Tariflöhne Realwert verlorenStudie: Mindestlohn stärker gestiegen als Inflation

Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland hat seit der Einführung vor fast neun Jahren stärker zugelegt als die Tariflöhne und auch die hohe Inflation mehr als ausgeglichen. Die Kaufkraft des Mindestlohns von derzeit zwölf Euro pro Stunde sei im September 2023 um 11,6 Prozent höher gewesen als bei der Einführung im Januar 2015, heißt es in einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).
Die Tariflöhne dagegen hätten seitdem 3,8 Prozent an realem Wert verloren. "Mindestlohnbeziehende können sich heute bei gleicher Arbeitszeit mehr leisten als noch bei der Einführung 2015", erklärte IAB-Direktor Bernd Fitzenberger.
Die Mindestlohnerhöhungen konnten den inflationsbedingten Kaufkraftverlust laut IAB mehr als ausgleichen. Dies gelte selbst dann, wenn man berücksichtige, dass Geringverdienende von der Inflation stärker betroffen seien als Besserverdienende, etwa weil sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für besonders stark verteuerte Lebensmittel aufwenden müssten.
Die Studie könnte neues Licht auf den Streit über die Höhe des Mindestlohns werfen. Die dafür zuständige Kommission aus Gewerkschaften und Arbeitgebern hatte im Sommer entschieden, dass der Mindestlohn in den Jahren 2024 und 2025 um jeweils 41 Cent auf zunächst 12,41 Euro und dann 12,82 Euro steigen soll.
Die Gewerkschaften trugen das Votum nicht mit und forderten auch mit Blick auf die hohe Inflation eine Anhebung auf 13,50 Euro. Aus der Bundesregierung unter Kanzler Olaf Scholz (SPD) gab es Kritik, die Erhöhungen seien zu gering. SPD und Grüne fordern daher eine Reform der Kommission.
Die Regierung kann den Vorschlag der Kommission laut Gesetz aber nur unverändert umsetzen und keine andere Höhe festsetzen. Das Kabinett hatte die entsprechende Verordnung von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zur Mindestlohnerhöhung Mitte November gebilligt. In der Verordnung heißt es, dass die Anhebung "um insgesamt 6,83 Prozent deutlich hinter der derzeitigen allgemeinen Preisentwicklung" zurückbleibe. Die Studie zeigt nun, dass bei Betrachtung eines längeren Zeitraums der Mindestlohn stärker gestiegen ist als die Preise.