Wirtschaft

Volle Strände, leere Städte Der Tourismus boomt und kriselt zugleich

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Manche kommen bislang besser durch die Pandemie als andere. Richtige Gewinner kennt die Krise allerdings kaum.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nachdem im Frühjahr die Arbeit annähernd aller drei Millionen Beschäftigen der deutschen Tourismusbranche fast vollständig stillstand, ruhte die Hoffnung auf einer besonders guten Sommersaison. Sie hat sich nur teilweise erfüllt.

Trotz hoher Auslastung an manchen Orten hat die deutsche Tourismusbranche die Corona-Krise noch lange nicht überwunden. Das gilt nicht nur für die immer noch weitgehend besucherfreien Städte, die leer vor Anker liegenden Kreuzfahrtschiffe und die nahezu stillstehende Luftfahrt. Selbst an der Küste, wo die Besucher zeitweise an die Strände drängten und auf dem Land, wo die Ferienbauernhöfe restlos ausgebucht waren, ist die Krise noch deutlich spürbar.

Die Tourismusbranche gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Deutschlands. Sie beschäftigt knapp drei Millionen Menschen, das entspricht jedem 15. Arbeitsplatz. Während des Lockdowns von Mitte März bis Mitte Mai standen fast alle Betriebe still, die irgendetwas mit Reisen zu tun hatten. Übernachtungszahlen im ganzen Land brachen infolge des Beherberungsverbots für Touristen um fast 90 Prozent ein. Doch auch in den Sommermonaten lagen sie deutschlandweit noch weit unter dem Vorjahresniveau. Die Bilder von einigen überfüllten Strandpromenaden täuschen: Nur wenige Regionen konnten tatsächlich Zuwächse im Vergleich zu den Vorjahren erzielen. Am schlimmsten traf es die Städte, wo gerade in der Hochsaison teils nur halb so viele Gäste übernachteten wie vor der Pandemie.

ntv.de stellt vier unterschiedliche Perspektiven auf die Tourismusbranche vor:

Leben "von allem, was jetzt verboten ist"

"Sechs Anmeldungen für heute Abend, gar keine für morgen und bislang zwei für Samstag", der Blick in den Buchungkalender für ihre "Hurentour" im Rotlichtviertel von St. Pauli ist für Gerritje Deterding ernüchternd. Damit kann die Agenturinhaberin, Veranstalterin und selbst passionierte Hamburger Stadtführerin nicht einmal ihre Kosten decken - und das schon seit Monaten nicht mehr. Die 80 Euro Honorar muss sie für die rund zweistündige Tour der jeweiligen Gästeführerin zahlen, unabhängig von der Zahl der Teilnehmer. In Hamburg und anderen Metropolen ist der Tourismus im Frühjahr massiv eingebrochen. Von einer Erholung ist auch danach kaum etwas zu spüren. Die Auslastung der Hotels liegt auch im Sommer bei kaum mehr als 20 Prozent. Stadtführer, die davon leben, Touristen, Geschäftsreisenden oder Kongressbesuchern die Metropolen zu zeigen, sind davon besonders betroffen.

"Unser Geschäft lebt gerade von dem, was jetzt verboten oder abgesagt ist", sagt Deterding: Kreuzfahrtschiffe, die in normalen Zeiten teils Tausende Touristen auf einen Schlag in die Hansestadt bringen, liegen auf absehbare Zeit fest vor Anker. Messen und Kongresse sind abgesagt. Hamburgs Musical-Theater sind geschlossen, die Elbphilharmonie spielt nur für wenige Hundert, meist einheimische Gäste pro Konzert. Alternativen bieten sich für die Gästeführer kaum. Der Versuch, Einheimische für Touren in ihrer eigenen Heimatstadt zu begeistern, sei weitgehend fehlgeschlagen. "Die glauben offenbar, sie wüssten schon alles", berichtet Deterding. Die Stadtführer, die noch nicht aufgegeben hätten, arbeiteten oft - wenn sie die Fahrt- und sonstigen Kosten von den Ticketeinnahmen durch eine Handvoll Tour-Teilnehmer abzögen, "für weniger als einen Kaffee" pro Tour.

Besserung ist kaum in Sicht. "Normalerweise ist der Sommer ja gerade die Hochsaison, in der wir Gästeführer einen Großteil unserer Einnahmen erwirtschaften müssen", erklärt Deterding, die auch Vorsitzende des Vereins Hamburg Guides ist, einem Zusammenschluss von rund 80 Kollegen und Kolleginnen. Ohne Weihnachtsmärkte und -feiern dürfte die Wintersaison dieses Jahr noch schlechter ausfallen als gewohnt.

