Wirtschaft
Eine unendliche Geschichte: die Baustelle am Hauptstadtflughafen BER.
Eine unendliche Geschichte: die Baustelle am Hauptstadtflughafen BER.(Foto: picture alliance / Ralf Hirschbe)
Donnerstag, 23. November 2017

Öffnung erst 2021 statt 2019?: Die BER-Saga nimmt kein Ende

Von Diana Dittmer

Schon wieder droht der Starttermin für den BER zu platzen. 5,4 Milliarden Euro Steuergeld hat das Projekt bereits verschlungen. Ob es je fertig wird, ist ungewiss. Warum eigentlich?

Keine Menschen, kein Betrieb, keine Bewegung - alles hat ein Ende, nur das Wurschteln am BER hat keins. Die Baustellenbilanz am Wochenende hatte eigentlich Mut gemacht. Nun aber der nächste Nackenschlag: Die für 2019 erwartete Eröffnung soll sich laut einem Medienbericht wegen "gravierender Defizite bei technischen Systemen" nun möglicherweise bis 2021 verzögern. Das wäre 15 Jahre nach Baubeginn. Die neuen Probleme sind die alten: Entrauchungssteuerung, Sprinkler- und Brandmeldeanlage - keiner kann es mehr hören.

Es ist deprimierend, auch sechs Jahre nach dem ersten offiziellen Eröffnungstermin gibt es statt munterer Betriebsamkeit nur gähnende Leere: Das Licht brennt pausenlos, obwohl hier niemand seinen Weg finden muss. Durch den unterirdischen Bahnhof fahren Geisterzüge, um die stehende Luft zu bewegen und Schimmel zu verhindern. Durch die Terminals huschen Elektriker, Klempner, Gerüstebauer und Rohrverleger, die versuchen die Mängel in den Griff zu bekommen. Und dann ab und an Besucher, die in diese große Illusion eingeladen werden, um Hoffnung zu schöpfen.

Der "magic carpet" in der Haupthalle. Ein flliegender Teppich könnte die Lösung sein.
Der "magic carpet" in der Haupthalle. Ein flliegender Teppich könnte die Lösung sein.(Foto: Sonja Gurris)

Er könnte so schön sein, der BER. Doch wer jemals an erfolgreiche Wartung und Problembeseitigung in Deutschland geglaubt hat, den hat dieses Bau-Monster eines Besseren belehrt. Nur Wunder können das Projekt noch retten.

Alles "Pillepalle", "kein Hexenwerk"

Mindestens zehn bis 13 Millionen Euro verschlingt die Instandhaltung der Betonleiche monatlich. Entgangene Mieten sind nicht mit eingerechnet, die sind Betriebsgeheimnis. Auf die Frage, warum der Flughafen nicht fertig wird, gibt es keine einfache Antwort. Das Endlosdrama hat mit Physik, großkopferner Planung mit vielen Änderungen, schlechter Umsetzung, komplizierten und ständig wechselnden Vorschriften zu tun. Und Menschen, die sich verhoben haben.

Am Wochenende schien das Ziel wieder mal so nah: Statt 3000 sollte es im Fluggastterminal nur noch etwa "30 technische Risiken geben". Die automatischen Türen funktionieren zu 80 Prozent, hieß es. Auch die Steuer-Software für die Brandmeldeanlagen sei weitgehend installiert. "Fast 90 Prozent der maschinellen Entrauchungsszenarien sind zum 1.11. einreguliert", jubelte die Flughafengesellschaft im Fachjargon.

Die Aussagen erinnerten an die Siegesmeldung von Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup im Sommer: "87 Prozent" seien geschafft. "Was wir machen, ist Kleinkram. Türen, Kabel, eigentlich alles Pillepalle." Auch die Sprinkler habe man im Griff, ließ er wissen. Noch zwei-, zweieinhalbtausend Meter Rohr verlegen, "kein Hexenwerk". Dass es keinen Platz mehr gibt, weil alle Kabel neu gezogen werden mussten, ließ er allerdings unter den Tisch fallen.

