Fliegen wohl jahrelang teurerAuch Deutschland droht ein Kerosinmangel
Von Christina Lohner
Der hiesige Luftverkehr hat sich nicht vollständig von der Pandemie erholt. Nun steht die Branche vor neuen Einschnitten - die die Flugpläne nachhaltig verändern könnten.
Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt bereits seit Wochen vor einem möglichen Kerosinmangel in Europa. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche wiegelte bisher ab. Zum Wochenstart lud die Ministerin dann allerdings Branchenvertreter zu einem Gespräch über ebendieses Risiko. Die Gefahr von Engpässen ist längst real. Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt: "Deutschland steht derzeit nicht vor einem akuten Kerosin-Blackout, aber vor einer ernsthaften Stressprobe."
Die Lufthansa hat angesichts der hohen Kerosinpreise angekündigt, sechs betagte Langstreckenjets, die viel Treibstoff verbrauchen, stillzulegen. Neben den letzten vier Airbus A340-600 will die Airline ab Herbst auch zwei Jumbos vom Typ Boeing 747-400 ausmustern. Diese "größten Spritschleudern" nun stillzulegen, sei sinnvoll, sagt Branchenexperte Gerald Wissel im Gespräch mit ntv.de. "Zumal man zurzeit sowieso nicht alle Strecken nach Asien bedienen kann, weil man nicht davon ausgehen darf, vor Ort Kerosin für den Rückweg zu bekommen." Und mitnehmen lässt sich solch eine Kerosinmenge schlicht nicht.
In Asien, aber auch Australien mangelt es bereits an Kerosin. Ohne Tankmöglichkeit vor Ort könnten Betankungsstationen auf der Strecke weiterhin Flüge aus Deutschland ermöglichen, wie Branchenbeobachter Cord Schellenberg im Gespräch mit ntv.de ausführt. "Aber das verlängert natürlich die Flugzeiten, führt zu Mehrkosten für Zwischenlandungen, erhöht deutlich den Kerosinverbrauch und damit die Preise." Ob die Passagiere solche Zuschläge bezahlen würden? Eines ist in Schellenbergs Augen sicher: "Europa und Amerika sollten bei ihrer Kerosinversorgung wachsam sein."
"Mehrere europäische Länder könnten in den kommenden sechs Wochen einer beginnenden Knappheit von Kerosin gegenüberstehen", warnte die IEA vergangene Woche. Sie prognostiziert einen Mangel ab Juni, wenn Europa nur die Hälfte der Lieferungen aus dem Nahen Osten ersetzen kann.
Plan B für den Sommerurlaub
Großbritannien wäre Wissel zufolge wegen seiner höheren Abhängigkeit von Kerosin aus der Golfregion noch vor der EU von einem Mangel betroffen. Je nach Dauer des Iran-Kriegs würde jedoch auch hierzulande irgendwann Kerosin knapp. "Sollte sich der Krieg bis in den Juni ziehen, würde ich auf jeden Fall für die Sommerferien einen Plan B haben, falls ich weiter weg fliegen will", sagt Wissel. Während innereuropäische Flüge auch dann stattfinden dürften, sähe es bei weiten Strecken etwa in die Karibik oder eben Asien schon anders aus.
Deutschland produziert sein Kerosin zum Teil selbst, ist aber trotzdem von Importen abhängig. Nach Angaben des Energieverbands en2x wurden von den 2024 rund 9 Millionen Tonnen in Deutschland abgesetzten Kerosins rund 5,9 Millionen Tonnen importiert. In deutschen Raffinerien wurden demnach 4,8 Millionen Tonnen hergestellt, von denen 1,6 Millionen Tonnen exportiert wurden.
"Entscheidend sind zusätzliche Importe, etwa aus den USA, eine höhere Auslastung der Raffinerien sowie der Zugriff auf strategische Reserven", sagt DIW-Expertin Kemfert. "Die Bundesregierung kann hier koordinierend eingreifen, Importwege flexibilisieren und die Verteilung priorisieren."
Drei Viertel der europäischen Kerosin-Nettoimporte kamen laut IEA bisher aus dem Mittleren Osten. Ersatz-Kerosin kommt nach Angaben des Luftverkehrsverbandes BDL bislang vor allem aus den USA. Die Lieferungen könnten bislang jedoch nur rund die Hälfte der ausfallenden Mengen ersetzen.
Die EU-Kommission sah bisher allerdings keine Hinweise auf systemische Kraftstoffengpässe, die zu weitreichenden Flugausfällen führen würden. Der Markt sei mit der angespannten Lage zurechtgekommen. Man beobachte die Lage sehr genau, sagt eine Sprecherin. Sollte die Situation in der Straße von Hormus anhalten, bereite sich die EU auf koordinierte Maßnahmen vor.
"Bei weiten Strecken bringen auch die Reserven nichts"
Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) wie auch der europäische Airlineverband A4E schlagen eine enge staatliche Überwachung der vorhandenen Kerosin-Mengen vor. Zudem sollten nationale und europäische Reserven freigegeben werden. Helfen könnten zusätzliche Durchleitungsrechte für die sogenannte Nato-Pipeline, um die Flughäfen in Frankfurt, Köln, München und Zürich besser versorgen zu können. Die Branche will zudem von Steuern und Abgaben entlastet werden. Ein Vorschlag würde dabei zulasten der Passagiere gehen: Der BDL fordert, dass Flugausfälle oder Verspätungen aus Spritmangel als "außergewöhnliche Umstände" bewertet werden - bei denen dann keine Entschädigungen nach der EU-Passagierrechtsverordnung gezahlt werden müssten.
Auf Reserven wird bereits zugegriffen: Zur Stabilisierung der Märkte hat sich Deutschland an einer IEA-Freigabe strategischer Ölreserven beteiligt. Im Rahmen einer ersten Freigabe werden laut Ministerium bis Ende April unter anderem 50.000 Tonnen Kerosin sowie 400.000 Tonnen Rohöl und 150.000 Tonnen Diesel angeboten. Der Großteil der Reserven bleibt aber unangetastet.
Der Erdölbevorratungsverband (EBV) lagert demnach aktuell rund eine Million Tonnen Kerosin. Diese Menge würde sechs Wochen lang reichen. Auch die Reserven helfen allerdings nur für Flüge innerhalb Europas, wie Wissel klarstellt. "Denn auch hier gilt: Was bringt mir Kerosin in Europa, wenn ich in Asien oder den USA keinen Sprit mehr für den Rückflug bekomme?"
"Die Ticketpreise werden stark steigen"
Nicht nur ein Mangel an Kerosin könnte außerdem zum Wegfall von Flugverbindungen führen, sondern auch eine sinkende Nachfrage aufgrund der steigenden Preise. Der Ökonom Gabriel Felbermayr erwartet entsprechende Preissteigerungen: "Die Ticketpreise werden stark steigen, damit wird die Nachfrage nach Flugdienstleistungen zurückgehen", sagte der Wirtschaftsweise dem Deutschlandfunk. Die Preise für Kerosin haben sich seit Beginn des Krieges mehr als verdoppelt.
Unabhängig von der Kriegsdauer dürften die Kerosinpreise auch in Zukunft hoch bleiben, wie Luftfahrt-Experte Wissel erläutert. Zuerst muss sich der durch die Hormus-Blockade entstandene Tankerstau auflösen, vor allem aber ist Energieinfrastruktur zerstört, etwa in Katar. Die Reparatur wird teilweise Jahre dauern. "Das heißt, wir werden auch in den nächsten Jahren mit höheren Sprit- und Kerosinpreisen rechnen müssen", prognostiziert Wissel. "Knappheit erzeugt höhere Preise - Fliegen wird dadurch grundsätzlich teurer."
EU will gegensteuern
Die EU-Kommission will am Mittwoch ein Konzept zum Umgang mit der Ölkrise vorlegen. Die Importabhängigkeit von Kerosin aus dem Nahen Osten soll demnach verringert werden. Erstmals sollen zudem die Raffineriekapazitäten in der EU systematisch erfasst und ihre volle Auslastung sichergestellt werden.
Auch "grünes" Flugbenzin wird als Alternative wichtiger, ist bisher aber erst in geringen Mengen vorhanden. Weitere Punkte des EU-Plans sind das Sichern von Start- und Landerechten der Airlines, wenn sie nicht in der vorgeschriebenen Frequenz genutzt werden könnten. Außerdem könnte das Verbot, Vorräte an billigen Bezugsorten zu tanken und mitzuführen, gelockert werden.
"Am Ende zahlen vor allem Verbraucher die Rechnung dieser fossilen Krisenabhängigkeit", moniert DIW-Expertin Kemfert. "Das ist der Preis der verschleppten Energiewende."