Auf 110 Prozent

Am 18. Mai machte die Polizei den Weg nach Sylt wieder frei. Die Beamten, die das bis dahin geltende Beherbergungsverbot rigoros durchgesetzt und alle Touristen, die auf die Nordseeinsel gelangen wollten, schon auf dem Festland abgefangen und nach Hause geschickt hatten, zogen ihre Streife vom Bahnhof in Niebüll, dem wichtigsten Zugangspunkt nach Sylt, wieder ab. "Von dem Tag an lief der Betrieb bei uns auf 110 Prozent, deutlich über dem Niveau der Vorjahre", erzählt Oliver Suchy, Inhaber des Hotels und Restaurants "Altes Zollhaus" in Westerland und Betreiber zahlreicher Ferienwohnungen.

Der gewöhnlich erste Saisonhöhepunkt, die Osterferienzeit, war wegen des Lockdowns komplett ausgefallen. Die fälligen Rückzahlungen für die Stornierung bereits angezahlter Aufenthalte brachten viele Gastronomen und Hoteliers wie Suchy in ernste Liquiditätsschwierigkeiten. Doch danach kamen - auch dank des hervorragenden Wetters - umso mehr Gäste. Von der gewohnten Delle im Geschäft nach den Oster- bis zum Beginn der Sommerferien war in diesem Jahr nichts zu spüren. Und auch die Buchungen für die Nachsaison laufen hervorragend. Nicht nur die Stammgäste seien fast alle zurückgekehrt und hätten die im Frühjahr ausgefallenen Besuche nachgeholt, berichtet Suchy. Dazu seien viele neue Gäste auf deutsche Urlaubsziele aufmerksam geworden, die "sonst eher nach Kroatien oder Griechenland reisten", berichtet der Hotelier und ist optimistisch, dass viele davon in den kommenden Jahren zu Stammgästen werden.

Ganz ungetrübt ist die Situation für Suchy aber nicht. Denn "auf 110 Prozent" kann nur die Beherbergung vor allem in den Ferienwohnungen laufen. Das dazugehörige Restaurant ist durch nach wie vor geltende Abstandsregelungen auf gut die Hälfte seiner Kapazität begrenzt. Dass auf der ganzen Insel die Hotels und Ferienwohnungen voll sind, die Restaurants aber halb leer bleiben müssen, führt bei einigen Urlaubern, die keinen Platz zum Abendessen finden, zu Unmut. Suchy blickt besorgt in die kommenden Monate: "Trotz der hervorragenden Auslastung fürchte ich gerade, schon wieder Kurzarbeit für einige Mitarbeiter anmelden zu müssen." Denn in den Sommermonaten konnte er für sein Restaurant noch die große Terrasse nutzen. Diese Plätze stehen mit dem kälter und stürmischer werdenden Wetter an der Nordseeküste bald nicht mehr zur Verfügung.

Kunden retten ihr Reisebüro

Wofür gibt es eigentlich noch Reisebüros, wenn man doch fast alles selbst im Internet buchen kann? Im Frühjahr konnten die Kunden von Thomas Gatzsche erleben, wofür: Um ein Uhr nachts rief der Geschäftsführer der "Travel Lounge" in Wermelskirchen eine Familie an, um sie über die gerade verhängte allgemeine Corona-Reisewarnung für Urlaubsreisen zu informieren. Das erste von Hunderten derartigen Gesprächen. Für viele teils tiefbesorgte Kunden, die sich bereits im Ausland aufhielten, organisierten Gatzsche und seine Mitarbeiter die Rückreise, für die noch nicht abgereisten die Stornierung und die Rückerstattung bereits geleisteter Zahlungen. Drei Monate standen die Telefone kaum still.

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Wenn er es mithilfe der Kunden durch die Krise schafft, wird die "Travel Lounge" gestärkt aus der Pandemie hervorgehen, ist sich Geschäftsführer Gatzsche sicher.

Dennoch hat das Reisebüro in der Zeit praktisch nichts eingenommen. Neue Buchungen gibt es nicht. Im Gegenteil: Gatzsche musste Zehntausende Euro Provision an die Reiseveranstalter zurückzahlen. Auch die Fixkosten vor allem für Miete und für das Buchungssystem kann er kaum reduzieren. Überstanden habe die "Travel Lounge" das - anders als Tausende andere mittelständische Reisebüros - weil "das Unternehmen seit Jahrzehnten sehr solide wirtschaftet und hohe Rücklagen hatte", erzählt Gatzsche. Auch nach dem Lockdown und der zeitweiligen Aufhebung der Reisewarnung für viele europäische Länder zieht das Geschäft nicht an. Vom Boom in einigen deutschen Urlaubsregionen spüren die klassischen Reisebüros nicht viel. "Reisebüros wie unseres leben von Fernreisen und Kreuzfahrten", sagt Gatzsche. Von seinem Team von ehemals sieben Mitarbeitern sind nur noch eine Minijob-Kraft und er selbst übrig - in Kurzarbeit.

