Wirtschaft

Kaputtgespart für die Börse Die Bahn auf dem Holzweg

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Der Mitarbeiter kam in den letzten Jahren zu kurz bei der Bahn.

(Foto: dpa)

"Hier wurde offensichtlich falsch gespart. Das rächt sich jetzt", kommentiert nicht nur SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück die Mainzer Chaostage bei der Bahn. Aus ihnen lässt sich eine einfache Lehre ziehen: Was nützen die schönsten Renditen, wenn der Geschäftszweck nicht mehr zu 100 Prozent erfüllt werden kann?

Manchmal ist es eine kleine, nachgebende Schraube, die ein ganzes Konstrukt zum Einsturz bringen kann. Im aktuellen Bahndebakel in Mainz haben es einige wenige Stellwerkmitarbeiter durch schlichte Krankheit oder Urlaub geschafft, bundesweite Aufmerksamkeit auf ein Proble m der Bahn zu lenken, ja, gar "Deutschland als Hochtechnologie-Standort weltweit zu blamieren", wie der rheinland-pfälzische Infrastrukturminister Roger Lewentz findet.

Ob man den Fokus gleich so weit ziehen will, ist Geschmackssache. Doch das Debakel um den Mainzer Hauptbahnhof ist ein Lehrstück für ein verantwortungsbewusstes Abwägen zwischen saftigen Erträgen und den notwendigen Investitionen in das eigene Unternehmen. Die dünne Personaldecke, die zu den aktuellen Zugausfällen in Mainz führt, ist unter anderem einer Überalterung des Personals und einem chronischem Nachwuchsmangel geschuldet. Beide Probleme geht die Bahn derzeit zwar an, aber eindeutig zu spät. Die heißeste Spur führt jedoch in die Mehdorn-Ära. Als Hartmut Mehdorn 1999 Bahnchef wurde, erhielt er einen eindeutigen politischen Auftrag: Er sollte die Bahn börsenfähig machen. Diesem Ziel ordnete Mehdorn alles andere unter und schickte die Bahn auf einen straffen Sparkurs.

Über Jahre baute der Konzern gerade in der Netz-Sparte jährlich Tausende Stellen ab. Gleichzeitig wurden die Stellwerke wegen verzögerter Investitionen im Zuge des geplanten Börsengangs 2008 langsamer als zunächst vorgesehen durch moderne vollelektronische erset zt. Die so erhoffte Personalentlastung ließ damit auf sich warten. Doch auf dem Papier brachten die Maßnahmen den erwünschten Erfolg – die Zahlen sehen glänzend aus. Im Jahr 2012 verbuchte die Bahn einen Rekordgewinn von 1,5 Milliarden Euro. Wichtigster Gewinnlieferant? Die Netz-Sparte.

Dass das Streichen von Kosten alleine jedoch kein Erfolgsrezept ist, zeigt das Desaster, in das die Bahn in Mainz reingerutscht ist. Und auch dem Bund wird eine Mitschuld zugewiesen: "Verkehrsminister Peter Ramsauer hat durchgehend versagt", sagt etwa Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Beim Sparkurs für die Bahn habe er vergessen, dass es Menschen brauche, wenn Züge fahren. Auch die Praxis des Bundes, für den eigenen Haushalt Geld bei der Bahn abzuschöpfen, steht in der Kritik.

Nun will die Bahn beweisen, dass sie lernfähig ist. Bahnchef Grube ging mit gutem Beispiel voran und brach gleich mal seinen eigenen Urlaub ab, um an den Krisengesprächen teilzunehmen. Ob jetzt aber bei der Bahn ein wirkliches Umdenken einsetzt, ist fraglich. Denn selbst das Thema Börsengang ist noch nicht vom Tisch, sondern etwa für FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle "zum richtigen Zeitpunkt immer noch überlegenswert." Die Stellwerker müssen sich jedenfalls nicht mehr als bloßes Rädchen im Getriebe fühlen. Politischer war ein Sommerurlaub nie. 

Quelle: ntv.de

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