Wirtschaft

Virtueller Pass soll Geld anlocken Estland erfindet den E-Bürger

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Estland will mit dem E-Pass vor allem Firmen anlocken.

(Foto: REUTERS)

Flächenmäßig gehört Estland zu den kleinsten Staaten in der EU. Beim E-Government ist der baltische Staat aber ganz groß. Er bietet als erster weltweit einen E-Pass an. Was interessant für die Wirtschaft ist, ist nicht völlig ohne Risiko.

Für nur 50 Euro kann bald jeder Este werden - genauer gesagt: E-Este. Das kleine baltische Land bietet ab Dezember in einer weltweiten Premiere eine Art elektronische Aufenthaltsgenehmigung an. Sie erlaubt es dem Inhaber, zahlreiche Behördengänge im Land von jedem beliebigen Ort aus abzuwickeln. Zielgruppe sind Unternehmer. Das Projekt soll den Staat zur globalen Supermacht in Sachen elektronischer Geschäftstätigkeit machen.

"Die estnische Wirtschaft hat die Grenzen dessen erreicht, was mit Einsparungen und Effizienz zu machen ist", sagt Regierungssprecher Taavi Kotka. Deshalb müssten nun verstärkt ausländische Firmen angeworben werden. "Wir bieten ihnen ein Umfeld, in der Geschäftstätigkeit und Verwaltungsaufgaben unkompliziert abgewickelt werden können - und einen Eingang zur EU", erläutert Kotka, der früher selbst in der IT-Branche tätig war.

Dreh- und Angelpunkt ist die sogenannte E-Residenz. Dabei handelt es sich um einen digitalen Ausweis, der dem Inhaber Zugang zu zahlreichen Behördenangeboten via Internet gibt. So lassen sich in großem Umfang Zeit und Kosten sparen. Das digitale Dokument kostet lediglich 50 Euro. Wer es haben will, muss eine Verbindung zu Estland darlegen oder anderweitig erklären, warum die E-Residenz für ihn wichtig ist. Zudem muss der Bewerber einmal nach Estland reisen, um biometrische Daten wie etwa Fingerabdrücke abzugeben. Schon bald, möglicherweise im Laufe des nächsten Jahres, soll dies aber auch in den estnischen Botschaften möglich sein.

Interessant für Firmengründer

Nach Erhalt des digitalen Ausweises - der nichts mit einer vollständigen Staatsbürgerschaft zu tun hat - stehen dem Inhaber die elektronischen Behördengänge offen, die für die Esten bereits seit 2002 Alltag sind. Estland ist hier deutlich weiter als die meisten anderen Länder, die Bürger können sogar online wählen. 95 Prozent der Esten machen ihre Steuererklärung online, weit verbreitet ist auch die Verwendung von elektronischen Signaturen, die in der ganzen EU anerkannt werden. Wer eine Firma gründen möchte, kann dies ebenfalls via Internet tun. Ein paar Mausklicks und Tastatureingaben reichen, das Ganze dauert nur eine Stunde.

Offiziellen Angaben zufolge haben bereits fast 10.000 Menschen Interesse am E-Ausweis angemeldet - ein Drittel von ihnen kommt aus den USA, andere kommen aus Finnland, Russland, Großbritannien, Kanada, Indien und Bangladesch. Als erstes könnten allerdings die rund 7600 mehrheitlich ausländischen Anteilseignern gehörenden Firmen profitieren, die bereits in Estland aktiv sind. Diese sorgen für rund 60 Prozent der estnischen Exporte und etwa 36 Prozent der Jobs im Land.

Die starke Nutzung des Internets für Geschäfts- und Verwaltungsvorgänge lässt Befürchtungen über Hacker, Datenmissbrauch und Betrug aufkeimen. Doch offiziellen Angaben zufolge wurde das System der E-Verwaltung bisher weder gehackt noch missbraucht. Verwendet werden unter anderem eine schwer zu knackende 2048-Bit-Verschlüsselung und eine doppelte PIN-Abfrage für Transaktionen.

Der Sprecher des Innenministeriums, Mihkel Loide, räumt ein, dass der E-Ausweis zwar keine neuen Risiken bringe, aber die bereits bestehenden verstärken könne. "Die estnische Regierung übernimmt die Verantwortung dafür, Menschen korrekt zu identifizieren, so dass sie im Fall von Zweifeln die Ausgabe des Ausweises verweigern wird", versichert er. Notfalls kann der E-Ausweis wieder entzogen werden - nötig ist auch dafür nur ein Mausklick.

Quelle: ntv.de, ddi/AFP