Ende des Sommers steht auch Gatzsche kurz vorm Aufgeben. Er unternimmt aber noch einen letzten Versuch: In einem Brief bittet er seine Kunden um Unterstützung. "Ich habe nicht etwa gebettelt, sondern gefragt, ob und was ihnen unser Service wert ist." Die Rückmeldung ist überwältigend. Innerhalb kurzer Zeit überweisen rund 120 Kunden insgesamt einen fünfstelligen Betrag. Das gibt Gatzsche nicht nur die finanziellen Mittel, die "Travel Lounge" mehrere Monate offenzuhalten. Die Treue dieser Kunden habe "ihm die Tränen in die Augen getrieben", berichtet der erfahrende Reiseverkehrskaufmann. Diese Hilfsbereitschaft und auch viele Gespräche mit den Kunden hätten ihm die Kraft gegeben, durchzuhalten, bis die Krise überwunden sei. Denn langfristig sieht Gatzsche optimistisch in die Zukunft der Tourismusbranche. "Gerade jetzt in der Krise spüren wir, wie groß der Wille der Menschen ist, zu reisen", erzählt er. Diejenigen unter den Reisebüros, die überleben, werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, ist er sich sicher.

Sicherheit für Mensch und Tier

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Ute Mushardts Hof ist seit Mai ausgebucht.

Das fehlte ihr noch, sagt Ute Mushardt, "dass jemand uns hier das Coronavirus auf den Hof einschleppt". Als Betriebsleiterin eines Bauernhofs mit zehn Ferienwohneinheiten, 310 Hektar Ackerfläche, Milchkühen, Weiderindern sowie Pferden, Hühnern, Kaninchen und Hofhund könne sie sich das gar nicht erlauben. So steht der Schutz von Mensch und Tier vor dem Virus an erster Stelle. Und die Feriengäste zeigten dafür nicht nur Verständnis, erzählt Mushardt, sie dankten es sogar, dass sie in diesen Zeiten mit einem Gefühl von Verlässlichkeit Urlaub machen können. Die Bäuerin "coacht" die Urlauber nicht nur zum umfangreichen Hygienekonzept auf dem Hof, sondern auch, wie sie sich in der Umgebung bewegen können, welche Strände und welche Restaurants sie zu welchen Zeiten ohne Bedenken besuchen können. "Seit wir im Mai die Beherbergung wieder aufnehmen konnten, sind wir ausgebucht" - trotz spürbarer Einschränkungen. "Den üblichen gemeinsamen Hofrundgang zum Kennenlernen können wir zum Beispiel nicht mehr machen." Zusätzliches Informationsmaterial kann den persönlichen Kontakt natürlich nicht vollständig ersetzen. Aber Sicherheit geht eben vor auf dem Hof.

Ferienbauernhöfe wie der von Ute Mushardt sind in diesem Sommer in ganz Deutschland nahezu ausgebucht. Nur ganz vereinzelt in einigen Regionen wie dem Münsterland oder Niederrhein gab es laut der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, deren ehrenamtliche Vorsitzende Mushardt ist, noch freie Ferienwohnungen. Für die Herbstferien sieht es kaum anders aus. Wenn einer der knapp 10.000 Ferienhöfe nicht ausgebucht war, lag das Mushardt zufolge oft an einer fehlenden Internetverbindung. Um von der großen Nachfrage in der Krise zu profitieren, sei entscheidend, online präsent und auch buchbar zu sein. Aber auch im Jahr 2020 haben einige ländliche Regionen in Deutschland keine brauchbaren Datenverbindungen. "Für manche ist es kaum möglich, ein Online-Buchungssystem zu nutzen", berichtet Mushardt. Die Folge langsamer Verbindungen könnten ärgerliche Doppelbuchungen sein.

Doch selbst an den Höfen, sie seit Mai ausgebucht sind, geht die Corona-Krise nicht spurlos vorüber. Der Verlust aus der Lockdown-Zeit sei in diesem Jahr nicht mehr reinzuholen. Zudem hat Mushardt den Empfang von Tagesgästen, etwa Schulklassen und anderen Gruppen, ganz eingestellt. Und auch auf die landwirtschaftliche Produktion wirkt sich die Krise aus. Die Braugerste, die Mushardt für Brauereien im nahen Bremen angebaut hat, muss sie wegen der Absatzkrise beim Bier zu deutlich niedrigeren Preisen als Viehfutter verkaufen.

Quelle: ntv.de