Wirtschaft

"Dummheiten" wie 2008US-Bankenriesen fürchten neue Finanzkrise

27.02.2026, 17:55 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Blue Owl Capital steht im Epizentrum der neuen Finanzkrisensorgen. (Foto: REUTERS)

Schattenbanken haben im KI-Rausch Billionen an unregulierten Krediten vergeben. Nun droht die Blase zu platzen und die Ausfälle beginnen, sich im System zu verteilen. Die Wall-Street-Bosse zittern schon: Erinnerungen an die Finanzkrise werden wach.

Als der große Crash am US-Immobilienmarkt 2008 die globale Finanzkrise auslöste, stand Jamie Dimon schon an der Spitze der Großbank JP Morgan. Die Erinnerungen an diese "unglaublichste Woche aller Zeiten", wie er sie im Bestseller "Too Big To Fail" beschrieben hat, sind bei dem Banker, der immer noch Chef der größten und profitabelsten US-Bank ist, hochpräsent: Vor wenigen Tagen warnte Dimon, er sehe gefährliche Parallelen zwischen dem heutigen Kreditboom und der Zeit unmittelbar vor der Finanzkrise 2008.

Damals verpackten Investmentbanker Wackel-Hypotheken immer wieder neu, rechneten sie schön und verteilten sie im Finanzsystem. In einem kollektiven Gewinnrausch pumpte die ganze Branche immer mehr Geld in fragwürdige Hauskredite. Dies wiederhole sich nun mit anderen Finanzinstrumenten, so Dimon. "Leider haben wir das bereits 2005, 2006 und 2007 erlebt. Fast genau das Gleiche. Alle verdienten damals prächtig. Ich weiß nicht, wie lange das noch für alle so gut laufen wird", sagte Dimon in dieser Woche auf einer Investorenkonferenz. "Ich sehe, wie einige Leute Dummheiten machen, um ihre Gewinne zu pushen. In jedem Kreditzyklus gibt es Überraschungen. Dieses Mal könnte es die Softwarebranche wegen KI erwischen."

"Die Reifen beginnen vom Auto abzufallen"

Dimon ist nicht der einzige prominente Banker, der aktuell vor einem neuen Crash warnt. "Es reicht, wenn der Schneeball einmal ins Rollen kommt - und das passiert jetzt", sagte der aktivistische Investor Boaz Weinstein einen Tag nach Dimon auf einer Konferenz. "Ich denke wir erleben gerade die allerersten Anzeichen dafür, dass die Reifen beginnen, vom Auto abzufallen."

Wovor die Wall-Street-Bosse zittern, sind immer größere Verluste durch alternative Investments, sogenannte Private Credit Funds: Finanzvehikel, die Geld an Firmen und Startups verleihen, vor allem solche, die in den Infrastruktur-Boom der KI-Revolution investieren. Ihre Kreditvergabe unterliegt anders als die von Banken nicht der offiziellen US-Bankenaufsicht.

Diese Art der Finanzierung ist vor allem für teils hochverschuldete Firmen interessant, die sich keiner allzu strengen Prüfung unterziehen wollen - oder für Banken schlicht uninteressant oder zu klein sind. Weil traditionelle Finanzhäuser seit dem Crash von 2008 immer stärker reguliert werden, springen Fonds und Investoren seit Jahren in die Lücke. Anfangs gaben sie Geld an Kleinunternehmen. Inzwischen finanzieren sie milliardenschwere Rechenzentren, Softwarekonzerne, Private-Equity-Firmen oder Übernahmen von Gesundheitsanbietern.

"Ein Rezept für eine Finanzkrise"

Seit den Anfängen der Private Credit Fonds vor gut einem Jahrzehnt hat sich der Markt von einer Nische zum Gewinnbringer gemausert. Am Ende stiegen auch die großen Geldhäuser ein: "Es wurde so groß, dass die Banken Angst bekamen, den Zug zu verpassen", zitiert "Bloomberg" Mark Williams, einen Ex-Aufseher der US-Notenbank Fed. So floss immer mehr Geld in hochriskante, undurchsichtige Kreditwetten in einem Netz von Schattenbanken, das niemand kontrolliert.

