Wirtschaft

Zentralbank im Visier "Der Wirtschaftskrieg gegen Russland ist unberechenbar"

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Die russische Zentralbank kann auf einen Großteil ihrer Devisenreserven nicht zugreifen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Sanktionen gegen Russland, darunter gegen die Zentralbank, zeigen Folgen. Sie machten die Lage aber auch brandgefährlich, sagt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Er erwartet eine handfeste Inflation im Westen - und einen Run auf den Dollar.

Der Krieg in der Ukraine hat auch einen historischen Finanz- und Wirtschaftskrieg mit Russland ausgelöst, gegen die elftgrößte Volkswirtschaft der Erde. Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze sieht die Maßnahmen als wirkungsvoll an, was die Lage aber gefährlich mache: "Ich halte die Situation im Moment für extrem gefährlich und extrem unüberschaubar", sagte Tooze im Podcast "Die Stunde Null".

"Das ist nicht der alte Kalte Krieg, es ist schlimmer, weil alles unberechenbar ist." Der Westen habe nicht nur Sanktionen verhängt, sondern mit den Maßnahmen gegen die russische Zentralbank "in den Krieg eingegriffen, und zwar aufseiten der Ukraine". Als er von der Maßnahme erstmals erfuhr, sei er überrascht gewesen. "Und ich kann mich nicht an einen Moment in meinem Leben erinnern, an dem ich mehr Angst hatte, als auf einmal das Wort Zentralbank fiel." Sie sei das "Alpha und Omega" der Sanktionen, die Reserven einer großen Zentralbank "anzupacken", habe eine "neue Dimension".

Dem Westen müsse klar sein, dass es nicht um Iran oder Venezuela gehe: "Wir verhängen Sanktionen gegen die zweitgrößte Nuklearmacht der Welt, die sich in einem für Putin existenziellen Krieg befindet." Die Russen könnten, da ihr konventioneller Krieg stockt, im Zweifel nur "asymmetrisch in den nuklearen Bereich" eskalieren.

Tooze befürwortet zwar die Maßnahmen, aber er sagte: "Wir sollten uns über das Risiko im Klaren sein, weil wir es bei Putin mit einer bestimmten Persönlichkeit zu tun haben." Der Westen, sagte Tooze, sei zuvor "schlafwandlerisch" in diese Krise geschlittert - in Anspielung auf das Buch "Die Schlafwandler" von Christopher Clark über den Ersten Weltkrieg.

Den Exodus von Unternehmen aus Russland, die Lieferungen stoppen, ihr Geschäft auf Eis legen oder - wie Volkswagen und BMW - sogar Fabriken schließen, ist für Tooze ebenso ein starkes Signal: "Der Markt adaptiert von sich aus. Es ist mittlerweile ein Riesenproblem für jede Firma, in irgendein russisches Geschäft verwickelt zu sein. Das ist auch das Kalkül. Man muss die Details gar nicht ankündigen. Man muss nur Reizworte wie Sberbank, Swift oder Zentralbank sagen und dann etwas über Energie munkeln. Und dann wirkt der Markt." Die steigenden Rohstoffpreise hätten allerdings in jedem Fall auch Folgen für den Westen. "Uns erwartet eine handfeste Inflation, getrieben vom Angebot, von den Lieferketten."

Im Finanzsystem würden westliche Zentralbanken die Folgen etwa auf dem Geldmarkt zwar im Blick haben. "Aber ich erwarte, dass in den kommenden Wochen angesichts der Unsicherheit im globalen Finanzsystem ein Run Richtung Dollar eintritt. Und das erzeugt Spannungen überall in der Welt, nicht nur im bilateralen Austausch oder in Transaktionen mit Russland. Die Dollar werden knapp, und dann quietscht und kracht es an allen Ecken."

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Quelle: ntv.de, jga

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