Warnung vor FlugausfällenIEA-Chef: Europa hat noch Kerosin für etwa sechs Wochen

Aufgrund des Iran-Krieges ist die wichtige Handelsroute durch die Straße von Hormus blockiert. Experten warnen, dass die Kerosin-Reserven bald aufgebraucht sein könnten. Flugausfälle wären die Folge. Wirtschaftsministerin Reiche sieht in Deutschland aber keine drohenden Knappheiten.
Europa verfügt nach Angaben des Chefs der Internationalen Energieagentur (IEA) nur noch über Kerosin für etwa sechs Wochen. Die derzeitige Lage bezeichnete Fatih Birol in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP als "größte Energiekrise, die wir je erlebt haben". Der IEA-Direktor warnte vor möglichen Flugausfällen, sollten Öllieferungen aufgrund des Iran-Krieges weiterhin blockiert bleiben. "Ich kann Ihnen sagen, dass wir bald die Nachricht hören werden, dass einige Flüge von Stadt A nach Stadt B aufgrund von Treibstoffmangel gestrichen werden könnten."
Ähnlich sieht es der Ökonom Claudio Galimberti von der Analysefirma Rystad Energy. Die Situation könne binnen der "nächsten drei, vier Wochen systemisch" werden, sagte der Experte. "Es könnte also schon im Mai und Juni zu erheblichen Flugkürzungen kommen." Galimberti zufolge wurden bereits Flüge wegen Kerosin-Engpässen gestrichen. Eine Sprecherin der Europäischen Kommission hingegen sagte, es gebe bisher keine Hinweise auf Treibstoffmangel. Sie räumte allerdings auch ein, dass es "insbesondere bei Flugkraftstoffen in der nahen Zukunft zu Versorgungsengpässen" kommen könne.
Der europäische Dachverband für Flughafenbetreiber (ACI Europe) schrieb in der vergangenen Woche an die EU-Kommission, dass ab Anfang Mai eine Kerosin-Knappheit eintreten könnte, wenn Tanker nicht vorher wieder durch die Straße von Hormus fahren. Die Meerenge verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman. Seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar ist sie de facto durch die iranischen Revolutionsgarden weitgehend gesperrt. Normalerweise verläuft rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports durch die Schifffahrtsstraße.
Reiche: Kein Kerosinmangel in Deutschland
Eine allgemeine Einschätzung der Lage zu treffen, ist schwierig: Japan etwa ist äußerst abhängig von Importen, hat aber zugleich erhebliche Reserven aufgebaut. In Europa sind einige Länder schneller betroffen: Während Österreich, Bulgarien und Polen über größere Vorräte verfügen, sieht es etwa in Großbritannien, Island und den Niederlanden anders aus.
Für Deutschland sieht Wirtschaftsministerin Katherina Reiche derzeit keine drohenden Knappheiten von Flugzeugtreibstoff. "Hier haben wir in Deutschland keinen Mangel an Kerosin", sagte Reiche in Berlin. "Kerosin wird übrigens auch in deutschen Raffinerien produziert", die deutsche Wirtschaft sei also nicht nur von Importen abhängig. Für den Moment könne sie "Sorgen um Knappheiten nicht bestätigen".
Die Auswirkungen werden sich auch je nach Flughafen und Airline unterscheiden. "Kleinere Flughäfen im Landesinneren werden in einer schwächeren Position sein als die großen Drehkreuze", sagte der Ökonom Rico Luman von der ING-Bank. "Es wird nicht zu einem vollständigen Stillstand kommen, sondern zu teilweisen Ausfällen bei einigen Airlines und Flughäfen."
Unterdessen nimmt der Notfallplan der Europäischen Union (EU) Gestalt an. Wie aus einem Reuters vorliegenden Entwurf des für den 22. April angekündigten Konzepts hervorgeht, sollen die Raffineriekapazitäten in Europa erfasst und deren volle Auslastung sichergestellt werden. Weitere Maßnahmen zur Sicherung der Kerosin-Versorgung seien in Arbeit, sagten mit den Plänen vertraute Personen der Nachrichtenagentur.