Kirche warnt vor LiberalisierungBundestags-Wirtschaftsausschuss wirbt für mehr Sonntagsöffnungen im Handel

Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken dürfen sonntags bald länger öffnen. Der Einzelhandel sieht sich benachteiligt und verweist auf die Online-Konkurrenz, die keine Schließzeiten kennt. Doch Gegenwind kommt von Kirche und Sozialverbänden.
In der Diskussion um längere Ladenöffnungszeiten macht sich der Wirtschaftsausschuss des Bundestags für ein Ende des Öffnungsverbots an Sonntagen stark. "Der Bundestag entscheidet über die Sonntagsarbeitszeiten und die Bundesländer über die Sonntagsöffnungszeiten", sagte der Ausschussvorsitzende Christian von Stetten der "Bild"-Zeitung. "In beiden Fällen bin ich für eine großzügige Ausweitung der bisherigen Regelungen."
Auch der FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki plädierte für eine Freigabe der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen. "Eine echte Flexibilisierung wäre dringend notwendig. Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beschweren", sagte er der "Bild"-Zeitung.
Ausgelöst wurde die Diskussion von der Ankündigung der Bundesregierung, die Öffnungszeiten für Bäckereien und Konditoreien an Sonntagen zu verlängern. Laut einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Beschlusspapier der Koalition sollen zum 1. Januar 2027 längere Sonntagsöffnungszeiten "für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken" in Kraft treten. Im Entwurf aus dem Bundesarbeitsministerium hieß es dazu, Bäckereien sollen sonntags bis zu acht Stunden öffnen dürfen, öffentliche Bibliotheken bis zu sechs Stunden
Ploß: Regeln aus Zeit, "in der es keinen Online-Handel gab"
"Ob Urlauber sich für Deutschland entscheiden, hängt auch von attraktiven Geschäften und Verkaufsangeboten ab", mahnte Christoph Ploß, Tourismuskoordinator der Bundesregierung, in den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die derzeitigen Regelungen stammten noch aus einer Zeit, "in der es keinen Online-Handel gab". "Flexiblere Öffnungszeiten würden es den deutschen Einzelhändlern ermöglichen, im Wettbewerb mit den immer verfügbaren Online-Händlern mitzuhalten", argumentierte Ploß. Zudem würden liberalere Regeln "den deutschen Innenstädten einen Schub verleihen".
Scharfe Kritik äußerte der Sozialverband Deutschland (SoVD). Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier warnte davor, den Sonntagsschutz aufzuweichen. "Der Sonntag ist verfassungsrechtlich geschützt und weit mehr als ein Wirtschaftsfaktor - er ist ein unverzichtbarer Tag für Erholung, Familie und gesellschaftlichen Zusammenhalt", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Sonntagsarbeit sei zwar dort notwendig, "wo sie der Daseinsvorsorge dient", etwa im Gesundheitswesen oder bei Polizei und Verkehr. "In anderen Bereichen muss sie aber die Ausnahme bleiben." Beschäftigte bräuchten "verlässliche Arbeitszeiten, echte Mitbestimmung und faire Bedingungen". "Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein", betonte Engelmeier weiter. Bei jeder Reform dürfe "nicht allein die wirtschaftliche Perspektive zählen, sondern auch der Wert des Sonntags für Zusammenhalt und Lebensqualität".
Kirche will Sonntag als "Raum für Familie" erhalten
Auch die Evangelische Kirche hat vor einer Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen gewarnt. "Der freie Sonntag ist für unsere Gesellschaft als Ganzes wertvoll - unabhängig davon, ob ein Mensch an Gott glaubt oder nicht", sagte ein Sprecher der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der "Rheinischen Post". "Es braucht einen Tag in der Woche, an dem möglichst viele Menschen gleichzeitig frei haben", ergänzte er. "Der Sonntag schafft Raum für Familie, Freundschaften, Nachbarschaft und Ehrenamt. Gerade in Krisenzeiten stärkt das den Zusammenhalt und gibt Menschen Kraft. Davon profitieren am Ende unsere ganze Gesellschaft und auch die Arbeitswelt".
Handelsverbände und der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hatten sich zuvor für eine flexiblere Gestaltung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen ausgesprochen.