Wirtschaft

Die USA am Scheideweg Wie ein Land über seine Verhältnisse lebt

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Die Schuldenuhr tickt auch in den USA - und das immer schneller.

(Foto: REUTERS)

Die Schuldenproblematik der Eurozone mutet im Vergleich zum Defizitproblem der USA fast vernachlässigenswert an. Die US-Wirtschaft ist zwar zweitgrößter Exporteur der Welt, die Importe übersteigen die Ausfuhren aber deutlich. Das macht die Supermacht auch zum größten Schuldner auf dem Globus - und angreifbar. China weiß das.

Spitzenreiter der Weltökonomie - und auch auf dem Weltmarkt in der Topliga: Hinter Exportweltmeister China liegen die USA auf Platz zwei der größten Warenexporteure, inzwischen sogar vor dem einstigen Spitzenreiter Deutschland. Dahinter steht allerdings ein großes Aber.

Anders als bei Produkten "Made in Germany" reichen die US-amerikanischen Ausfuhren aus Kalifornien, Texas, Michigan und Co. bei weitem nicht aus, den noch viel größeren Strom an Einfuhren auszugleichen. Als Importweltmeister lebt die Supermacht damit ökonomisch weit über ihre Verhältnisse, genauso wie der US-amerikanische Staat, der mit riesigen Defiziten in einen gigantischen Schuldenberg aufgetürmt hat.

In Zahlen: Waren "Made in the U.S." wurden 2011 im Wert von fast 1497 Mrd. Dollar (rund 1157 Mrd. Euro) verkauft. Dagegen standen indes Wareneinfuhren im Wert von 2236 Mrd. Dollar. Unter dem Strich ergibt das ein Handelsbilanzdefizit von 738 Mrd. Dollar - ein Konsum, den die US-Wirtschaft eigentlich gar nicht finanzieren könnte. Für das laufende Jahr deutet sich inzwischen ein Rückgang an.

"Größter Schuldner der Weltwirtschaft"

Zum Vergleich: Das viel kleinere Deutschland führte 2011 fast genau so viel Waren aus (1060 Mrd. Euro). Das Importvolumen betrug aber nur 902 Mrd. Euro - so dass unter dem Strich ein satter Überschuss von 158 Mrd. Euro stand. Deutschland erwirtschaftet damit Geldzuflüsse, die es - anders als die US-Amerikaner - jenseits der eigenen Grenzen anlegen kann.

Das Spiel funktioniert seit Jahrzehnten nur, weil die US-Ökonomie das Geld von ausländischen Investoren geliehen bekommt. "Seit etwa dem Jahr 2000 haben die USA kein Auslandsvermögen mehr, sondern sind im Ausland verschuldet. Mittlerweile sind die USA der größte internationale Schuldner der Weltwirtschaft", erklärt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. "Die Vereinigten Staaten können sich das leisten, solange das Ausland bereit ist, dies zu finanzieren." Wie lange dieser "Vertrauenspuffer auf den Kapitalmärkten" anhalte, wisse allerdings niemand, auch die Notenbank Fed nicht.

Willkommen in der Finanzierungsfalle

Auch die Finanzmärkte spielten eine Rolle, wie Unicredit-Chefvolkswirt Andreas Rees erklärt: Aktienboom und Immobilienblase samt niedriger Zinsen hätten viele Verbraucher zum Konsum auf Pump verleitet. Das Platzen dieser Blase und die folgende Rezession sind indirekt auch in der Handelsstatistik ablesbar: 2009 brachen die US-Importe um mehr als ein Viertel ein, deutlich heftiger als die Ausfuhren. Das Handelsdefizit ging in diesem Jahr von 830 Mrd. im Vorjahr auf 506 Mrd. Dollar zurück.

Neben der Finanzierungsfalle birgt das Handelsdefizit noch ein zweites Problem: Weil Importe inländische Produkte verdrängen, tragen sie auch zum Abbau oder der Abwanderung heimischer Arbeitsplätze bei. Deswegen hat Präsident Barack Obama 2010 das Thema zur Chefsache gemacht und eine "nationale Exportinitiative" ausgerufen. Deren Ziel: Die US-amerikanischen Ausfuhren sollen bis Ende 2014 verdoppelt werden.

