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"Brennglas der Avantgarde" 100 Jahre Galerie "Der Sturm"

Die Galerie "Der Sturm" war das Zentrum der Avantgarde-Kunst im Berlin der 1920er Jahre. Der 100. Gründungstag wird allerdings in Wuppertal gefeiert. Denn die Galerie hatte eine besondere Beziehung auch ins Bergische.

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Auch "Herbst II, 1912" von Wassily Kandinsky wird im Rahmen der Ausstellung "Der Sturm - Zentrum der Avantgarde" im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal ausgestellt.

(Foto: dpa)

"Der Sturm" - legendär war der Ruf der Berliner Galerie, die Anfang des 20. Jahrhunderts zum Brennpunkt der europäischen Kunstavantgarde wurde. Genau 100 Jahre nach der Gründung widmet das Wuppertaler Von der Heydt-Museum ab dem 13. März bis zum 10. Juni 2012 dem berühmten Kunstzentrum eine eigene Ausstellung. Kandinsky, Marc, Delaunay, Chagall, Schwitters, Feininger, Schlemmer, Moholy-Nagy - die damals umstrittensten Künstler vom Expressionismus bis zum Konstruktivismus stellten in der Galerie von Herwarth Walden (1878-1941) aus. Heute hängen die Bilder in den berühmtesten Museen der Welt.

Fast zwei Jahre lang hat Kuratorin Antje Birthälmer zusammen mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum "Sturm" geforscht. Dutzende Ordner säumen die Wände ihres kleinen Büros in den Hinterräumen des Museums. ""Der Sturm" ist wie ein Brennglas", sagt sie. "In großer Dichte konzentrierte er die Entwicklung der Kunst."

Leihgaben aus großen Museen aus aller Welt

Zunächst war im Wuppertaler Museum eine Schau nur auf einer Etage geplant. Doch das Projekt wurde immer größer. Rund 200 Werke, die fast alle einst im "Sturm" ausgestellt waren, bekommen die Wuppertaler aus großen Museen von Paris bis Philadelphia. Das Forschungsprojekt wurde so umfangreich, dass zum Ausstellungskatalog auch ein Band mit 600 Seiten wissenschaftlicher Texte herausgegeben wird.

"Der Sturm", das ist auch die tragische Geschichte des Gründers Walden, der eigentlich Georg Lewin hieß und in der Mark Brandenburg geboren wurde. Statt einer kaufmännischen Lehre widmete sich der jüdischstämmige Arztsohn der Musik und Kunst. Walden prägte zusammen mit den großen Galeristen Paul Cassirer und Alfred Flechtheim die Berliner Kunstszene der 20er Jahre.

Den Künstlernamen Herwarth Walden gab ihm wohl seine spätere Frau Else Lasker-Schüler, die auch den Galerienamen geprägt haben soll. Lasker-Schüler stellte als gebürtige Elberfelderin den Kontakt ins Bergische her. Immer knapp bei Kasse suchte Walden für seine 1910 gegründete Expressionismus-Zeitschrift "Der Sturm" Abonnenten in der rheinischen und bergischen Industriellen-Szene.

Erste Schau in Abrissvilla

Die erste Schau des "Sturm" eröffnete Walden am 12. März 1912 in einer Abrissvilla in der Berliner Tiergartenstraße mit dem "Blauen Reiter" um Kandinsky und Marc. Allerdings waren Elberfeld und Barmen in der Zeit Berlin einen Schritt voraus. Kandinsky und Marc wurden vor ihrem Debüt in Berlin bereits im Barmer Kunstverein von Richart Reiche ausgestellt.

Walden präsentierte auch die italienischen Futuristen, Robert Delaunay, Chagall und russische Künstler. Wenn es mal nicht so recht lief, halfen die jungen Wilden nach: Erst zechten sie in einem italienischen Lokal und schleuderten die Gläser an die Wand. Dann zogen sie bepackt mit Manifesten der Futuristen durch Berlin, beklebten Litfaßsäulen und warfen die Zettel von fahrenden Autos herunter. Einen Tag später war die Galerie dann voll mit Interessenten.

Anlaufstelle für die Dadaisten und Konstruktivisten

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der "Sturm" Anlaufstelle für die Dadaisten und Konstruktivisten wie Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy. Kubistisch gekleidete "Sandwichmänner" liefen für eine "Sturm"-Ausstellung des Russen Iwan Puni 1921 auf dem Kurfürstendamm Werbung.

Die Weimarer Jahre waren auch die Zeit der politischen Radikalisierung. Walden entbrannte für den Kommunismus. Seine Ausstellungen wurden seltener, "Der Sturm" ging pleite. 1932 emigrierte Walden nach Moskau. Er arbeitete als Sprachlehrer und engagierte sich in der Antituberkuloseliga. Anfang 1941 wurde er wie vor ihm viele deutsche Emigranten ein Opfer des Stalin-Terrors und kam im Oktober in einem Lager an der Wolga um. Erst 1966 erhielt seine Tochter Sina aus vierter Ehe von den sowjetischen Behörden eine Todesbestätigung.

Quelle: n-tv.de, Dorothea Hülsmeier, dpa

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