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Thüringen Stadt Jena will NSU-Terror mit Gedenkjahr aufarbeiten

Eine Gedenktafel an den vom NSU ermordeten Enver Simsek steht am Tatort. Foto: Daniel Karmann/Archiv

(Foto: Daniel Karmann/Archiv)

In Jena haben sich die NSU-Terroristen radikalisiert, bevor sie aus dem Untergrund jahrelang mordeten. Deswegen will die Stadt 2021 an den rechten Terror und seine Opfer erinnern - und sucht Kontakt zu anderen Städten mit NSU-Bezug.

Jena (dpa/th) - Zehn Jahre nach dem Auffliegen des NSU-Terrortrios will Jena 2021 mit einem Gedenkjahr ein Zeichen setzen. Mit den Mitteln von Wissenschaft und Kunst soll dann ein Bogen geschlagen von den 1990er Jahren werden, in denen sich die Rechtsterroristen in Jena und Umgebung radikalisiert haben - bis hin zum Rechtsextremismus und -populismus der Gegenwart.

"Wir sind die Stadt, aus der die Täter stammten", verwies Oberbürgermeister Thomas Nitzsche (FDP) auf die Verantwortung seiner Stadt. "Das hätte überall sonst passieren können, aber es ist hier passiert." Zwar sei Jena stark im Kampf gegen Rechts, mit dem Thema NSU habe sie sich aber noch nicht ausreichend auseinandergesetzt. "Das erwartet die Stadtbevölkerung aber." Zudem sei diese Auseinandersetzung geboten, um vorzubauen und die Widerstandsfähigkeit der Stadt zu stärken.

Die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe waren Ende der 1990er Jahre untergetaucht. Zuletzt haben sie in Zwickau gelebt. Als Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) töteten sie zwischen 2000 und 2007 acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Außerdem werden sie für zwei Sprengstoffanschläge sowie Raubüberfälle verantwortlich gemacht. Erst im November 2011 flog die Gruppe nach einem Banküberfall in Eisenach auf - Mundlos und Böhnhardt nahmen sich das Leben, Zschäpe stellte sich der Polizei.

Zehn Jahre später will die Jenaer Stadtgesellschaft nun auf vielfältige Weise nachforschen, wie es zu dieser Terrorserie kommen konnte und was daraus gelernt werden kann, wie der Leiter von Jenakultur, Jonas Zipf, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Dazu wird sich etwa der Wettbewerb der beiden städtischen Kulturpreise - der Lenz-Preis für Dramatik und der Botho-Graef-Kunstpreis - mit dem Thema NSU auseinandersetzen. Es soll ein Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen werden. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Nationaltheater und dem Kunstfest Weimar soll zudem eine mehrteilige Arbeit eines türkischen Regisseurs entstehen, die sich mit dem NSU-Prozess in München beschäftige.

Als Höhepunkt ist jedoch ein mehrwöchiges, dezentrales Theaterprojekt geplant, in das alle Städte mit Bezug zu NSU-Opfern eingebunden werden. Aus den meisten gebe es bereits positive Rückmeldungen, sagte Zipf. Getreu dem Brecht-Satz "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" werde dabei in einem bundesweiten Diskurs der Rolle von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus heute nachgegangen.

Mit einer weiteren Aktion zur Erinnerung an die NSU-Opfer will die Stadt allerdings nicht bis 2021 warten. Schon im kommenden Jahr werde ein Platz in Jena-Winzerla, wo das NSU-Trio aufwuchs, nach deren erstem Mordopfer Enver Şimşek benannt. Das habe der Kulturausschuss beschlossen, hieß es.

Die Stadt Jena hatte schon Anfang Dezember 2011 wenige Wochen nach Auffliegen der Terrorzelle mit einem Rockfestival ein Zeichen gegen Rechts gesetzt. Damals traten etwa Udo Lindenberg, Clueso und die Ostrockband Silly vor rund 50 000 Menschen im Paradiespark auf.

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