Wirtschaft

SAS-Chef über Greta-Effekt "Flugscham schadet Luftfahrt nicht"

In Schweden steigen immer mehr Reisende auf die Eisenbahn um. Auch wegen Greta Thunberg verzichten die Menschen häufiger aufs Fliegen. Im Interview mit n-tv.de erklärt SAS-Chef Rickard Gustafson, wie seine Airline sich um mehr Nachhaltigkeit bemüht und warum Regulierungen nicht die Lösung sein können.

n-tv.de: Der CO2-Ausstoß aller Fluggesellschaften macht rund 2,8 Prozent der von Menschen verursachten CO2-Emissionen aus. Können wir der Umwelt zuliebe nicht zumindest aufs Fliegen verzichten?

Rickard Gustafson: Wenn wir nicht mehr fliegen, würde unsere Gesellschaft ziemlich schnell kollabieren und unsere Wirtschaft zum Stillstand kommen. Die Länder würden sich abschotten. Es wäre ein Desaster. Nichtsdestotrotz bin ich mir bewusst, dass Fliegen nachhaltiger werden muss. Wir müssen unseren CO2-Fußabdruck reduzieren.

Im ersten Quartal sind die Passagierzahlen in Schweden um fünf Prozent gesunken. Warum?

In Schweden wird sehr heftig über den Klimawandel diskutiert. Die Menschen wollen Verantwortung übernehmen. Sie sind sich ihres ökologischen Fußabdrucks bewusst. Wenn wir uns Schweden angucken, stimmt es zwar, dass weniger Menschen fliegen. Bei SAS sind die Passagierzahlen übrigens trotz dieser Entwicklung konstant geblieben. Ich hoffe, dass ein Grund dafür die Ernsthaftigkeit ist, mit der wir nachhaltige Themen angehen und unsere Kunden sehen, dass wir etwas tun, um unsere Emissionen zu senken. SAS will in dieser Diskussion die Führung übernehmen.

In Schweden steigen immer mehr Reisende auf die Eisenbahn um. Inwiefern ist dafür der sogenannte Greta-Effekt verantwortlich?

Einen einzelnen Effekt bei dieser Thematik hervorzuheben, ist schwierig. Aber sicher, die Entscheidung für den Zug hat bestimmt auch mit Greta Thunbergs Engagement zu tun.

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SAS-CEO Rickard Gustafson.

Glauben Sie, dass die neue Flugscham der Luftfahrt schaden wird?

Wir dürfen nicht vergessen, wie sehr die Menschen von der Luftfahrt profitieren. Die Welt funktioniert nicht ohne eine gute Infrastruktur. Deswegen glaube ich auch nicht, dass die Flugscham der Luftfahrt wirklich schaden wird. Allerdings glaube ich schon, dass sie uns zwingt, noch aggressiver und schneller nachhaltige Alternativen auf den Weg zu bringen.

Die Passagierzahlen in Deutschland geben Ihnen recht. Die Fluglust der Deutschen ist ungebrochen. Der Markt wächst ...

Und ich hoffe, dass der Markt weiter wachsen wird. Immer mehr Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, unsere Welt zu erkunden. Das kann und wird aber nicht passieren, wenn die Luftfahrt nicht nachhaltiger wird. Wir müssen glaubhaft vermitteln, dass wir bestrebt sind, etwas zu ändern.

Und das bedeutet konkret?

Wir ersetzen ineffiziente Flugzeuge durch effizientere. Unsere Passagiere können bereits vor Flugantritt ihr Essen wählen, dadurch reduzieren wir das Gewicht an Bord. Das Flugzeug verbraucht so weniger Kerosin. Aus demselben Grund haben wir das steuerfreie Einkaufen an Bord eingestellt. Denn warum sollen wir schwere Flaschen durch die Luft fliegen, wenn Alkohol auch nach der Ankunft am Flughafen erworben werden kann?

Das allein wird aber nicht reichen. Umweltschützer rufen längst nach einer Regulierung des Luftverkehrs.

Das kann nicht die Lösung sein. Wir müssen viel mehr in eine neue Generation von Flugzeugen investieren. Deswegen erforschen wir mit Airbus auch Hybrid- und Elektroflugzeuge. Bevor diese Flugzeuge kommerziell nutzbar sind, wird viel Zeit vergehen. Doch wir erhoffen uns davon einen Wettbewerbsvorteil.

Bis 2030 will SAS die CO2-Emissionen pro Passagier-Kilometer um 25 Prozent senken. Mittelfristig soll mehr Bio-Treibstoff eingesetzt werden. Allerdings deckt das Angebot momentan nur ein Prozent des Bedarfs.

Es ist ganz klar, dass in Zukunft mehr Produktionsstätten entstehen müssen. Um Investoren zu gewinnen, muss die Politik die Rahmenbedingungen schaffen. Wir sind gleichzeitig mit Forschungsinstituten im Austausch, um herauszufinden, wie der Produktionsprozess optimiert werden kann.

Warum investiert die Luftfahrt nicht mehr in synthetischen Kraftstoff?

Die Branche alleine kann das nicht leisten. Die Luftfahrt ist ein äußerst umkämpfter Markt. Das Geld für die Erforschung von synthetischen Kraftstoffen muss woanders herkommen. Wir als Fluggesellschaft können uns hingegen gerne einklinken und entsprechende Business-Modelle entwickeln oder kommerzielle Nutzungsmöglichkeiten entwickeln.

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Steuern auf Flüge könnten wirksam die Umweltbelastung, die durch den Luftverkehr entsteht, reduzieren. Was halten Sie davon?

Ich bin kein Fan von zusätzlichen Steuern oder Gebühren. In erster Linie würde dadurch die Gewinnspanne reduziert werden. Wir sind aber von den Gewinnen abhängig, um diese anschließend wieder in zukunftsorientierte und nachhaltige Technologien zu reinvestieren. Erst wenn wir auf gesamteuropäischer oder sogar globaler Ebene Wege finden, wie wir gemeinsame finanzielle Mittel intelligent investieren, sind wir auf dem richtigen Weg. Ich bin mir darüber im Klaren, dass wir noch viel mehr machen müssen. Aber immerhin haben wir aggressive und erreichbare Ziele gesetzt, die nicht zu fern in der Zukunft liegen. Wir versuchen das Abkommen von Paris umzusetzen.

Haben Sie persönlich Ihre Gewohnheiten geändert?

Ich kann schlecht an jeden Ort mit dem Zug fahren. Erst heute bin ich von Stockholm nach Frankfurt geflogen. Wenn die Zeit knapp ist, ist die Eisenbahn keine Alternative. Aber ich fahre inzwischen ein Hybrid-Auto, achte darauf, was für Lebensmittel ich kaufe und versuche möglichst wenig Plastik zu verbrauchen.

Mit Rickard Gustafson sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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