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Non-Profit-Schwur endet 2021 Astrazeneca will bald an Impfstoff verdienen

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Tatsächlich könnten die Impfstoffhersteller aber auch bei einem Preis von wenigen Euro pro Dosis noch dicke Gewinne machen. Denn außer ihnen kennt niemand den Preis.

(Foto: imago images/MiS)

Staaten rund um die Welt pumpen Milliardensummen in die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Im Gegenzug sagen einige Firmen zu, das Vakzin zum Selbstkostenpreis zu liefern. Das vollmundige Gelübde des britischen Pharmaunternehmens Astrazeneca hat allerdings ein Verfallsdatum.

Die Zusage des britischen Pharmakonzerns Astrazeneca, seinen potenziellen Impfstoff gegen Corona zum "Selbstkostenpreis" abzugeben, ist offenbar zeitlich begrenzt. Zum "Selbstkostenpreis" soll eigentlich heißen, dass es dem Unternehmen nicht um Profite geht. Wie die "Financial Times" (FT) jetzt jedoch unter Berufung auf ein internes Dokument berichtet, verfällt dieses Angebot - zumindest im konkreten Fall von Brasilien - im Juli 2021. Ein kleiner, aber wichtiger Zusatz des Gelübdes von Konzernchef Pascal Soriot im Sommer hatte eigentlich darauf hingedeutet: Der Preis gelte, "solange die Pandemie andauert".

Ein konkretes Datum hatte er damals zwar nicht genannt. Aber aus der Absichtserklärung zwischen dem Konzern und der brasilianischen Gesundheitsbehörde Fiocruz geht klar hervor, dass sich der Konzern darüber nicht nur Gedanken gemacht, sondern auch eine Entscheidung getroffen hat: In dem Dokument über eine Lieferung von 100 Millionen Impfdosen im Wert von über 300 Millionen Dollar terminiert Astrazeneca den Zeitpunkt für das Ende der Pandemie auf Juli 2021.

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Insbesondere große Pharmaunternehmen haben in den vergangenen Monaten zugesagt, beim Impfstoff-Geschäft aus sozialer Verantwortung heraus auf Profit zu verzichten: Niedrige Preise sollen sicherstellen, dass weltweit möglichst viele Menschen Zugang zum Corona-Impfstoff haben. Astrazeneca hatte in dem Zusammenhang als Preis 2,50 Dollar je Dosis genannt. Gleichzeitig hat sich der Konzern aber offenbar auch das Recht gesichert, in absehbarer Zeit höhere Preise verlangen und so Geld mit dem Präparat verdienen zu können.

Die Zeitspanne, in der der Impfstoff zum Selbstkostenpreis abgegeben wird, könnte laut FT zwar über den 1. Juli 2021 verlängert werden, allerdings nur, wenn Astrazeneca "nach Treu und Glauben der Ansicht ist, dass die Sars-CoV-2-Pandemie noch nicht vorbei ist", wie es im Wortlaut heißt. Maßgeblich dürfte das wohl davon abhängen, wann die Weltgesundheitsbehörde WHO sagt, dass die Pandemie vorbei ist.

Nach jetzigem Stand könnte das allerdings noch dauern. Es gibt unterschiedliche Corona-Szenarien und Vorhersagen für den Verlauf der Seuche, die von vielen unbekannten Faktoren abhängen. Eins steht aber fest: Das Virus wird es 2021 und noch länger geben. Konkret im Juni 2021 wird sich die Welt eineinhalb Jahre im Pandemie-Modus befinden. Zeitweilige Lockdowns könnten dann der Normalzustand sein, warnen Experten. Ob es einen zugelassenen Impfstoff gibt, für wie viel Menschen und wie lange eine Injektion vorhalten wird, das sind alles Fragen, die niemand eindeutig beantworten kann.

"Ein inakzeptables Maß an Kontrolle"

In einer offiziellen Erklärung des britischen Arzneimittelherstellers heißt es: Der Ansatz des Konzerns sei von Anfang an der gewesen, "die Entwicklung des Impfstoffs als Reaktion auf einen globalen Notfall im Bereich der öffentlichen Gesundheit und nicht als kommerzielle Chance zu sehen". Man habe mehrere Lieferketten geschaffen, um sicherzustellen, dass der Zugang zu seinem Impfstoff für Länder mit hohem und niedrigem Einkommen zeitnah, umfassend und gerecht sei, "mit einer Kapazität von derzeit mehr als drei Milliarden Dosen". Man arbeite weiterhin in diesem "öffentlichen Geist" und werde "fachkundige Beratung" einholen, um sagen zu können, wann die Pandemie "hinter uns liegt", zitiert die FT aus der Stellungnahme des Unternehmens. Wie teuer das Vakzin nach Juli sein wird, dazu äußerte sich das Unternehmen nicht.

Ärzte ohne Grenzen haben die Bedingungen in der Absichtserklärung mit der brasilianischen Gesundheitsbehörde aufs Schärfste kritisiert. Sie verschafften dem Konzern "ein inakzeptables Maß an Kontrolle über einen mit öffentlichen Mitteln entwickelten Impfstoff", zitiert die Zeitung den Experten für medizinische Innovation, Manuel Martin. "Sich auf freiwillige Maßnahmen der Pharmakonzerne zu verlassen, um den Zugang sicherzustellen, ist ein Fehler mit fatalen Folgen."

Die Preisgestaltung der Konzerne bei experimentellen Covid-19-Impfstoffen ist umstritten. Ein Grund ist, dass reiche Länder Milliarden von Dollar in die beschleunigte Impfstoffentwicklung gepumpt haben. Auch Astrazeneca und die Oxford-Universität haben davon profitiert. Während einige Firmen von Anfang an gesagt haben, dass sie den Impfstoff nur mit Gewinn entwickeln können, haben sich andere wie Astrazeneca und Johnson & Johnson bereit erklärt, Dosen zum Selbstkostenpreis anzubieten.

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Ein großes Problem dabei ist jedoch die mangelnde Transparenz. Mehrere Arzneimittelhersteller haben Verkaufsvereinbarungen mit Regierungen unterzeichnet, aber die Bedingungen der Verträge sind vertraulich, nur wenige Details werden bekannt gegeben. Experten des öffentlichen Gesundheitswesens kritisieren, dass viele der Impfstoffgeschäfte, einschließlich derer, an denen Astrazeneca beteiligt ist, nicht überprüft werden können.

Astrazeneca hatte zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, weil es seine Studien mit dem Corona-Impfstoff wegen einer ungeklärten Erkrankung bei einem Probanden unterbrechen musste. Der Konzern gehört aber immer noch zum Kreis der führenden Unternehmen im Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus.

Quelle: ntv.de, ddi