Wirtschaft

Ein Jahr nach Absturz Fragen zum Tod des Unister-Chefs offen

Thomas Wagner, Chef des Leipziger Unternehmens Unister:  Die Unister-Holding aus Leipzig beschäftigt 1600 Mitarbeiter und verdient seit 10 Jahren Geld mit Online-Portalen zur Reisen- und Flugbuchung, Partnerwahl, Einkaufen oder Kreditvermittlung. Foto: Jan Woitas

Thomas Wagner, Gründer des Leipziger Unternehmens Unister. Foto: Jan Woitas

Es ist Stoff für einen Krimi: der Aufstieg und Fall des deutschen Internetpioniers Thomas Wagner. Mit seiner Firma Unister wagt er zwielichtige Machenschaften und wird selbst Opfer von Betrügern. Am Ende kommt er unter tragischen Umständen ums Leben.

Genau ein Jahr ist es her, dass der Chef des Leipziger Internetkonzerns Unister, Thomas Wagner, beim Absturz eines Kleinflugzeugs in Slowenien starb. Er wurde gerade mal 38 Jahre alt. Am Tag vor dem Unglück hatte Wagner in einem Hotel bei Venedig den mutmaßlichen Millionenbetrüger "Levy Vass" getroffen. Von ihm hatte er sich einen Kredit über 15 Millionen Euro erhofft. Am Ende war Wagner 1,5 Millionen Euro ärmer - und behielt einen Koffer voller Falschgeld zurück.

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(Foto: picture alliance / Igor Kupljeni)

Diese Episode ist das Finale einer anfänglichen Erfolgsstory, die zum Drama wurde. Anfang der 2000er-Jahre, zu Beginn des Internetzeitalters, gründete der BWL-Student Wagner im Alter von erst 23 Jahren mit vier Freunden das Internetportal Unister - zunächst als Online-Tauschbörse für Seminar- und Diplomarbeiten.

Doch die Sache wuchs mit der Zeit: Wagner hatte ein Händchen dafür, Websites bei Google optimal zu platzieren und zu vermarkten. Er kaufte Domains mit markanten Namen wie auto.de, geld.de oder shopping.de. Die erfolgreichsten Projekte wurden schließlich ab-in-den-urlaub.de und fluege.de.

Tricksen und Täuschen

Im Jahr 2010 machte Unister bereits 227 Millionen Euro Umsatz und hatte 1700 Mitarbeiter. Das Unternehmen galt lange als größter deutscher Betreiber kommerzieller Websites. Zu Spitzenzeiten vermittelte Unister Flüge, Urlaubsreisen und Mietwagen im Wert von fast zwei Milliarden Euro im Jahr. Das Geschäftsmodell: Für jede vermittelte Reise kassierte Unister eine Provision vom Reiseveranstalter.

Sein Erfolg hatte jedoch auch einen Haken: Er wurde auf dem Rücken der Verbraucher erkauft. Die Reiseportale griffen auf Praktiken zurück, bei denen Kunden der endgültige - letztendlich höhere - Preis ihrer Reise erst am Ende der Buchung präsentiert wurde. Denn während des Buchungsvorgangs kamen immer weitere Entgelte hinzu.

Auch wurde auf den Websites mit vermeintlichen Verbraucherschutz- und Gütesiegeln um das Vertrauen der Kunden geworben – die Siegel stammten jedoch von privaten Dienstleistern. Die eigentliche Verbraucherzentrale hingegen warnte vor dem Reiseportal fluege.de. Die "Wirtschaftswoche" schrieb einmal über Unister, das Unternehmen bewege sich "mit seinem Geschäftsgebaren oft im legalen Graubereich".

Drei Ex-Manager vor Gericht

Dass es sogar der illegale Bereich war, glauben mittlerweile die Ermittlungsbehörden: Seit Januar läuft ein Betrugsprozess gegen drei Ex-Führungskräfte von Unister am Landgericht Leipzig. Dabei geht es unter anderem um den angeblichen Betrug an Zehntausenden Reisekunden durch "Runterbuchen". Dabei erzielte Unister hinter den Kulissen günstigere Preise als die, die den Kunden auf der Internetseite angezeigt wurden.