Gut ein Viertel der rasant gestiegenen US-Importe entfällt inzwischen auf Konsumartikel, die die Zulieferungen für die Industrie (inklusive Rohöl) inzwischen übersteigen. Auf ein knappes Drittel glatt verdoppelt hat sich zudem der Anteil von Investitionsgütern, wie etwa Maschinen, an den gesamten Einfuhren.

Im Dauerclinch mit China

Die wichtigsten Handelspartner der US-Amerikaner sind die beiden ölproduzierenden Nachbarn Mexiko und Kanada - sowie als Lieferant mit weitem Abstand China, das 2011 für rund 18 Prozent amerikanischer Einfuhren der Absender war. Das Riesenreich in Asien steht allein für gut 40 Prozent des US-Handelsbilanzdefizits gerade. Ein Grund, warum die USA seit Jahren mit Peking im Clinch liegen.

Der Vorwurf: China halte seine Währung künstlich billig und fördere damit seine Ausfuhren über Gebühr. Den Statistiken nach ist dies indes nur die halbe Wahrheit. Immerhin nimmt China inzwischen auch rund sieben Prozent der Ausfuhren aus den USA ab.

"Kauft amerikanisch"

Dennoch: Das US-Handelsbilanzdefizit ist - im aktuellen Ausmaß - ein relativ neues Phänomen. Zwar übersteigen die Importe schon seit Mitte der 70er Jahre die Exporte. Ursache war damals vor allem der Handel mit Öl und mit Autos. "Das Öldefizit ist vor allem auf den Ölpreisanstieg in den 1970er zurückzuführen, sowie auf die abnehmende Bedeutung der heimischen Förderung", analysiert Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner. "Die Probleme im Autohandel sind 'Made in Detroit'. Verfehlte Modellpolitik und Qualitätsmängel haben die Käufer in die Arme ausländischer Anbieter getrieben."

Auf den Straßen der USA spielen diese heutzutage eine noch größere Rolle als damals - allerdings nicht mehr als ausländische Lieferanten. Deutsche, japanische und südkoreanische Hersteller fertigen schon lange in den Vereinigten Staaten und betonen, dass der Großteil ihrer US-Modelle aus US-Produktion stamme, ein wichtiges Marketingargument in einem Land, in dem die Politik zunehmend die Losung "Buy American" ausgibt.

Renaissance der US-Industrie?

"Seit Anfang der 1990er hat vor allem das Defizit im Handel mit Konsumgütern (von Kleidung bis TV-Geräten) massiv zugenommen", so Weidensteiner. "Derartige Güter waren in den USA, wie in den meisten anderen fortgeschrittenen Industrienationen, nicht mehr wettbewerbsfähig herzustellen." Spiegelbild in der Handelsbilanz: Weit mehr als die Hälfte des Defizits entsteht im Handel mit Konsumartikeln.

"Mit der Integration Chinas, Indiens und der Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas in die Weltwirtschaft wurde der Faktor Arbeit viel reichlicher verfügbar", sagt auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. "Dies begünstigte eine Verlagerung arbeitsintensiver Produktionsprozesse in das Ausland."

Dabei ist die industrielle Basis in den USA deutlich stärker gebröckelt als zum Beispiel in Deutschland. Liegt der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der Wirtschaftsleistung in den USA bei rund 20 Prozent, sind es in Deutschland rund 28 Prozent - zulasten des expandierenden Dienstleistungssektors.

Mittlerweile sieht Weidensteiner aber verbesserte Aussichten. "Denn die US-Industrie hat erheblich Fortschritte in der Konkurrenzfähigkeit gemacht." Es gebe vermehrt Meldungen über das Zurückholen der Produktion ins eigene Land - einen Trend, den Obama mit Steuerernachlässen für Firmen unterstützt hat, die ausgelagerte Jobs wieder in die USA bringen. "Nicht unterschätzt werden sollte die aktuell stattfindende Revolution der Öl-/Gasförderungen in den USA. Neue Fördermethoden dürften die heimische Produktion deutlich steigen lassen."

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Quelle: ntv.de, Thomas Kaufner, dpa

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