Wirtschaft

Ein Hauch von Lehman Die Angst vor Bankenpleiten bleibt

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Immer wieder Warten auf neue Ansagen: Mitarbeiterversammlung bei Lehman Brothers in London im September 2008.

(Foto: REUTERS)

Drei Jahre nach dem Lehman-Crash in den USA sind Bankenpleiten in Europa ein großes Thema. Nie wieder Lehman? Darauf dürfte derzeit kaum jemand wetten. Viele warten auf den großen Knall in Frankreich. Berlin spielt vorsorglich schon einmal das Szenario Bankenrettung durch.

Man braucht nicht nach Amerika zu schauen, um Finanzinstitute zu finden, denen wegen ihrer Geschäftspraktiken die Pleite droht. Seit dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 haben die Staaten zwar die Zügel an den Finanzmärkten angezogen. Aber auch heute noch liegt in der Bankenwelt einiges im Argen.

Derzeit kämpfen vor allem die französischen Großbanken Agricole und die Société Générale damit, in der europäischen Staatsschuldenkrise Oberwasser zu behalten. Wegen ihrer Engagements in Bonds hochverschuldeter Eurostaaten an der Peripherie stufte die Ratingagentur Moody's das Ranking für die Institute herab. Marktführer BNP Paribas kam diesmal noch mit einem blauen Auge davon.

Angst vor dem Dominoeffekt

Sollten die kriselnden Eurostaaten umkippen, haben die Banken ein Problem. Selbst die Staatspleite eines vergleichsweise kleinen Landes wie Griechenland dürfte aller Voraussicht nach eine Reihe Insolvenzen von Banken anderer Länder nach sich ziehen. Das Vertrauen der Investoren ist also wieder einmal tief erschüttert. Und drei Jahre nach Lehman stellt man sich in Europa dieselben Fragen wie damals: Müssen Finanzinstitute gerettet werden? Und, wenn ja, wer soll es tun? Berlin spielt vorsorglich schon einmal das Szenario Bankenrettung durch.

Und auch Frankreich ist bereits in der Spur, seinen Banken durch Verstaatlichung beizuspringen, wie man munkeln hört. Nicht nur Hans-Olaf Henkel meint, dass das auch dringend notwendig sei. Verstaatlichungen von Banken, die kritische Staatsanleihen-Portfolios besitzen, seien unerlässlich, um eine Eskalation in der Staatsschuldenkrise zu vermeiden und das Finanzsystem zu stabilisieren, so der ehemalige BDI-Chef.

Seine Zweifel sind begründet: Nach Informationen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) halten die französischen Banken die meisten Staatsanleihen aus den Euro-Krisenstaaten. Nach Bankenangaben schmoren dort neben Griechenbonds noch jede Menge italienischer Anleihen, die mittlerweile ebenfalls deutlich im Wert gefallen sind. Wie es heißt, standen im Juni Papiere im Wert von mehr 35 Milliarden in den Büchern.

Steuerlos in der Gefahrenzone

KfW-Chef Ulrich Schröder schätzt die Lage heute tatsächlich sehr viel dramatischer ein als 2008. Denn heute seien viele Staaten wegen ihrer eigenen Schuldenprobleme gar nicht mehr in der Lage, ihre Geldhäuser in einer ähnlichen Krise aufzufangen. "Die Banken sind nicht aus der Gefahrenzone heraus", warnt Schröder.

Die Chefin des Unternehmerverbandes Medef, Laurence Parisot, rechnete vor, dass eine Verstaatlichung aller vier großen Banken in Frankreich praktisch das gesamte Bruttoinlandsprodukt des Landes eines Jahres kosten würde. "Das sind Größenordnungen, die absolut nicht mehr zu steuern sind", warnte Parisot. Die Lage darf wohl als ernst bezeichnet werden. Nur, wer soll den Banken beispringen, wenn die Staaten es selbst nicht mehr können? Pimco-Chef Al Mohamed El-Erian hat bereits Organisationen wie den IWF aufgefordert, sofort etwas in Europa zu unternehmen. Ohne Hilfe drohten die Banken der Region vor der Staatsschuldenkrise verschluckt zu werden.

Und wieder werden Rettungsleinen geknotet. Aber warum konnten Banken erneut in eine derartige Schieflage geraten? Trotz angestrengter Regulierungsversuche der Finanzmärkte und der Eigenkapitalvorschriften durch Basel III hat sich in der Bankenwelt offenbar nicht viel geändert.

Auf dünnem Eis

Die Krux ist die Vernetzung der Großbanken im Weltfinanzsystem, die von außen kaum zu durchschauen ist. Deshalb werden Banken eine Schwachstelle im System bleiben. Die Reformen zur Ausweitung des europäischen Rettungsschirms EFSF kalkulieren diese Schwachstelle sogar mit ein. Der EFSF wird nach seiner Reform potenziell gefährdeter Länder auch Geld zur Verfügung stellen, das auch zur Stützung des Bankensektors eingesetzt werden könnte.

Eine andere Lösung gibt es derzeit nicht. Sicherlich wäre es gut, wenn Banken nicht mehr "too big to fail", also zu groß für eine Pleite wären, wie Star-Ökonomen und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz es fordert, und die Banken das Risiko ihrer Spekulationen selbst tragen würden und nicht der Staat oder auch der IWF.

Aber bisher sind eben nur Pleiten kleinerer Institute erprobt. Wenn in den USA Regionalbanken pleitegehen, ist das für das große Ganze nicht relevant. Es fällt leichter. Die Unsicherheiten lauern bei den Großbanken. In der Eurokrise betreten alle Beteiligten ständig Neuland. Möglicherweise muss eben auch noch ausgetestet werden, was passiert, wenn ein Staat seinen eigenen Banken nicht mehr helfen kann.

Quelle: ntv.de