Keine großen Ausfälle erwartetEU-Kommissar will US-Kerosin in Europa zulassen

Der Kerosinpreis geht durch die Decke, die ersten bangen um den Sommerurlaub. EU-Verkehrskommissar Tzitzokostas beruhigt: Noch seien keine großen Engpässe zu erwarten. Aber es gebe eine Reihe von Maßnahmen, die man ergreifen wolle, um Schlimmeres zu verhindern.
Wegen des Iran-Krieges wächst die Furcht vor Kerosin-Engpässen. Die EU-Kommission sieht aber keine Anzeichen für umfangreiche Flugausfälle in Europa im Sommer. EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas hat angesichts der Befürchtungen dennoch vorgeschlagen, mehr Kerosin aus den USA zu beschaffen. "Wir arbeiten daran, eine alternative Versorgung Europas mit Flugkraftstoff zu sichern, etwa mit Treibstoff vom Typ A aus den USA", sagte Tzitzikostas nach einer Videokonferenz der EU-Verkehrsminister. Die Kommission will am morgigen Mittwoch ein Paket vorlegen, das Wege aus der Energiekrise aufzeigt.
US-Treibstoff vom Typ A ist in der EU bisher nicht zugelassen. Es handelt sich dabei um den gängigen Flugzeugtreibstoff für nicht-militärische Maschinen. Die Kommission prüfe derzeit, welche Voraussetzungen es für eine zeitnahe Zulassung in der EU gebe, erklärte Tzitzikostas. Danach werde die Kommission eine Entscheidung treffen. Tzitzikostas kündigte außerdem ein Gremium an, das die Versorgung und die Vorräte an Treibstoffen in den 27 EU-Staaten überwachen soll, allen voran für Kerosin. Der Iran-Krieg habe aber "Auswirkungen auf alle Verkehrsmittel und alle Mitgliedstaaten", betonte er.
Tzitzikostas mahnte, die 27 Staaten müssten zusammenarbeiten, um "die Auswirkungen der steigenden Kosten auf Bürger und Unternehmen abzumildern". Die Kommission wolle den Verkehrssektor aber auch langfristig krisenfester machen. Es müsse mehr Kerosin aus alternativen Quellen wie den USA bezogen werden. Europa müsse sich vor allem durch ein schnelleres Hochfahren der Produktion nachhaltigen Flugkraftstoffs (SAF) langfristig unabhängiger von Öl machen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte vergangene Woche bereits eine Abkehr von Öl und Gas hin zu erneuerbaren Energien und Atomkraft gefordert.
EU will nur im Notfall an Reserven
Der Kommissar kündigte zudem Leitlinien zu Start- und Landerechten (Slots) der Airlines an Flughäfen, zur Betankungspraxis sowie zu Fluggastrechten an. Flugausfälle wegen Treibstoffmangels dürften demnach als außergewöhnliche Umstände gewertet werden, sodass Airlines ihre Fluggäste nicht entschädigen müssten.
Für die kommenden Wochen und Monate seien keine großen Ausfälle zu erwarten, erklärte Tzitzikostas. Europa verfüge über Kerosin-Notreserven, die jedoch nur im äußersten Notfall und unter voller Transparenz freigegeben würden, um Wettbewerbsverzerrungen auf nationaler Ebene zu vermeiden. Wenn die Blockade der für Ölexporte per Schiff wichtigen Straße von Hormus nicht aufgehoben werde, hätte das "katastrophale Folgen" für Europa und die Welt, sagte Tzitzikostas.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU hält die Versorgung derzeit ebenfalls für gesichert. Laut Reiches Ministerium hat Deutschland bereits 50.000 Tonnen Flugtreibstoff aus seinen strategischen Reserven freigegeben. Tzitzikostas mahnte am Montag, die Reserven müssten "bestmöglich eingesetzt werden". Die Freigaben werden auf EU-Ebene und in der Internationalen Energieagentur (IEA) koordiniert.
Kerosinpreis laut BDL mehr als verdoppelt
Die IEA sowie Fluggesellschaften hatten in den vergangenen Wochen vor Kerosinengpässen gewarnt. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) drängte wegen der hohen Preise auf Entlastungen, zum Beispiel eine zeitweise Aussetzung des Emissionshandels für den EU-Luftverkehr und der Luftverkehrssteuer.
Seit Beginn des Iran-Krieges hat sich der Kerosinpreis laut BDL mehr als verdoppelt. Europa importiert die Hälfte seines Kerosins normalerweise aus der Golfregion. Je länger die Blockade der Seestraße von Hormus anhält, desto stärker steigt das Risiko eines Engpasses.
Teheran und Washington haben Blockaden der Seestraße verhängt. Normalerweise wird dadurch weltweit ein Fünftel des Rohöls transportiert. Am Mittwoch endet eine zweiwöchige Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran. Gleichzeitig wachsen die Zweifel an einer Wiederaufnahme der Verhandlungen.