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ThüringenAntisemitismus prägt Alltag – Experten besorgt über Anstieg

26.08.2026, 12:35 Uhr
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Ein junger Mann wird in Erfurt wegen einer Davidsternkette brutal attackiert. Warum antisemitische Beleidigungen und Kommentare in Thüringen inzwischen keine Randphänomene mehr sind.

Erfurt (dpa/th) - Antisemitismus hat sich in Thüringen nach Einschätzung von Experten auf einem sehr hohen Niveau verfestigt. Der Antisemitismus sei inzwischen alltagsprägend für viele Betroffene im Freistaat, sagte Timo Galki, Leiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) Thüringen bei der Vorstellung des aktuellen Jahresberichts.

Demnach wurden im vergangenen Jahr 418 antisemitische Vorfälle im Freistaat gemeldet und damit so viele wie noch nie seit Bestehen der Meldestelle im Jahr 2021. 2024 wurden 392 derartiger Fälle verzeichnet.

Die meisten Vorkommnisse entfielen mit 350 in die Kategorie verletzendes Verhalten - dazu zählen antisemitische Beleidigungen, Kommentare oder Schmierereien. Außerdem wurden unter anderem 45 Sachbeschädigungen, zehn Bedrohungen und vier Angriffe verzeichnet, sagte Galki.

Der schwerste tätliche Angriff war im September vergangenen Jahres in Erfurt, als ein junger Mann mit einer Davidsternkette mehrfach geschlagen und verletzt wurde.

Erinnerungskultur gezielt angegriffen

Der Großteil der gemeldeten Vorfälle werde dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet. Die Stadt Jena sei auch im vergangenen Jahr ein Zentrum des antiisraelischen Aktivismus in Thüringen gewesen.

Galki verwies zugleich darauf, dass es einen Anstieg der antisemitischen Fälle mit rechtsextremem Hintergrund gegeben habe. Hier wurden 103 Taten gezählt, nach Angaben der Meldestelle war das ein Anstieg um 10,3 Prozent.

So habe es erneut zahlreiche gezielte Angriffe auf die Erinnerungskultur gegeben, mit denen die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit infrage gestellt worden sei, sagte Galki.

Antisemitismus mit rechtsextremem Hintergrund sei dabei nicht auf einzelne Szenen oder geschlossene Milieus begrenzt. Mit 28 Vorfällen mit einem links-antiimperialistischen Hintergrund seien in etwa so viele wie im Jahr zuvor verzeichnet worden.

Antisemitismus bei linken Protesten gegen AfD

Der Beauftragte der Thüringer Landesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung des Antisemitismus, Michael Panse, bezeichnete vor allem antisemitische Vorfälle an den Hochschulen und beim Fußball als besorgniserregend.

Die Hemmschwelle sinke dabei augenscheinlich immer mehr. Es gebe offensichtlich eine feste Zahl an Menschen mit antisemitischer Gesinnung. Panse sprach sich für eine Verschärfung des Strafrechts in diesem Bereich aus. "Es muss klar werden, dass es eine rote Linie gibt", sagte Panse.

Als erschreckend nannte er zudem antisemitische Vorfälle bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag Anfang Juli in Erfurt. So sei etwa ein RIAS-Informationsstand von linken Akteuren angefeindet worden. "Ich habe kein Verständnis dafür, wenn Antisemiten vor der Veranstaltungshalle gegen Antisemiten in der Veranstaltungshalle demonstrieren."

Die Erfurter Bundestagsabgeordneten Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Michael Hose (CDU), Bodo Ramelow (Linke) und Carsten Schneider (SPD) forderten eine kritische Aufklärung von den Beteiligten und Aktiven des Protesttages. "Bei Protesten für die Demokratie darf Antisemitismus keinen Platz haben", hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung dazu.

Quelle: dpa

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