Reise

Kurioser Fußweg Wandern durchs Atomkraftwerk

Schroffe Felsformationen, steile Weinberge und ein Fluss in idyllischen Schleifen: Wanderer und Fahrradfahrer schätzen das Neckartal zwischen Stuttgart und Heilbronn. Exakt an der Grenze der Landkreise Ludwigsburg und Heilbronn treffen sie am östlichen Flussufer auf einen der wohl kuriosesten Fußwege Deutschlands: Er führt mitten durchs Atomkraftwerk Neckarwestheim.

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ein ausgewiesener Wanderweg verläuft an dieser Stelle zwar nicht mehr. Jedoch garantiert ein altes Wegerecht jedem freien Durchgang, der von Neckarwestheim am Fluss entlang ins benachbarte Gemmrigheim gelangen möchte. Nach einigen hundert Metern steht man zunächst vor der mit Stacheldraht bewehrten Betonmauer des Gemeinschaftskraftwerks (GKN). Aber wer einen kleinen Abwasserkanal überspringt und sich bis ans Tor traut, den belohnt ein rot-verblichenes Schildchen: "Benutzer des Uferwegs bitte läuten."

Alter Treidelpfad

Wie es zu dieser Route kam, erklärt der Bürgermeister von Neckarwestheim, Mario Dürr: "Das ist ein alter Treidelpfad, der auch als Wanderweg genutzt wurde." Dieser Pfad existiere, seit der Neckar als Schifffahrtsstraße dient. Damals wurden die Kähne von Pferden oder Menschen am Ufer gezogen, also getreidelt. Bevor 1972 in dem alten Kalksteinbruch am Fluss der Bau von Block I des Kraftwerks begann, bestand der damalige Bürgermeister von Gemmrigheim, Helmut Klass, auf dem Wegerecht.

Auf sein Klingeln erhält man in der Regel aus der Zentrale des Objektschutzes die Antwort: "Es kommt jemand." Einige Minuten Warten im Schatten des Kühlturms, dann nahen zwei Wachmänner mit Hund. Das Tor geht auf und man ist drin im Kraftwerk. Oder zumindest innerhalb des äußeren Schutzzauns. Einzige Ermahnung: keine Fotos.

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(Foto: dpa)

Weitere Sicherheitsvorkehrungen halten sowohl Betreiber EnBW als auch das für die Atomaufsicht zuständige baden-württembergische Umweltministerium für unnötig. Den Wanderweg führe man eher in der Rubrik "Skurriles", heißt es dort. Keine 200 Fußgänger und Radfahrer nahmen nach Auskunft der EnBW im vergangenen Jahr das Wegerecht wahr.

Keine Sicherheitsbedenken

Auf den exakt 438 Metern über die betonierten Kaianlagen des GKN zeigt sich, warum die Wachleute weder Ausweis noch Rucksack kontrollieren: Ein zweiter, übermannshoher Zaun trennt die Passanten von den gewaltigen Kuppeln der beiden Druckwasserreaktoren. Maximal fünf Fußgänger auf einmal führen die Objektschützer zwischen einem Portalkran und den salinenartigen Wasserkühlern Richtung Wald.

Sicherheitsbedenken hat auch Bürgermeister Dürr nicht: Bei Bedarf könne man den Weg sperren wie jede andere Straße auch. Tatsächlich war dies etwa nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder während der großen Castor-Demonstrationen der Fall.

Quelle: ntv.de, Daniel Völpel, dpa