Sport
Montag, 05. März 2018

"Collinas Erben" sind genervt: Mehr Vertrauen in die Schiris, bitte!

Von Alex Feuerherdt

Beim Spiel in Leipzig suggeriert eine ungenaue Abseitslinie ein Versagen des Video-Assistenten, doch dieser hat nachvollziehbare Gründe für sein Handeln. In Hamburg agiert der Mann an der Linie nicht so abwegig, wie viele glauben.

Zu dem Los, mit dem Schiedsrichter im bezahlten Fußball leben müssen, gehört es, dass vor allem im Fernsehen selbst sehr enge und deshalb schwer zu treffende Entscheidungen, wenn sie sich als fragwürdig oder falsch herausstellen, gerne zu einem schmählichen Versagen des Unparteiischen oder seiner Assistenten hochgejazzt werden. Auch der Videobeweis hat daran nichts geändert, er lenkt die Kritik häufig bloß vom Referee auf den Video-Assistenten in Köln um. Zweifel, Abwägen und Verständnis scheinen oft keine Optionen zu sein, wenn das Skandalisieren mehr Aufmerksamkeit verspricht.

Starke Spielleitung in Leipzig: Felix Brych.
Starke Spielleitung in Leipzig: Felix Brych.(Foto: imago/Karina Hessland)

So wie am Samstagabend nach dem Bundesligapiel zwischen RB Leipzig und Borussia Dortmund (1:1) an diesem 25. Spieltag. In der ersten Hälfte hatte Schiedsrichter Felix Brych zwei Treffer für die Gäste zu Recht wegen Abseits annulliert, sein Assistent hatte jeweils ein glänzendes Auge bewiesen. Als der Ball in der 38. Minute zum dritten Mal ins Gehäuse der Leipziger befördert wurde, blieb seine Fahne unten. Das Tor von Marco Reus zählte, weil auch der Video-Assistent keine Einwände hatte. Der Bezahlsender Sky zog jedoch später eine Abseitslinie. Fazit: Es war Abseits. Und die im Studio versammelte Expertenrunde äußerte großes Unverständnis darüber, dass das nicht bemerkt worden war.

Es blieb einmal mehr dem Schiedsrichter-Experten Markus Merk vorbehalten - der um diese Aufgabe nicht zu beneiden war -, auf längst Bekanntes hinzuweisen: Die Video-Assistenten haben keine kalibrierten Abseitslinien, weil es der DFL zufolge noch kein zertifiziertes System gibt, das den professionellen Ansprüchen der Bundesliga genügt. Deshalb müssen die Video-Assistenten im Anschluss an eine Torerzielung ohne diese technische Hilfe beurteilen, ob eine strafbare Abseitsstellung vorlag. Lässt sich das aus ihrer Sicht nicht zweifelsfrei feststellen - etwa aufgrund ungünstiger Kameraperspektiven -, bleibt es wie in Leipzig bei der Entscheidung des Schiedsrichterteams auf dem Feld.

Abseitslinie des Fernsehens falsch

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Aber war das Abseits von Reus nicht so klar, dass es der Video-Assistent mit bloßem Auge hätte erkennen müssen? Die Linie von Sky zeigte schließlich auf, dass es sich um eine ganze Fußlänge handelte. Das Problem ist nur: Sie war ungenau. Denn zum einen war sie nicht der Verzerrung der Kameraperspektive angepasst und zum anderen beim falschen Leipziger Verteidiger gezogen. Richtig angelegt, befand sich Reus nur um eine Fußspitze im Abseits.

Damit wird es nicht nur verständlich, dass der Schiedsrichter-Assistent diesmal kein Fahnenzeichen gab, sondern auch, dass der Video-Assistent sich zurückhielt – weil er eben der Anweisung folgte, nicht einzugreifen, wenn eine Entscheidung nicht klar und offensichtlich falsch ist.

Daraus folgt dreierlei. Zum einen, dass die vermeintliche Objektivität des Fernsehbildes manchmal trügt. Zum anderen, dass die DFL gute Gründe dafür hat, auf ein zertifiziertes Kalibrierungssystem zu bestehen und sich nicht mit weniger zufrieden zu geben. Und schließlich, dass man nur auf die baldige Einführung eines solchen Systems hoffen kann. Denn natürlich ist es für alle Beteiligten unbefriedigend, wenn es auch nach der Einführung des Videobeweises bei Entscheidungen ohne Ermessensspielraum zu Fehlern kommt. Die mediale Aufregung über das Tor - in die RB Leipzig übrigens nicht einstimmte - war gleichwohl überzogen.

Matthäus zeigt Regelschwächen

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Das Gleiche gilt für das Insistieren darauf, dass dem entscheidenden Tor für Eintracht Frankfurt im Spiel gegen Hannover 96 (1:0) ein unberechtigter Eckstoß vorausgegangen war. Zwar stimmt es, dass der Frankfurter Marius Wolf als Letzter den Ball berührt hatte, bevor die Kugel die Torlinie der Gäste überschritt. Doch der Assistent hatte nicht nur das übersehen, sondern unmittelbar zuvor auch ein Foul von Felipe an Wolf. Deshalb wäre ohnehin nicht der Abstoß die angemessene Spielfortsetzung gewesen, sondern ein Freistoß für die Eintracht ganz in der Nähe jener Eckfahne, von der aus schließlich die Hereingabe erfolgte, die zum Treffer für die Gastgeber führte.