Bis zu zwei Billionen Dollar ist der Markt nach verschiedenen Schätzungen inzwischen groß - und erreicht damit etwa die gleiche Größenordnung wie traditionelle Bankkredite. Obwohl Dimon mit JP Morgan selbst in den Trend investiert hat, nannte er das explosive Wachstum schon im vergangenen Jahr ein "Rezept für eine Finanzkrise". Auch die Rating-Agentur Moody's warnte bereits vor möglichen "systemischen Konsequenzen". Denn wer wie viel Geld an wen verliehen hat, welche Standards dabei eingehalten wurden und welche Risiken drohen, liegt bei den Private Credits im Dunkeln.

Solange die Wirtschaft brummte, war das kein Problem. Doch nun, wo Wachstum und Jobmotor in den USA ins Stottern geraten, werden immer mehr der Kredite faul und platzen. Da inzwischen viele Regional- und Großbanken auf den Zug aufgesprungen sind, könnten sich die Ausfälle bei einem Crash großflächig im Finanzsystem verteilen wie 2008. "Die große Unbekannte ist: Wie groß ist der Schaden?", sorgt sich Ex-Fed-Aufseher Williams. "Dieser Markt ist nicht transparent, also können wir nur raten."

"Alarmsignale sind erschreckend ähnlich wie 2007"

Bislang hat die neue Kredit-Krise vor allem ein Epizentrum: Blue Owl Capital, eine der größten alternativen US-Investmentfirmen. Sie hat kürzlich Vermögenswerte in Höhe von 1,4 Mrd. Dollar liquidiert, um Anleger auszuzahlen. Die Rücknahme von Anteilen an einem ihrer Fonds wurde ausgesetzt, sodass Investoren nicht länger regelmäßig aussteigen können. Ein paar Wochen zuvor hatten Investoren mehr als 15 Prozent ihres Kapitals aus einem ihrer Tech-Fonds abgezogen. Seitdem ist die Blue-Owl-Aktie im Sinkflug und zieht auch andere Firmen der Private-Credit-Branche runter. Denn mit einem Vermögen von über 300 Milliarden Dollar spielt Blue Owl inzwischen in der gleichen Liga wie mittelgroße US-Banken oder Finanzfirmen wie American Express. Deshalb bekommen Investoren an der Börse das große Zittern, je mehr Blue Owl wackelt.

Die Finanzfirma steht wie keine zweite für den Boom der unregulierten Schattenkredite - und nun für die Krise. Noch vor wenigen Jahren hat sie Geld an Tiefkühlbäcker, Whiskybrennereien oder Pumpenhersteller verliehen. Dann begann sie, Milliardenfinanzierungen für KI-Rechenzentren zu stricken. Sie hat etwa das Geld für OpenAIs erstes "Stargate"-Flaggschiff im texanischen Abilene besorgt. Und das Rechenzentrum "Hyperion" des Meta-Konzerns - mit gut 30 Milliarden Dollar laut "Wall Street Journal" der größte private Schulden-Deal aller Zeiten.

Durch ihre beachtlichen KI-Engagements trägt die Firma ein doppeltes Risiko: Zum einen könnte das Wachstum, durch das sich die Billionen-Investitionen in Rechenpower rechnen sollen, hinter den Erwartungen zurückbleiben. Zum anderen könnten - wenn die KI-Wette aufgeht - traditionelle Software-Firmen, für die Blue Owl nach eigenen Angaben "wahrscheinlich der größte Geldgeber" ist, durch das disruptive Potential Künstlicher Intelligenz ins Wanken geraten - und mit ihnen Blue Owl selbst.

So oder so werden die Anleger zunehmend nervös. Seit Anfang 2025 haben die Aktien von Blue Owl fast 60 Prozent an Wert verloren, obwohl die Gewinne der Firma weiter sprudelten. "Die Alarmsignale im Bereich Private Credit sind erschreckend ähnlich wie die von 2007", zitiert "Bloomberg" den Chefstrategen eines Vermögensverwalters. Durch schlechteren Gläubigerschutz und undurchsichtige Liquiditätsklauseln gebe es eine wachsende "Diskrepanz zwischen dem, was Investoren glauben zu besitzen, und dem, was sie tatsächlich verkaufen können".

Wer jetzt bei Blue Owl aussteigen will, muss entweder warten. Oder schon jetzt Verluste schlucken. Hedgefonds-Manager Boaz Weinstein hat Investoren angeboten, ihre Anteile an drei Blue-Owl-Fonds aufzukaufen: mit einem Abschlag von 20 bis 35 Prozent.

Quelle: ntv.de

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