Neue Finanzkrise im Anmarsch? Die Profiteure von 2008 wetten auf den nächsten Crash
Von Hannes Vogel
Als der US-Hypothekenmarkt zusammenbrach, machten sie Milliardengewinne. Nun haben Hedgefonds-Manager eine neue Wette laufen: gegen den billionenschweren Markt für Schattenkredite. Denn dort sind ähnliche "Dummheiten" passiert wie 2008 am Häusermarkt.
Als die Welt in die Finanzkrise stürzte, hatte Lee Robinson seine beste Zeit. 2008 war der Investor Manager bei Trafalgar, einem Hedgefonds, den er wenige Jahre zuvor gegründet hatte. Während die Welt zitternd auf das große Beben am US-Hypothekenmarkt schaute, witterte Robinson seine Chance. Und machte aus dem Crash ein gigantisches Geschäft: Er steckte einen kleinen Teil seiner Fonds in Wetten gegen Subprime-Kredite, die von windigen Bankern an Hauskäufer vergeben worden waren, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Robinson machte so aus 20 Millionen in kurzer Zeit 200 Millionen Dollar.
Die Geschichte von anderen Hedgefonds-Strategen, die wie Robinson früher als der Rest der Wall Street merkten, dass die angeblich ausfallsicheren Papiere Schrott sind, hat Michael Lewis in seinem Bestseller "The Big Short" aufgeschrieben, der mit Christian Bale, Steve Carell, Brad Pitt, Margot Robbie und Ryan Gosling verfilmt wurde. Die Erzählung dieser großen Wette auf den kommenden Crash ist in Finanzkreisen legendär. Insofern lässt es aufhorchen, dass Robinson und andere, die damals den Zusammenbruch vorhersagten und dabei ein Vermögen mit faulen Ramschhypotheken scheffelten, nun eine neue Wette laufen haben: gegen den billionenschweren Markt für Schattenkredite in den USA.
Dort haben alternative Finanzvehikel außerhalb des Bankensektors nach verschiedenen Schätzungen bis zu zwei Billionen Dollar in weitgehend unregulierte Darlehen gepumpt. Diese sogenannten Private Credit Funds haben vor allem Geld an teils hochverschuldete Softwarekonzerne, Private-Equity-Firmen, Gesundheitsanbieter und andere wenig kreditwürdige Unternehmen verliehen, sowie an Startups, die mit Rechenzentren den Infrastruktur-Boom der KI-Revolution finanzieren. Weil Banken seit der Finanzkrise, in der Robinson groß absahnte, immer stärker reguliert wurden, drängten stattdessen Fonds und Investoren in das Hochrisikogeschäft. Denn anders als traditionelle Geldhäuser unterlagen sie nicht der Bankenaufsicht.
Milliardenwette auf die nächste Finanzkrise
Wie schon 2008 setzt Robinson nun erneut darauf, dass die Finanzindustrie die Crashgefahr in diesem Sektor massiv unterschätzt. Dabei wettet er nicht direkt gegen die Finanziers der obskuren Schattenkredite selbst wie Blue Owl Capital, eine der größten alternativen US-Investmentfirmen, die etwa das Geld für OpenAI's "Stargate"-Rechenzentrum oder Metas "Hyperion"-Supercomputer besorgt hat, und an der Börse längst im Sinkflug ist. Er nimmt die Reihe dahinter ins Visier: Versicherer, die für Ausfälle ihrer Investments geradestehen. Hier sieht Robinson das größte Profitpotential. Denn die bereits anlaufenden Verluste im Private-Credit-Bereich hält er in ihren Bilanzen und Aktienkursen für nicht annähernd eingepreist.
Deshalb hat sich Robinson laut "Bloomberg" mit sogenannten Credit Default Swaps (CDS) eingedeckt: Kreditausfallversicherungen gegen den Wertverlust von Versicherungsgiganten wie National Corp, Metlife und sogar Warren Buffetts Berkshire Hathaway. Seine heutige Investmentfirma Altana, die etwa 570 Millionen Dollar verwaltet, hat einen neuen Fonds aufgelegt, um Investoren gegen den aus Robinsons Sicht unvermeidlichen Abschwung im Private-Credit-Sektor und das Abkühlen des KI-Hypes abzusichern.
Denn die Parallelen zwischen 2008 und heute sind für Robinson unübersehbar. Auch vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers hätten damals die gleiche Vermessenheit und trügerische Ruhe am Markt geherrscht wie jetzt. "Im August 2008 haben wir uns die Haare gerauft und uns gefragt, wie zur Hölle die Volatilität nur so niedrig sein kann", sagte Robinson zu "Bloomberg". "Jetzt hat man fast das gleiche Gefühl."
"Dummheiten" der Geschichte wiederholen sich
"Längst sind auch andere alarmiert. Bankerlegende Jamie Dimon warnt bereits vor einer möglichen neuen Finanzkrise. "Leider haben wir das bereits 2005, 2006 und 2007 erlebt. Fast genau das Gleiche. Alle verdienten damals prächtig. Ich weiß nicht, wie lange das noch für alle so gut laufen wird", sagte der JPMorgan-Chef im Februar auf einer Investorenkonferenz. Er sehe, wie einige Leute die gleichen "Dummheiten" machten wie damals, um ihre Gewinne zu pushen.
Auch sonst sind die Parallelen erstaunlich. Schon 2008 sahen erst kleinere Investoren wie Lee Robinson oder Michael Burry den Zusammenbruch kommen. Dann stiegen auch Geldhäuser groß ein und investierten Milliarden in den Crash von Hypothekenpapieren, die sie ihren Kunden kurz zuvor noch als solide Investments verkauft hatten. "Scheiße" und "Schweine" nannte sie etwa der Deutsche-Bank-Trader Greg Lippman in E-Mails, wie später in Anhörungen vor dem US-Kongress zum Vorschein kam.
Auch diesmal sind nach Robinson nun andere Hedgefonds und große Banken dabei, in "The Next Big Short" einzusteigen: Laut Bloomberg sollen JPMorgan Chase und Goldman Sachs begonnen haben, ebenfalls gegen die Schattenkredit-Versicherer zu wetten und auf Kundenwunsch Produkte anzubieten, mit denen die sich gegen die zunehmenden Risiken absichern können. Das Handelsvolumen und die CDS-Preise für Versicherer sind deswegen laut Daten der US-Wertpapierabwicklungsfirma DTCC leicht gestiegen. Denn die haben sich während der jahrelangen Nullzins-Phase auf der Suche nach Rendite stark im Private-Credit-Sektor engagiert. Selbst die EZB hat daher schon vor potenziellen Verlusten bei europäischen Versicherern gewarnt, sollte es einen Crash geben. Leute wie Robinson scheinen darauf bestens vorbereitet zu sein.