Wirtschaft

Deutscher jahrelang in Haft Einstiger Finanzstar schildert Folter in China

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Auf dem Gipfel: Rother 2010 in Shenzen bei der Eröffnung seines Luxusauto-Showrooms.

(Foto: Edel Books)

Robert Rother fühlt sich unangreifbar in China. Der als Finanzgenie gefeierte Deutsche donnert im Ferrari über die Autobahn zu Bordellbesuchen, besoffen und ohne Führerschein. Doch auch Geld und korrupte Freunde schützten ihn nicht davor, China von seiner schlimmsten Seite kennenzulernen.

So ein Kotzbrocken! Gewöhnlich haben autobiografische Bücher die Tendenz, den Protagonisten und Autor in positivem Licht erscheinen zu lassen - ganz anders Robert Rothers "Drachenjahre". Die Schilderungen jahrelanger Misshandlungen in chinesischer Haft erregen beim Leser zwar Entsetzen und Mitleid mit dem gefallenen Finanzgenie und vor allem seinen Mithäftlingen, denen es teils noch übler erging. Den Versuch, um Sympathie zu werben für sein altes Ich vor der Haft, unternimmt Rother gar nicht erst. Er entwirft schonungslos und ausführlich das Bild, oder eher die Karikatur eines geldgeilen, skrupellosen Finanzjongleurs.

In den 90er-Jahren, als Schüler eines Gymnasiums am Rande des Ruhrgebiets, beginnt Rother, sich für die Börse zu interessieren. Er spekuliert, tradet - zunächst noch übers Münztelefon in der Schule -, wird mit 17 Teilhaber einer Investmentfirma. In den Medien tritt er als Finanzwunderkind auf. Auch bei ntv ist er zu sehen. Schon damals ist nach eigener Darstellung sein einziges Ziel: Geld, sehr viel Geld - vor allem mehr Geld als alle anderen, denen er "es zeigen" will.

Diese Karriere, die in Deutschland in Zeiten des Dotcom-Booms und auch danach gut funktioniert, lässt sich in China, wo der damalige Turbokapitalismus in Kombination mit der in alle Lebensbereiche durchdringenden Korruption einen Goldrausch ausgelöst hat, noch steigern. Wer sich mit dem Finanzmarkt auskennt, über Ehrgeiz und Geschick verfügt und sich für die Folgen des eigenen Handelns für andere null interessiert, wie Rother im Nachhinein offen bekennt, für den scheint es in China in dieser Zeit keine Grenzen zu geben. Zweimal fällt der junge Deutsche in Fernost mit seinen Geschäften an oder jenseits der Grenze zur Legalität auf die Nase, nur um danach an einem noch größeren Rad zu drehen. Mit dem Ferrari donnert er nachts besoffen ohne Führerschein über die Autobahn zu Bordellbesuchen. Korrupte Beamte, deren teils illegales Geld er verwaltet oder deren Ferraris in seiner Werkstatt repariert werden, sorgen dafür, dass lange niemand Rother stoppt - wie bunt er es auch treibt.

Suizidversuch in U-Haft

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"Drachenjahre" von Robert Rother ist bei Edel Books erschienen.

(Foto: Edel Books)

Doch das Gefühl, unantastbar zu sein, ist eine gewaltige Täuschung. "Ich war unsagbar dämlich und litt - wie gesagt - in meiner Blase an maßloser Selbstüberschätzung", schreibt Rother in "Drachenjahre". Völlig überraschend für ihn selbst wird er 2011 verhaftet. Seiner eigenen Darstellung zufolge wird ihm zum Verhängnis, dass er unter anderem ein Finanzanalysehaus aufgebaut hat, dessen Experten für professionelle Anleger in aller Welt die chinesische Wirtschaft unabhängig beleuchten, das heißt, ohne sich um die Zensur zu scheren. Doch im Prozess, der ihm gemacht wird, spielt das ebenso wenig eine Rolle wie seine vielen tatsächlichen Gesetzesübertritte.

