"Resultat der Zeitenwende"DIW-Präsident: "Arbeitnehmermarkt" diktiert bald Deutschland

DIW-Präsident Marcel Fratzscher rechnet in den kommenden Jahren mit einer Zunahme der Streiks in Deutschland. "Wir erleben zurzeit eine Wende auf dem Arbeitsmarkt: Die Zeiten eines Arbeitgebermarktes, in dem Arbeitgeberlöhne und Arbeitsbedingungen mehr oder weniger diktieren konnten, scheinen vorbei", sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).
Der Arbeitsmarkt entwickelt sich zu einem Arbeitnehmermarkt. Bereits heute gebe es in Deutschland zwei Millionen offene Stellen und eine riesige Fachkräftelücke, die sich in den kommenden zehn Jahren noch vergrößern werde.
"Der Arbeitskampf und der Mega-Streik im Verkehrssektor am kommenden Montag sind das logische Resultat dieser Zeitenwende", sagte Fratzscher. "Ich erwarte für die kommenden Jahre eine deutliche Zunahme der Arbeitskämpfe in Deutschland." Es liege in der Natur der Sache, dass dies auch signifikante Kosten mit sich bringe. Der beste Weg, um diese Kosten und die Arbeitskämpfe zu begrenzen, sei eine Stärkung der Sozialpartnerschaften. Der Staat werde eine wichtige Rolle spielen, um vor allem die verletzlichsten Arbeitnehmer besser zu schützen. "Dazu werden unweigerlich weitere deutliche Anhebungen des Mindestlohns gehören, zudem müssen Tarifabschlüsse für einzelne Branchen häufiger für allgemeinverbindlich erklärt werden."
Wenn all das gelinge, könnten sich Lohnerhöhungen über die kommenden Jahre positiv auf Beschäftigung, Wachstum und Wohlstand in Deutschland auswirken. "Denn deutliche Lohnsteigerungen, vor allem für Menschen mit geringen Einkommen, stabilisieren die Nachfrage und helfen damit auch den Unternehmen", sagte der DIW-Präsident. "Sie entlasten die Sozialsysteme und helfen, den sozialen Frieden zu sichern." Eine Lohn-Preis-Spirale - bei der sich die Inflation verfestigen könnte - drohe nicht. "Sie ist ein Mythos." Die Beschäftigten hätten 2022 im Durchschnitt Reallohnverluste von drei Prozent hinnehmen, 2023 dürften es wohl nochmals zwei Prozent oder mehr sein.
Millionen Berufspendler und Reisende müssen am Montag mit einem weitgehenden Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs in Deutschland rechnen. Sowohl der Bahn- und Busverkehr als auch Flughäfen sollen bundesweit zu großen Teilen lahmgelegt werden.