Wirtschaft

Beständigkeit trifft Innovation Darum sind Familienunternehmen erfolgreich

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Der Wasch- und Reinigungsmittelhersteller Henkel erzielt seine Gewinne inzwischen nicht mehr nur mit Persil.

(Foto: imago images/Geisser)

Unter den aktuellen Dax-Konzernen sind etliche Traditionsfirmen in Familienhand. Sie haben sich über viele Generationen hinweg etabliert. Was Familienunternehmen der Konkurrenz voraushaben und welche Konfliktpotenziale diese besondere Konstellation birgt, verrät Buchautor Wolfgang Seidel im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Die Namen vieler traditioneller Dax-Konzerne gehen auf Familienunternehmen zurück. Adidas, Bayer, Fresenius: Wie viel Familie steckt heute noch in ihnen?

Wolfgang Seidel: Eigentlich startet jedes Unternehmen als Familienunternehmen. Jeder inhabergeführte Buchladen, jede Apotheke oder fast jeder Lotto-Kiosk - sie alle sind typische Familienunternehmen und haben für die Wirtschaft eine wichtige Bedeutung. Die von Ihnen genannten großen Aktiengesellschaften tragen zwar noch einen Familiennamen. Tatsächlich in Familienhand sind aber nur noch wenige, etwa Merck und Henkel.

Familienunternehmen sind über Generationen erfolgreich. Was ist ihr Geheimnis?

Familienunternehmen setzen auf Beständigkeit. Viele sehr alte Unternehmen haben oft die Tendenz, über Generationen hinweg zu denken und langfristig zu investieren. In Krisenzeiten schießen sie auch mal Privatgeld zu, um das Unternehmen am Leben zu halten. Oftmals sind die Gewinnentnahmen nicht besonders hoch. Im Gegensatz zu Publikumsgesellschaften sind Familienunternehmen nicht zwangsläufig darauf ausgerichtet, ständig möglichst hohe Gewinne an Aktionäre auszuschütten. In schwierigen Phasen können Familienunternehmen leichter auch mal den sprichwörtlichen Gürtel enger schnallen.

Gelingt es Familienunternehmen besser oder schlechter als anderen, innovativ zu blieben?

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In seinem neuen Buch beleuchtet Wolfgang Seidel 52 Firmen und gibt Einblicke auf Weltmarktführer und Hidden Champions.

Auch Familienunternehmen, die wirklich über eine sehr lange Zeit erfolgreich sind, sind dem natürlichen Wandel der Märkte ausgesetzt. Mode und Geschmäcker ändern sich, Technologien entwickeln sich weiter. Wenn Familienunternehmen überleben wollen, müssen sie sich wie alle anderen Unternehmen auch anpassen und neue Chancen erkennen. Henkel beispielsweise war und ist mit Wasch- und Reinigungsmitteln sehr erfolgreich. Und sie hatten quasi als Nebenprodukte früher auch Leime und allerlei Klebstoffe hergestellt. Heute erzielen sie mit forschungsintensiven Spezialklebstoffen und Beschichtungen für Auto- und Flugzeugbau, ja selbst für die Raumfahrt mehr als die Hälfte ihres Umsatzes. Vieles, was früher an Flugzeugen genietet wurde, wird heute geklebt. Das sind sehr zukunftsorientierte neue Anwendungen mit großen Chancen und Möglichkeiten für die Zukunft.

Können sie dabei was von Startups lernen?

Jungen, frischen, hochinnovativen Startups fällt es viel leichter, ganz neue Produktideen zu entwickeln. Das Entscheidende wird sein, sich Familienunternehmen unter dem momentanen Druck der Weltmärkte und der Digitalisierung nicht abhängen zu lassen. Unglaublich viel Geld wird auch in Forschung und Entwicklung gesteckt, weil sich doch momentan sehr viel sehr schnell verändert.

Familienunternehmer tragen das finanzielle Risiko für jede ihrer Handlungen. Sind sie deswegen automatisch weniger risikoscheu?

Nein, Familienunternehmen scheuen nicht das Risiko. Sie sind durchaus bereit dazu, Neues zu wagen. Und das müssen sie auch. Allerdings gibt es auch Familienunternehmen, die seit Jahren mit nur einem Produkt erfolgreich sind. Die mussten sich nicht verändern, weil die Nachfrage nicht nachgelassen hat. Für andere haben sich die Bedingungen so geändert, dass ihnen gar nichts anderes übrig geblieben ist.

Aus den Familien selbst kommt immer weniger Nachwuchs, der die operative Führung übernimmt. Welche Gefahren birgt es, wenn die Führung an externe Manager abgeben wird?

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Prinzipiell ist das nicht unbedingt schlecht. Auch an der Spitze eines Familienunternehmens sollte eine fachlich qualifizierte Person sitzen. Wenn das nicht aus der Familie nachwächst, müssen externe Manager eingebunden werden. Das ist schon immer so gehandhabt worden. Kein Familienunternehmen würde ein Mitglied in die Geschäftsführung berufen, wenn es dafür nicht qualifiziert ist. Im 19. Jahrhundert ist das der Schwiegersohn gewesen. Wenn damals in Anführungszeichen nur eine Erbin infrage gekommen ist, hat eben das neue Familienmitglied das Unternehmen weitergeführt. Mit familienfremden Managern kommt schließlich auch neues Know-how ins Unternehmen.

Streit schwächt jedes Unternehmen. Gerade Familienunternehmen bergen ein hohes Konfliktpotenzial. Worüber wird häufig gestritten?

In Familienunternehmen wird ganz bewusst versucht, Streit zu vermeiden. Ein Konfliktpunkt ist natürlich die Nachfolgefrage. Wenn es um unterschiedliche Meinungen zur Ausrichtung der Unternehmensphilosophie geht, spielen bei mehreren Anteilseignern aus der Familie die Mehrheiten die ausschlaggebende Rolle.

Vor welchen Herausforderungen stehen Familienunternehmen?

Gerade in Deutschland gibt es viele sogenannte Hidden Champions, die wenig bekannte Weltmarktführer sind. Diese Unternehmen bekommen natürlich die Konsequenzen des Handelsstreits zu spüren. Das gilt aber für Unternehmen, die nicht in Familienhand sind, auch. Die Digitalisierung wird den Familienunternehmen mehr zu schaffen machen. So haben sich auch die Hersteller von Papier- und Druckmaschinen wandeln müssen. Ihre traditionellen Zeitungsdruckanlagen werden heute nicht mehr nachgefragt. Im Gegensatz zu früher setzten sie ihren Fokus jetzt auf das Bedrucken von Verpackungen.

Mit Wolfgang Seidel sprach Juliane Kipper

Die zweite Staffel der n-tv Doku-Reihe "Familiendynastien" startet ab dem 17. November und porträtiert immer sonntags um 20.15 Uhr in sechs Episoden, wie Familien aus ihren Ideen ein erfolgreiches Imperium erschaffen haben. Nach der Ausstrahlung sind die Folgen bei TVNOW abrufbar.

Quelle: n-tv.de