Der eingebildeten Allmacht folgt die reale Ohnmacht. Über drei Jahre sitzt Rother in Untersuchungshaft. Lange erhebt die Staatsanwaltschaft gar keine konkreten Vorwürfe, dann wird er wegen "Vertragsbetrugs in hohem Maße" mittels eines angeblichen Schneeballsystems zu acht Jahren Haft verurteilt. Rother beteuert, dass dieser Vorwurf jeder Grundlage entbehre. Doch während des Verfahrens lernt er, dass das für die chinesische Justiz irrelevant ist - ebenso wie die Eingaben seines Anwalts oder Appelle einer christlichen Menschenrechtsorganisation. Die Anwesenheit deutscher Diplomaten dürfte immerhin dazu beigetragen haben, dass seine Strafe nicht noch viel höher ausfällt. Todesurteile für Wirtschaftsverbrechen waren in dieser Zeit in China durchaus möglich.

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Nach der Urteilsverkündung bemühte sich Rother, nach außen unerschütterlich zu wirken. Sein Lächeln wirkte aber nach eigener Einschätzung "grenzdebil".

(Foto: Edel Books)

Die Zustände im Untersuchungsgefängnis sind in jeder Hinsicht so unerträglich, dass Rother plant, sich umzubringen. Seine Mutter überzeugt ihn jedoch, nicht aufzugeben. Mehrfach erlebt er, wie Mithäftlinge, offenbar schwer misshandelt und medikamentös ruhiggestellt, zur Hinrichtung gebracht werden.

Folter auf dem "Eisernen Stuhl"

Was Rother zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Das Strafgefängnis von Dongguan, in dem er den Rest seiner Haftstrafe absitzen muss, ist noch viel schlimmer. Hygiene, Essens- und Gesundheitsversorgung sind noch katastrophaler. Die Häftlinge müssen harte Zwangsarbeit verrichten. "Jeden beschissenen Tag", schreibt Rother, fummelt er "beschissenen Draht durch beschissene Ringe. Hunderte, Tausende, Zehntausende". Die "Knastfabrik" stellt daraus Hochfrequenztransformatoren her. Der Willkür der Aufseher sind kaum Grenzen gesetzt. Auch am eigenen Leib erlebt Rother Gewalt und Folter, wenn auch nicht in demselben Ausmaß wie viele chinesische Gefangene, denen unter anderem mit Elektroschockern "das Gehirn frittiert" wird.

Rother mutiert nach eigener Darstellung zumindest äußerlich zu einem empathielosen "Roboter". Mitleid oder gar offen gezeigte Solidarität mit misshandelten Mithäftlingen kann sich in diesem erbarmungslosen System niemand leisten. "Ich lief vorbei an Folteropfern mit schmerzverzerrten Gesichtern - und registrierte ihre Qualen wie ein Buchhalter den Eingang einer Rechnung", schreibt Rother. "Dabei war mir glasklar, welch fundamentales Unrecht hier geschah. Folter ist ein eindeutiger Verstoß gegen die Menschenrechte. Doch was hätte ich tun können? Schreien? Randalieren?". Er wäre lediglich wohl selbst auf dem "Eisernen Stuhl", einem häufig verwendeten Folterinstrument, gelandet.

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Mit seinem Augenzeugenbericht "Drachenjahre" will Rother diesen während der Haft unmöglichen Widerstand in gewisser Weise nachholen. Er fühle sich seinen "Freunden im Gefängnis gegenüber verpflichtet, die Wahrheit ans Licht zu bringen". Das gelingt eindrucksvoll und ist ein Verdienst. Doch die Stärke des Buches - Rothers authentische Schilderungen ausschließlich aus eigenem Erleben - ist auch seine Schwäche. Eine Einordnung dieser Erlebnisse findet nur rudimentär statt. Hintergrundwissen über systematische Menschenrechtsverletzungen in China und die bis in die Staatsspitze reichende Korruption muss der Leser selbst mitbringen oder recherchieren. Dafür weckt der viele Platz, den Rother seinem spektakulären Vorleben als Investmenthallodri einräumt, den Verdacht, dass er trotz aller Reue immer noch ein bisschen Stolz ist auf die "tollen Dinger", die er damals gedreht hat. Die Reflexion, dass die verheerende Korruption, zu deren Ausbreitung er aktiv beigetragen hat, dieselbe ist, unter der er vor Gericht und im Gefängnis litt, ist nicht erkennbar.

Quelle: ntv.de