Wirtschaft

Trotzige Treue bis zum Schluss Ein schwarzer Tag für Blackberry-Liebhaber

269752429.jpg

Dienste wie Whatsapp oder Instagram laufen bereits seit Jahren nicht mehr auf einem Blackberry.

(Foto: picture alliance/dpa/EUROPA PRESS)

Blackberry-Fans haben den Niedergang bereits über Jahre begleiten müssen. Seit wenigen Tagen werden "wichtige Funktionen" wie Anrufe, SMS und sogar Notrufe nicht mehr unterstützt. Ein Nachruf über das Ableben eines beliebten Gadgets - und eine untergegangene Work-Zivilisation.

Diese Nachricht wird nicht mehr allzu viele Menschen betrüben, aber Anfang der Woche war ein schwarzer Tag für die wenigen, die noch immer ihr altes BlackBerry nutzten: Laut der End-of-Life-Page von BlackBerry kann seit dem 4. Januar 2022 nicht mehr gewährleistet werden, dass "wichtige Funktionen" unterstützt werden.

Dazu zählen unter anderem: Anrufe, SMS, sogar der Notruf. Tja. Dass andere Dienste wie Whatsapp, Instagram oder überhaupt alles seit 2013 erfundene seit Jahren nicht mehr laufen, versteht sich von selbst. Dass die wenigsten sich überhaupt noch an BlackBerry als Hardware-Hersteller erinnern, leider auch.

Für uns, die trotzig dem legendären Gerät die Treue gehalten haben, ist es lediglich der letzte Schlag. Der Tod kam daher auch nicht überraschend. Wir haben den Niedergang ja über Jahre begleiten müssen. Im Ernst: Wir haben schlimme Jahre hinter uns.

Alles folgte einem großen Notfallplan

Wir haben mitbekommen, dass 2019 der BlackBerry Messenger abgeschaltet wurde, eine Art iMessage für BB-Nutzer. Der Messenger verströmte anfangs immer das Gefühl von Eingeweihtsein, von Digital-Geplauder unter McKinsey- und Goldman Sachs-Power-Pros. Später dann - auch die Wall Street nutzte irgendwann das iPhone - war es im Messenger deprimierender als auf Zombie-Plattformen wie MySpace oder Facebook.

Kurz darauf schaffte man gleich den ganzen App-Store ab. Auch das war zu verschmerzen. In dem tummelte sich ohnehin nur krudes Zeug. Völlig verständlich: Wer will auch für eine Plattform entwickeln, deren User völlig zufrieden damit sind, mit Telefon, SMS, Email und Kalender alles Notwendige bereits zu haben?

Mich als Fanboy mag das Ende ja traurig machen, aber für das Unternehmen selber folgte alles einem großen Notfallplan: Bereits 2016 hat CEO John Chen verkündet, dass die Wende hin zum reinen Software-Unternehmen vollzogen sei. BlackBerry stellte sich seitdem als Cybersecurity-Unternehmen auf. Uneinholbar war der Vorsprung, den Apple und Android-Geräte dem First-Mover im Hardware-Bereich voraus hatten.

BlackBerry war früh Synonym von Work Anywhere

Innovator's Dilemma hin, Disruption von außen her - Chen hatte das verstanden. Er hat dann Lizenzen an Drittunternehmen herausgegeben, damit die unter dem Namen BlackBerry neue Geräte mit Tastatur bauen, die auf Android liefen. Das Ergebnis waren uninteressante, uninspirierende Dinger, die viel zu große Screens hatten und deren Tastatur sich fast schamhaft verbergen ließ. Igitt.

Aber Chen hatte natürlich den richtigen Riecher, und die solide Geschäftsentwicklung von BlackBerry seitdem belegt das. Er war aber auch eben ein Turnaround-CEO, nicht der größte Fan des Geräts. Die Ehre gebührt Jim Balsillie, Kopf hinter dem Unternehmen RIM, das BlackBerry produzierte und in Spitzenzeiten über 20 Milliarden Dollar jährlich reinholte - im Vergleich zu den jetzigen Umsätzen von Apple natürlich alles Kinderkram. Aber Balsillie schaffte es, BlackBerry früh zum Synonym von Work Anywhere zu machen.

Balsillie gelang noch etwas anderes: als leicht Irrer auf den CEO-Posten zu kommen. Er versuchte jahrelang erfolglos, mit seinen RIM-Milliarden ein Profi-NHL-Eishockeyteam in die kanadische Industriestadt Hamilton zu holen, sprach dazu mehrmals beim Premierminister vor, schaltete landesweit Lobby-Anzeigen in Zeitungen. Balsillie träumte in groben Zügen den Lizenz-Deal voraus, den Chen dann Jahre später umsetzte. Er war eine Art Musk-Light, lange bevor Musk sich selber als Technoking erfand.

Klein, leicht, Laser-Fokus auf relevante Kommunikation

Balsillie sagte einmal, dass er sein BlackBerry Bold 9900 mit ins Grab nehmen werde, weil ihm mit dem Gerät das perfekte Gadget gelungen sei. Er hatte recht: Es war wirklich ziemlich perfekt. Und jetzt geht sein Gerät und dessen Betriebssystem eben vor ihm ins Grab. Sadface. Für Menschen, die in den Nuller Jahren die Arbeitswelt betraten, war es der inoffizielle Ausweis der Workforce. Endlich per Gadget in die Erwachsenenverkleidung geschlüpft. Endlich Geldverdiener.

Das Seltsame ist: Ich glaube fest daran, dass es gerade heute einen Markt für ein Gerät wie das Bold 9900 gibt. Klein, leicht, Laser-Fokus auf relevante Kommunikation. Welcher Konzern träumt für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht von einem Gerät, mit dem sich unterwegs vor allem eines - und nur eines - erledigen lässt: schlicht Arbeit.

Nicht, dass nicht zwischendurch immer mal ein kleiner Schimmer Hoffnung strahlte. Etwa als Kim Kardashian vor ein paar Jahren behauptet hat, stets ein paar Exemplare des Bold 9900 auf Vorrat herumliegen zu haben, weil sie es so mag. Auf Vorrat! Konnte man sonst nichts mit ihr anfangen, hier war sie die Schwester im Geiste. Oder dass Barack Obama sich angeblich nur widerwillig vom Bold 9900 trennte - Hope!

Ab in den wohlverdienten Ruhestand

Hoffnung muss nun von anderen kommen. Etwa von einem US-Unternehmen namens Onward Mobility. Die Firma aus Texas wollte eigentlich schon im Sommer 2021 ein BlackBerry-Gerät auf den Markt bringen. Viel passiert ist seit den Verkündungen dann allerdings nicht mehr. Noch immer kann man sich auf der Homepage auf eine Warteliste setzen, mehr nicht.

Passend auch, dass der Fan-Blog crackberry.com dann gestern einen Eigentümerwechsel verkündet hat. Crackberry hat die letzten fast 20 Jahre einer Community aus liebenswürdigen Tech-Gestrigen jede winzige Fantasie-Meldung aus dem Tasten-Phone-Kosmos kommentieren und diskutieren lassen. Jetzt will man sich neu aufstellen. Als was, bleibt noch ein Geheimnis.

Na gut. Einmal noch mit dem Daumen über die wunderbare Klicki-Klick-Tastatur fahren und dann ab in den wohlverdienten Ruhestand: als Artefakt einer vergangenen Welt der Arbeit auf meinem Schreibtisch. Leb wohl, BlackBerry. Qwertz!

Dieser Artikel ist zuerst bei Business Punk erschienen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen