschem Text. Die Übersetzung, die die beiden "Betreuer" von Google auf die Leinwand liefern lassen, sorgt beim Singen für Schmunzeln.

Etwas geordneter geht es in der zweiten Hälfte des Abends zu. Vor der Pause geben Dirks und Kappenstein ein Thema vor, zu dem sie dann per Zettel und E-Mail Vorschläge einsammeln. An diesem Abend sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer überlegen, mit welchem Lied sie einem Außerirdischen die Menschheit erklären würden. Das Ergebnis: Ein bunter Mix von naheliegenden Titeln wie dem "Earth Song" von Michael Jackson bis hin zu deutschen Klassikern wie "Über sieben Brücken" von Karat.

Immer wieder entstehen ungewöhnliche Kombinationen. So lässt Dirks "Summer of 69" von Brian Adams auf das Weihnachtslied "Stille Nacht" ausklingen - begleitet von Lachern und lauthalsigem Mitsingen aus dem Saal.

"Singen befreit einfach ungemein"

In der ersten Reihe sitzt Maria Hahn. Sie trägt ein T-Shirt mit dem Logo der Veranstaltung - einem gezeichneten Lagerfeuer - und kommt jeden Monat mit einer Freundin. "Es ist wirklich ein Ritual geworden", erzählt die Dresdnerin, die auch in einem Chor singt. "Ich freue mich jedes Mal, weil ich weiß, dass es mir danach wieder besser gehen wird, weil Singen befreit einfach ungemein."

"Von Anfang an bis Ende fühlt man sich mitgenommen und abgeholt", stimmt ihre Begleiterin Yvonne Löffler zu. "Das Mindset einmal wiederherstellen und dann wieder frisch rausgehen. Das ist eigentlich, was der Abend hier ausmacht." Die Stimmung beschreibt sie als unbefangen und wertfrei. "Das macht das Ganze so angenehm und so leicht."

"Dann muss man das lernen"

Wenn Dirks und Kappenstein einmal nicht weiterwissen, überlassen sie dem Publikum den Lead: "Wir kennen es nicht", gibt Dirks beim Deutschrap-Song "Tau mich auf" von Zartmann zu. "Dann muss man das lernen", antwortet eine schlagfertige Frau aus dem Publikum. Und los geht es. Die Melodie findet der Gitarrist dann überraschend schnell, beim Gesang übernehmen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Initiative.

Nur ein einziges Mal wird es ganz still im Saal, denn weder die beiden "Betreuer" noch das Publikum wissen aus dem Stegreif, wie "Moonlight Shadow" von Mike Oldfield endet. Macht nichts - weiter geht es mit dem Gitarrenklassiker "Wonderwall" von Oasis, bei dem wieder alle aus voller Kehle mitsingen.

Das Publikum ist altersmäßig gemischt (zwischen 25 und 75 schätzt Kappenstein), die Frauen sind jedoch eindeutig in der Mehrheit. "Ich glaube, da ist viel mehr Offenheit und Unvoreingenommenheit da", vermutet Kappenstein. Frauen würden mehr Bereitschaft mitbringen, auch mitzusingen, wenn sie keine Sängerinnen sind.

Ausgelassene Stimmung und überraschende Lieder

Immer häufiger finden aber auch Männer den Weg zum gemeinsamen Singen. Einer von ihnen ist Martin Vogt. Er hat seine Freundin spontan zu dem Abend eingeladen und ist zum ersten Mal dabei. "Wunderbar, eine sehr schöne Stimmung, sehr ausgelassen, es gefällt mir", erzählt er in der Pause. "Das Zusammensingen, das überrascht werden, welche Lieder gewünscht werden, welche Lieder man früher gerne gehört hat." Einen eigenen Vorschlag hat Vogt jedoch nicht gemacht: "Mir fallen vor Schreck keine Lieder ein."

WG-Party liefert die Idee

Die Idee für das Konzept entstand bei einer WG-Party, bei der Dirks und Kappenstein gemeinsam waren. "Ich wollte mich eigentlich schon um 9 Uhr verabschieden", erinnert sich Dirks. Dann habe ihm aber jemand eine Gitarre in die Hand gedrückt mit dem Kommentar: "Einen spielst du noch!" Schließlich ging der Abend erst um 3 Uhr nachts zu Ende. "Da haben wir gemerkt, was für eine Freude das ist, gemeinsam zu gucken, was für Stücke gehen einem gerade durch den Kopf."

Bis 2017 die erste Ausgabe des "Betreuten Singens" stattfand, vergingen jedoch noch einige Jahre. "Irgendwann sagte Demian: "So, jetzt machen wir das"", erzählt Dirks. Der Veranstalter habe zwar etwas skeptisch reagiert, den beiden aber eine Chance gegeben. "Und dann wuchs und wuchs es."

Treue Fans hat das "Betreute Singen" seither längst gefunden. Die nächste Ausgabe im April ist längst ausverkauft, Tickets gibt es erst wieder für den Mai.

Quelle: dpa

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