ThüringenTeure Heimpflege - mehr als 3.000 Euro Zuzahlung fällig

Die Pflege im Heim wird teurer und teurer. Die Altersrente dürfte bei vielen Pflegebedürftigen dafür nicht reichen. In Thüringen beziehen inzwischen mehr als 10.000 Heimbewohner Sozialhilfe.
Erfurt (dpa/th) - Die Pflege im Heim wird für alte Menschen in Thüringen zu einer immer größeren finanziellen Belastung. Die von Pflegebedürftigen im ersten Heimjahr zu tragenden monatlichen Zuzahlungen haben zum Jahreswechsel die Marke von 3.000 Euro übertroffen. Sie lagen zum Stichtag 1. Januar bei exakt 3.005 Euro, wie der Verband der Ersatzkassen ausgewertet hat. Das sind 209 Euro mehr als zu Jahresbeginn 2025 und 96 Euro mehr als am 1. Juli 2025. Sozialverbände sehen die Entwicklung mit großer Sorge.
Pflegeversicherung übernimmt nur Teil der Leistungen
In den Beträgen sind neben den Eigenanteilen für die eigentliche Pflege auch die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, für Investitionen in den Heimen und Umlagen für Ausbildungskosten enthalten. Die gesetzliche Pflegeversicherung übernimmt - anders als die Krankenversicherung – nur einen Teil der Pflegekosten.
Auch bundesweit sind die aus eigener Tasche zu leistenden Zuzahlungen binnen eines Jahres deutlich gestiegen. Im Schnitt mussten in Heimen lebende Pflegebedürftige 3.245 Euro aufbringen, 261 Euro mehr als im Januar 2025 und 137 Euro mehr als im Juli 2025. Unter der Schwelle von 3.000 Euro liegen nur drei Bundesländer: Sachsen-Anhalt (2.720 Euro), Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen (je 2.903 Euro). Ausgewertet wurden Vergütungsvereinbarungen der Pflegekassen mit Heimen in allen Bundesländern. Zu den Ersatzkassen gehören unter anderem die DAK, die Barmer und die Techniker Krankenkasse.
Anstieg trotz Entlastungszuschlägen
Seit 2022 gibt es neben den Zahlungen der Pflegekasse auch Entlastungszuschläge für die reinen Pflegekosten. Die Höhe der Zuschläge hängt von der Dauer des Heimaufenthalts ab. Im ersten Jahr werden die Pflegekosten um 15 Prozent gedrückt, im vierten Jahr um 75 Prozent. Auch mit diesem höchsten Zuschlag waren zum 1. Januar in Thüringen noch 1.865 Euro aus eigener Tasche fällig, 106 Euro mehr als vor einem Jahr.
Kassen: Land muss Investitionskosten übernehmen
Um Pflegeheimbewohner zu entlasten, sieht der Ersatzkassenverband neben Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), die "endlich Entscheidungen für ein nachhaltiges Pflege-Finanzierungssystem treffen" müsse, auch das Land in der Pflicht. Thüringen müsse die Investitions- und Ausbildungskosten der Pflegeheime übernehmen, "damit diese nicht von den Pflegebedürftigen zu schultern sind", verlangte Verbandslandesleiter Robert Schöning. Aktuell werden diese Kosten nach seinen Angaben eins zu eins auf die Pflegebedürftigen umgelegt. Allein die Investitionskosten seien für sie binnen eines Jahres um 5,6 Prozent gestiegen.
Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte die vollständige Übernahme von Ausbildungs- und Investitionskosten durch das Land. Die Landesregierung dürfe sich "bei der Finanzierungspflicht nicht länger aus der Verantwortung stehlen", erklärte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. "Für Unterbringung, Verpflegung und überdurchschnittlichen Komfort sollte weiterhin jeder selbst zahlen."
Sozialhaushalte der Kommunen durch Pflegeheimkosten belastet
Reichen Altersrente und Ersparnisse von Pflegebedürftigen nicht aus, um die Zuzahlungen für den Heimplatz zu finanzieren, springt in der Regel die Sozialhilfe ein. Im Jahr 2024 etwa betraf das nach den verfügbaren Daten des Statistischen Landesamtes 10.425 Heimbewohner, also fast die Hälfte der in Heimen lebenden Pflegebedürftigen. Das ist auch ein Problem für die Kommunen, die unter den steigenden Sozialhilfeausgaben ächzen.
Zahl der Pflegeheimbewohner in Thüringen rückläufig
Die Zahl der in Heimen gepflegten Menschen nimmt in Thüringen seit Jahren ab. 2017 wurden rund 25.000 Menschen dauerhaft stationär gepflegt, wie aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervorgeht. 2023 waren es nach den derzeit verfügbaren Zahlen noch knapp 24.000. Ob der Rückgang mit den gestiegenen Zuzahlungen zu tun hat, ist allerdings unklar. Eine Rolle spielen vor allem behördlich erlassene Aufnahmestopps für Pflegeheime, weil diese nicht über die erforderliche Zahl an Fachkräften erreichen, wie etwa die Pflegeanbieter DRK und Diakonie Mitteldeutschland einschätzen.
"Wir vermuten aber schon ein Dunkelfeld, dass Familien pflegebedürftige Angehörige wegen der steigenden Zuzahlungen lieber zu Hause pflegen", sagte Diakonie-Sprecher Frieder Weigmann. Dies sei finanziell für sie günstiger. Wer Angehörige zu Hause pflegt, kann Pflegegeld von der Krankenkasse erhalten. Die Frage sei allerdings, ob bei Pflege durch Laien auch die Pflegequalität gewährleistet sei, so der Sprecher. "Für Familienpflege gibt es keine Qualitätsvorgaben."