Den Erfolg von Unister erkaufte sich Wagner auch mit hohen Ausgaben fürs Marketing. Bei Google wurden in großem Stil Anzeigen geschaltet, mehr als 100 Millionen Euro jährlich sollen die Sachsen zeitweise an den US-Konzern gezahlt haben. Dafür tauchten die Unister-Portale immer weit oben auf, wenn Nutzer bei Google nach Begriffen wie "Pauschalreise" oder "Last Minute" suchten. Teilweise waren die Ausgaben dafür höher als die Einnahmen. Auch in die TV-Werbung mit Prominenten wie Michael Ballack und Rainer Calmund steckte Unister viel Geld.

Am Ende brach das System zusammen. Womöglich war Unister bereits Anfang 2015 faktisch zahlungsunfähig. Doch noch hielt Wagner sein Unternehmen über Wasser. Bis zum Sommer 2016.

Falscher Diamantenhändler

Wollte der Unister-Gründer mit frischem Geld sein angeschlagenes Unternehmen wieder in die Spur bringen? Das ist bis heute nicht geklärt. Fakt ist, dass Wagner mit einem Mitgesellschafter und einem weiteren Geschäftsmann Mitte Juli nach Venedig flog. Grund der Reise waren 15 Millionen Euro an Kredit, die der angebliche israelische Diamantenhändler "Levy Vass" bereitstellen wollte. Doch Wagner fiel anstatt dessen einem "Rip deal" zum Opfer. "Vass" drehte ihm Falschgeld an und verschwand mit 1,5 Millionen Euro, die Wagner für den Kredit als Sicherheit mitgebracht hatte.

Auf dem Rückflug nach Deutschland kam es dann zum Unglück. Über Slowenien stürzte das Kleinflugzeug mit Wagner und seinen zwei Begleitern ab. Die drei Männer und auch der 73-jährige Pilot kamen dabei ums Leben. Die Ursache des Absturzes ist bis heute nicht geklärt. In einem vorläufigen Bericht waren die Ermittler von "Unwetter und einem Pilotenfehler" ausgegangen. Hinweise auf ein Fremdverschulden gab es zunächst nicht. Die Ermittlungen der slowenischen Flugunfalluntersuchungsstelle dauern jedoch an.

Nach dem Absturz waren Teile des Kleinflugzeugs vermisst worden, darunter das Höhenleitruder, das aber später gefunden wurde. Nach ersten Berichten hieß es, dieses sei durch Fremdeinwirkung eines anderen Gegenstandes beschädigt worden. Dies befeuerte Verschwörungstheorien, die nach dem Unfall kursierten. So hieß es laut "Stern" aus dem Umfeld von Wagner später, ein Geheimdienst könne hinter dem Absturz stecken, da Wagner angeblich Google und damit US-Interessen im Weg war. Auch von einem von Wagner inszeniertem Unfall, um sich abzusetzen und aus der Affäre ziehen zu können, war die Rede.

Pleite unabwendbar

Nur wenige Tage nach dem Unglück meldete Unister schließlich Insolvenz an. Zahlreiche Gesellschaften des verschachtelten Online-Reise-Imperiums folgten. Zum Insolvenzverwalter von Unister wurde Lucas Flöther ernannt. Dieser hat mittlerweile große Teile des Unternehmens verkauft. Der Reisebereich, zu dem unter anderem die Portale fluege.de und ab-in-den-urlaub.de gehören, ging an den tschechischen Investor Rockaway Capital.

In den folgenden Monaten wurden die Ereignisse um Wagner und Unister juristisch aufgearbeitet. Der Vermittler des Betrugsdeals in Venedig, ein 69-Jähriger aus Unna, wurde im März vom Landgericht Leipzig zu fast vier Jahren Haft verurteilt. Er hatte das Geschäft mit "Levy Vass" eingefädelt. Ein Urteil in dem Betrugsprozess gegen drei Ex-Führungskräfte steht noch aus. Es gab Vorgespräche zu einem Deal, um das Verfahren abzukürzen. Er kam aber nicht zustande.

Außerdem steht der Verdacht der Insolvenzverschleppung bei Unister im Raum. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Prüfungen dazu noch nicht abgeschlossen. Das Problem: Insolvenzverschleppung ist ein Delikt, das nur vom Geschäftsführer eines Unternehmens begangen werden kann. Bei fast allen Gesellschaften ist aber Wagner als Geschäftsführer eingetragen gewesen.

Quelle: ntv.de, kst

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