Jetzt macht Lütke Daldrup, der seit März im Amt ist, dieselbe schmerzliche Erfahrung wie seine Vorgänger: Fast fertig ist noch lange nicht fertig. Unter anderem auch deshalb, weil nach getaner Arbeit immer neue Probleme aufpoppen - spätestens, wenn die Aufsichtsbehörden anrücken.

Berlin mit dem Kopf in den Wolken

Der Bau ist genauso wie die Finanzen komplett aus den Fugen geraten. Ein Grund sind die ständigen Erweiterungen. Als ursprünglich noch 2,4 Milliarden Euro veranschlagt waren, waren 200.000 Quadratmeter Gebäudefläche geplant. Heute sind es 360.000 Quadratmeter. Und das ist nicht das Ende. Der BER muss weiter wachsen und investieren. Es wird neue Gebäude geben müssen, weil er jetzt schon zu klein ist für das erwartete Passagieraufkommen.

Dabei tickt die Kostenuhr. Mittlerweile haben die Steuerzahler 5,4 Milliarden Euro in dem Projekt versenkt. Was der Airport am Ende wirklich verschlingen wird, ist ungewiss. Schätzungen sagen, es werden 6,5 Milliarden Euro.

Zeitweise hieß es, Meinhard von Gerkan hätte es verbockt. Doch mit dem Entwurf des Star-Architekten, der sich in den Siebzigern mit dem Flughafen Berlin-Tegel einen Namen gemacht hatte, hat der BER von heute nicht mehr viel zu tun. Gerkan schwebte Pompöses vor, das ist richtig - und ungewöhnlich, weil ein Airport in erster Linie immer funktional sein sollte. Das Dach solle eine "pathetische Geste", "ein Spektakel im Sinne von Atemlosigkeit" werden, sagte der heute 82-Jährige. Das war nur der Anfang der Großkopfigkeit am BER.

Die Bauherren - Berlin Brandenburg und der Bund - hätten sich wie Götter aufgeführt, kritisierte Gerkan später. Sie überboten ihn in Protz und Größe noch. Die Ausstattung - mit Böden aus Jurakalkstein und Furnier aus afrikanischem Nussbaum - wurde immer luxuriöser, der Bau immer teurer. Nur fertig wurde er nicht.

Istanbul und Peking ziehen an Berlin vorbei

Wahrscheinlich werden die Türkei und China mit ihren Mega-Flughäfen in Istanbul und vor den Toren Pekings nun am BER vorbeiziehen. Am Bosporus stampfen 35.000 Arbeiter Erdogans Prestige-Prokjekt in 50 Monaten aus dem Boden. Der Airport wird deutlich größer als der BER. Der erste Spatenstich war 2014, trotzdem steht der Starttermin im Oktober 2018. Die Arbeiten sollen zu rund 70 Prozent abgeschlossen sein. Auch die Kosten liegen mit rund 10,5 Milliarden Euro im Rahmen. Peking will seinen Airport 2019, planmäßig nach fünf Jahren Bauzeit, für den Testbetrieb öffnen. Auch hier sieht alles danach aus, dass es klappt.

Der große Unterschied zum BER ist: Am Bosporus und in Peking verderben nicht drei Bauherren das Projekt. Berlin und Brandenburg halten je 37, der Bund 26 Prozent. Nicht eine Instanz trifft die Entscheidungen, nicht ein Ausschuss sondiert die monströsen Fehler und sucht Schuldige. Alles gibt es doppelt und dreifach. Das Projekt sei von Anfang an zu politisch gewesen, ist immer wieder zu hören.

Vielleicht wurde dem Projekt mit mehreren Hausherren tatsächlich das Scheitern mit in die Wiege gelegt. Die Steuerzahler müssen trotzdem darauf bauen, dass der BER fertig wird und Geld einfliegt. Das gleiche gilt für Bund und Länder. Keiner kann sich diese Bauruine im märkischen Sand auf Dauer leisten. In drei Wochen will Lütke Daldrup immer noch verkünden, wann der BER in Betrieb gehen soll. Die Bauarbeiten sollen nach wie vor Ende August 2018 abgeschlossen sein. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Quelle: n-tv.de

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