Inflationswelle drohtIW warnt: Hoher Ölpreis frisst deutsches Wachstum auf

Durch den Iran-Krieg springen die Ölpreise über die wichtige Marke von 100 US-Dollar. Wirtschaftsexperten warnen: Sollten sie dieses Niveau längerfristig halten, wird es für die deutsche Wirtschaft kritisch.
Experten warnen angesichts der stark gestiegenen Energiepreise durch den Iran-Krieg vor enormen Kosten für Wirtschaft und Verbraucher in Deutschland. "Zieht sich die Krise über Monate, könnte es für die deutsche Wirtschaft ernst werden", sagte die Handelsexpertin des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), Samina Sultan. Nach IW-Berechnungen würde ein Ölpreis von 150 US-Dollar je Barrel die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr rund 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten, 2027 dann bereits 1,3 Prozent. "Real verliert Deutschland damit über 80 Milliarden Euro in zwei Jahren", sagte Sultan. "Das trifft die ohnehin fragile Erholung hart."
Die Nordsee-Rohölsorte Brent und US-Leichtöl WTI verteuerten sich nach Angriffen auf iranische Tanker und Lager zu Wochenbeginn um jeweils rund 15 Prozent. Mit 107,72 und 103,99 Dollar je Fass (159 Liter) lagen sie auf dem höchsten Stand seit rund vier Jahren. "Hält die Krise an, droht eine neue Inflationswelle", sagte Sultan. Bei Lebensmitteln dürften nicht nur Transport und Verarbeitung teurer werde: "Auch Düngemittel werden knapp - mittelfristig steigen dann die Preise im Supermarkt."
Von einem Ölpreisdeckel - wie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine - sollte die Politik absehen. "Er hat den Fiskus Milliarden gekostet und kaum gewirkt", sagte Sultan. "Sinnvoller wäre es, gemeinsam mit den G7-Staaten die strategischen Ölreserven freizugeben."
Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) wollen noch am Montag über eine mögliche Freigabe von Notfall-Ölreserven beraten, wie die Nachrichtenagentur Reuters aus französischen Regierungskreisen erfuhr. Die "Financial Times" hatte zuerst über die Erwägungen berichtet. Dem Bericht zufolge soll auch die Internationale Energieagentur (IEA) an den Beratungen teilnehmen. Drei G7-Staaten, darunter die USA, hätten sich bereits für die Idee ausgesprochen, so die Zeitung unter Berufung auf Insider.
Industrie leidet
Die deutsche Industrie ist mit einem doppelten Rückschlag ins Jahr gestartet: Ihre Aufträge brachen im Januar so stark ein wie seit zwei Jahren nicht mehr, während die Produktion den zweiten Monat in Folge gedrosselt wurde. Das Neugeschäft schrumpfte um 11,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Damit endete eine Serie von vier Anstiegen in Folge, zu denen staatliche Großaufträge für Rüstung und Infrastruktur beitrugen.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) sieht in dem schwachen Auftakt "schwierige Vorzeichen für das Gesamtjahr 2026", wie ihr Chefanalyst Volker Treier sagte. Das Bundeswirtschaftsministerium befürchtet infolge des Iran-Kriegs weitere Rückschläge. Wegen der auf den Weltmärkten gestiegenen Gas- und Ölpreise sei "das Risiko für einen Rückschlag bei der erwarteten Erholung der Industriekonjunktur deutlich gestiegen".