Wirtschaft

Lungern auf Impfstoffreste Beim Einkauf schnell mal eine Spritze abholen

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Ein Mann erhält eine Impfung bei Walgreens.

(Foto: REUTERS)

In den USA macht sich ein neues Phänomen breit: "Vaccinespotting" oder "Impflungern". In Zeiten knapper Corona-Impfstoffe warten Menschen vor Apotheken darauf, übriggebliebene Dosen zu erhaschen. Gut ist das nicht. Das "Vordrängeln" nicht vulnerabler Gruppen ist dabei nicht das Problem.

Im Januar geht auf Tiktok ein Video viral: Ein junger Mann mit Mundschutz schiebt seinen T-Shirt-Ärmel hoch und macht seinen linken Oberarm frei. Eine Hand mit einem Einmalhandschuh kommt ins Bild, dann eine Frau im Arztkittel, die eine Spritze hält. Die Nadel landet im Arm des Mannes. Pflaster auf die Stelle, fertig! Ein Text, der eingeblendet wird, klärt auf: "Wir waren heute im Supermarkt, als uns die Apothekerin stoppte. Mehrere Impfkandidaten der ersten Gruppe, die den Moderna Sars-CoV-2-Impfstoff erhalten sollten, haben ihren Termin verpasst. Der mRNA-Impfstoff hält sich bei Raumtemperatur nicht länger als ein paar Stunden, sie wären weggeworfen worden. Das ist ein toller Start ins Jahr 2021!"

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Impflotterie: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Das Tiktok-Video wurde Anfang Januar millionenfach geliket.

Es wäre nicht erwähnenswert, wenn der junge Mann - offenbar ein Jurastudent, wie Zeitungen später herausfinden - an der Reihe gewesen wäre, geimpft zu werden. Das war er aber nicht. Ereignet hat sich die Szene in einem Giant-Supermarkt in Washington. Der Student hielt sich dort mit einem Freund auf. In zehn Minuten sei Ladenschluss und sie habe noch zwei Impfdosen zu vergeben, habe die Apothekerin gesagt, berichtet David MacMillan danach dem US-Nachrichtensender NBC. "Wollt ihr den Impfstoff oder nicht?"

Er und sein Freund wollten. Mittlerweile dürften sie schon die zweite Impfung erhalten haben. Es sei ein Sechser in der Coronavirus-Lotterie, schreibt die Zeitschrift "Washingtonian". "Und ja, theoretisch könnte es auch dir passieren", macht sie ihren Lesern Hoffnung. Washington will keine Impfdosen verschwenden. Deshalb sehen die Richtlinien vor, dass sich im Zweifelsfall jeder für eine übriggebliebene Impfdosis qualifiziert, der in der Nähe ist - egal, ob diese Person zur ersten Impfgruppe gehört oder nicht.

Klar ist aber: Vorgesehen ist der knappe und für die Bürger kostenlose Impfstoff bislang nur für ältere Menschen und Angehörige bestimmter Berufsgruppen, die für das Virus besonders anfällig sind. Doch während die Verantwortlichen noch diskutieren, wie mit den Impfstoffresten am Ende eines Tages verfahren werden soll, haben Apotheken und Lebensmitteleinzelhändler wie Walmart in den USA offenbar längst zu ihrer eigenen Routine gefunden.

Was an aufgetauten Dosen da ist, wird bis zum letzten Tropfen verimpft - egal an wen. Ob das gerecht ist, wenn der- oder diejenige weder zu einer vulnerablen Gruppe noch zu medizinischem Personal gehört, ist sekundär. Alle Mitarbeiter eines Ladens sind aufgefordert, sich bereitzuhalten.

Zwischen Impf-Vernunft und Impf-Wildwuchs

Die rund 6500 Apotheken in den USA erhalten zurzeit wöchentlich 10,5 Millionen Impfdosen. Viele dieser in großen Supermärkten oder bei Einzelhändlern integrierten Pharma-Shops sind in der Pandemie auch zu Impfstellen geworden. Um Ordnung in den Impfablauf zu bringen, werden Termine vergeben, die häufig binnen kürzester Zeit vergriffen sind. Die Frage ist, was tun, wenn diese Patienten nicht zu ihren verabredeten Terminen erscheinen?

Es gibt einen Flickenteppich an staatlichen und lokalen Vorschriften. Wartelisten zu verwalten, gestaltet sich schwierig, weil sich Kunden wohl auch häufig auf mehrere Listen setzen lassen - sogar, wenn sie sich überhaupt nicht für eine Impfung qualifizieren, heißt es. Die Folge ist ein Impf-Wildwuchs, der zum undurchsichtigen Dschungel wird, wenn das Verimpfen von Dosen an gesunde und junge Bürger, die keiner vorrangigen Berufsgruppe angehören, in einem Bundesstaat möglicherweise unter Strafe steht.

Auch wenn die meisten Apotheker laut "Wall Street Journal" angeben, sich zu bemühen, zusätzliche Dosen an die "richtigen" Empfänger zu bringen, sich dafür auch mit den örtlichen Gesundheitsbehörden abstimmen, versuchen scheinbar alle im Fall der Fälle Klarschiff zu machen, damit keine Impfdosis übrigbleibt und unsinnigerweise verfällt. Die einen impfen Mitarbeiter, andere eben auch völlig zufällig irgendwelche Menschen, die gerade in der Nähe sind.

Die US-Drogeriekette Walgreens oder die Pharma-Einzelhandelskette CVS Health, die beiden größten Anbieter von Impfungen haben eingeräumt, Reste an Mitarbeiter zu verimpfen. In einigen Staaten qualifizieren diese sich sogar dafür, das gilt aber nicht überall. "Unterm Strich werden wir keine Dosis verschwenden", zitiert das "Wall Street Journal" einen CVS-Sprecher.

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Walmart gibt an, sich von einer Priorität zur nächsten zu hangeln, wenn niemand aus der ersten Impfgruppe verfügbar sei. Doch auch hier heißt es: "Wenn am Ende des Tages noch ein oder zwei Dosen übrig wären, würde niemand diese kostbare Ressource verschwenden", wie der Pandemie-Beauftragte der Supermarktkette Giant, Voc Vercammen, zugibt. In einem seiner Läden ist auch der Jurastudent fündig geworden.

Was sinnvoll erscheint, hat aber auch einen ungewollten Nebeneffekt. Das potenzielle Angebot am Ende eines Impftages lockt Menschen an, die nicht zur üblichen Kundschaft eines Laden gehören. Sie spekulieren nur darauf, außer der Reihe eine Impfung zu erhaschen. Dass sie deshalb in Supermärkten herumhingen, entwickle sich zum Problem, sagt John McGrath von der Supermarktkete Ahold Dehaize. Es trage nicht dazu bei, Abstandsregeln zu wahren. Die Kunden würden erst gehen, wenn klar sei, dass kein Impfstoff mehr da sei. Ziel sollte es deshalb sein, jede Impfung zu planen und Termine zu vergeben.

Quelle: ntv.de