Doch trotz dieser Tatsache - und obwohl ein Eckstoß noch lange kein Tor bedeuten muss, wenn man ihn nicht so nachlässig verteidigt wie die Hannoveraner – wurde in den Spielberichten des Fernsehens hartnäckig in den Mittelpunkt gerückt, dass das Siegtor der Frankfurter eigentlich irregulär zustande gekommen war. Im Interview des "Aktuellen Sportstudios" sollte sich Wolf sogar dafür rechtfertigen, dass er Schiedsrichter Marco Fritz nicht mitgeteilt hatte, dass er zuletzt am Ball gewesen war. Und auf Sky war Lothar Matthäus der Überzeugung, der Video-Assistent hätte eingreifen müssen.

Bilderserie

Ein Dreivierteljahr nach der Einführung des Videobeweises wusste der deutsche Rekordnationalspieler also immer noch nicht, dass die Berechtigung von Eckstößen, Abstößen, Freistößen und Einwürfen gemäß den Richtlinien des Ifab von den Video-Assistenten grundsätzlich nicht überprüft wird. Denn andernfalls wäre das Spiel ständig länger unterbrochen. Ist die Begegnung mit Zustimmung des Unparteiischen fortgesetzt worden, darf die Spielfortsetzung zudem laut Regelwerk ohnehin nicht mehr geändert werden. Deshalb kommt es auch nicht in Betracht, das Zustandekommen eines Eckstoßes zumindest dann einem Review zu unterziehen, wenn anschließend ein Tor fällt. Erneut musste Markus Merk etwas erklären, das einem Experten wie Matthäus eigentlich bekannt sein sollte.

In der übertriebenen Aufregung über das Frankfurter Siegtor ging zudem unter, dass die Anwendung des Videobeweises vorbildlich funktioniert hatte. Nach gut einer Stunde hatte Marco Fritz nach einem Zweikampf zwischen dem Torschützen Danny da Costa und Miiko Albornoz im Frankfurter Strafraum auf Elfmeter für die Gäste entschieden. Doch die Bilder zeigten, dass der Hannoveraner ohne jede Berührung und somit höchst freiwillig zu Boden gegangen war. Der Referee nahm deshalb im Anschluss an das Review den Strafstoß zurück und zeigte Albornoz wegen dessen Schwalbe die Gelbe Karte. So wurde ein klarer Fehler korrigiert.

Entscheidungsgenauigkeit von 98,9 Prozent

Das war auch in Hamburg der Fall, wo sich Filip Kostic in der 24. Minute bei seinem Tor gegen den 1. FSV Mainz 05 im Augenblick des Zuspiels von Sven Schipplock deutlich im Abseits befand. Der Schiedsrichter-Assistent hatte die Fahne gleichwohl nicht gehoben, was ihm vor allem in der Talksendung "Doppelpass" des Senders Sport1 einigen Spott eintrug. Doch für den Mann an der Seitenlinie war es schwer zu erkennen, ob im Gewühl tatsächlich Schipplock den Ball zu Kostic gelenkt hatte oder nicht doch ein Mainzer.

Derart im Zweifel, verzichtete er anweisungsgemäß auf das Fahnenzeichen - schließlich hätte dieses Signal, gefolgt von einem Pfiff des Referees, bedeutet, dass der Angriff der Hausherren unwiderruflich beendet gewesen wäre. Für den Fall, dass ein Mainzer zuletzt am Ball gewesen wäre, hätte das eine exzellente Torchance des HSV zunichte gemacht. So aber wurde der Angriff zum Abschluss geführt und Kostics Treffer auf Empfehlung des Video-Assistenten annulliert. Dafür, dass der Assistent seine Fahne nicht gehoben hatte, gab es also verständliche Gründe.

Es sind eben oft das Aufbauschen von undramatischen Szenen, fehlerbehaftete Analysen und bisweilen auch Lücken in der Regelkenntnis, die die Schiedsrichter und ihre Teammitglieder schlechter dastehen lassen, als es angemessen ist. Als das Ifab am Samstag bekanntgab, dass der Videobeweis nunmehr fest ins Regelwerk übernommen wird, wies es nochmals auf einige Zahlen hin, die eine wissenschaftliche Studie zur zweijährigen Testphase erbracht hatte. Demnach erreichten die Unparteiischen mithilfe ihrer Video-Assistenten in den weltweit 804 Spielen, die ausgewertet worden waren, bei den überprüfbaren Situationen eine Entscheidungsgenauigkeit von 98,9 Prozent. Ohne Videobeweis lag diese Quote bei ebenfalls höchst beachtlichen 93 Prozent. Mehr Anerkennung für die Leistung der Referees täte also dringend Not.

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Quelle: n-tv.de