Wirtschaft

"Bau-Überfluss" in Deutschland "150.000 Wohnungen wurden zu viel gebaut"

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Auch in Berlin werden mehr Wohnungen gebaut, als rechnerisch für den Bevölkerungszuwachs notwendig sind. Doch der Wohnraum wird oft nicht oder nicht effizient genutzt.

(Foto: imago images / photothek)

Der Wirtschaftswissenschaftler und Stadtplanungsexperte Daniel Fuhrhop von der Universität Oldenburg räumt mit der gängigen Ansicht auf, dass in Deutschland zu wenig gebaut wird. Die Krise auf dem Wohnungsmarkt habe andere Ursachen, erklärt er im n-tv.de Interview. Der politisch forcierte Neubau sei sogar schädlich.

n-tv.de: In Deutschland fehlen mehr als eine Million Wohnungen. Seit Jahren wird viel zu wenig gebaut. Das sagt die Bundesregierung, das sagen die Wirtschaft, die Mietervertreter und alle politischen Parteien. Sie vertreten die Ansicht, es gebe einen "Bauüberfluss"?

Daniel Fuhrhop: Entgegen der üblichen Behauptung, dass in Deutschland viel zu wenig Wohnungen gebaut werden, offenbart ein Blick auf die Statistik: Das Gegenteil ist der Fall. Dazu zwei Zahlen vom Statistischen Bundesamt: Zum einen stieg 2018 die Zahl der Einwohner in Deutschland auf den Rekordstand von mehr als 83 Millionen. Der Zuwachs betrug 227.000 Menschen. Gleichzeitig wurden aber 285.000 Wohnungen fertiggestellt. Legt man zugrunde, dass im Durchschnitt zwei Personen in einem Haushalt leben und berücksichtigt man noch, dass wahrscheinlich rund 20.000 Wohnungen im letzten Jahr durch Abriss verloren gingen, bleibt ein Überschuss von etwa 150.000 Wohnungen, die rechnerisch zu viel gebaut wurden.

Das steht in krassem Gegensatz zur politischen Debatte in Deutschland und etwa der Situation auf dem Wohnungsmarkt hier in Berlin. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?

Diese Zahlen zeigen vor allem, dass der Neubau von Wohnungen nicht das Allheilmittel ist, als das er angepriesen wird. Neubau löst das Problem auf dem Wohnungsmarkt nicht.

Mehr neue Wohnungen müssten die Wohnungsnot doch lindern.

Grund für den angespannten Wohnungsmarkt sind Trends, die stärker sind als alle Neubauanstrengungen. Der wichtigste ist dabei, wie wir heute wohnen: Inzwischen beträgt die Wohnfläche pro Person 45 Quadratmeter, mehr als jemals zuvor. Vor allem ältere Menschen leben oft allein in großen Wohnungen oder Häusern. Zudem ist etwa in Berlin zu beobachten, dass durch den Neubau vor allem vergleichsweise teurer Wohnraum geschaffen wird, der oft leersteht. Abends sieht man, dass die Fenster in manchen Neubausiedlungen fast alle dunkel sind. Viele Wohnungen werden als Zweit- oder Drittwohnungen an reiche Menschen aus aller Welt verkauft.

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Daniel Fuhrhop ist Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Oldenburg. Er ist Autor unter anderem des Buches "Verbietet das Bauen" und betreibt einen gleichnamigen Blog.

(Foto: Daniel Fuhrhop )

Was raten Sie, um die Not in Berlin und andernorts zu beheben?

Unter anderem sollte die steigende Zahl von Zweit- und Drittwohnungen gebremst werden, wie es etwa in der Schweiz schon gemacht wird. Zum anderen sollte Senioren, die allein in einem großen Familienhaus wohnen, weil ihr Ehepartner verstorben und ihre Kinder ausgezogen sind, konsequent Angebote gemacht werden, ihre Situation zu ändern, wenn sie das wünschen.

Dazu gibt es immer wieder Projekte wie beispielsweise Wohnungstauschbörsen. Aber kann durch solche Maßnahmen wirklich die Wohnungsnot wirksam bekämpft werden?

Mich würde auch interessieren, wie viel Wohnraum wir schaffen könnten, wenn wir alle diese Möglichkeiten zusammenzurücken konsequent nutzen. Aber die Politik unternimmt in dieser Hinsicht kaum etwas, sondern ist ganz auf das Bau-Dogma fixiert. Dabei gibt es allein in Berlin laut Zensus mehr als 100.000 Menschen, die ganz allein auf mehr als 80 Quadratmeter wohnen. Darunter sind bestimmt einige, die bereit wären, in eine kleine Wohnung umzuziehen. Andere Maßnahmen sind etwa der Einbau von Einliegerwohnungen in großen Häusern oder "Wohnen für Hilfe". Das heißt, dass junge Leute bei älteren einziehen und statt Miete zu zahlen im Haushalt oder Garten helfen und Gesellschaft leisten. In vielen Städten in Europa gibt es Agenturen, die teilweise mehrere Hundert solcher Partnerschaften pro Stadt vermitteln. Ausgerechnet in Berlin, der größten deutschen Studentenstadt gibt es das nicht.

Sie beklagen, der Neubau löst das Problem nicht. Aber schadet er?

Ja, er schadet zum Beispiel massiv dem Klima. Um ein Haus zu bauen, wird meist viel mehr Energie benötigt, als es während seiner gesamten Lebensdauer von 50 oder mehr Jahren zu beheizen. Im Vergleich zum Neubau ist die Sanierung von Altbauten viel klimaschonender.

Mit Daniel Fuhrhop sprach Max Borowski

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Quelle: n-tv.de

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